«Das Klumpenrisiko UBS ist eine Gefahr für die Schweiz»
Ein Jahr nach dem CS-Crash
Bald ist es ein Jahr her, dass die Credit Suisse unterging. Wie haben die Regionalbanken die Bankenkrise 2023 erlebt? Was hat sich für sie seither verändert? Antworten von den drei CEOs.
Der Vertrauenskrise folgte der Untergang. Innert Jahresfrist hatte die Aktie der Grossbank Credit Suisse rund zwei Drittel ihres Werts verloren. Kunden zogen Milliarden ab, die CS hatte das Vertrauen der Kundschaft und der Anleger verspielt.
Am 19. März war die Credit Suisse am Ende. Sie wurde vom Bundesrat mit der UBS «zwangsverheiratet». Die Schweiz hat nur noch eine Grossbank. Die Chefs der drei Genossenschaftsbanken im Zürcher Oberland blicken zurück.
Wie haben Sie als Banker diese Wochen vor dem 19. März erlebt?

André Wegmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung Bank Avera: Die Wochen davor verliefen im Tagesgeschäft völlig normal. Wir haben weder eine Verunsicherung noch einen grösseren Zulauf von CS-Kunden gespürt. Der Aktienkurs begann jedoch bereits im Februar erneut zu sinken. Ab dem 10. März war aufgrund der Entwicklung der Credit-Default-Swaps erkennbar, dass etwas nicht stimmt. Innerhalb weniger Tage verdreifachte sich dieser. Eine Woche später stürzte der Aktienkurs ab.
Lars Studer, Vorsitzender der Bankleitung Raiffeisenbank Zürcher Oberland: Ich hatte die sich zuspitzende Lage natürlich in diversen Medien bereits länger mitverfolgt, und trotzdem habe ich nicht mit diesem Ende gerechnet. Nach den Ereignissen rund um die Credit Suisse müssen wir uns eingestehen: Jede noch so gut kapitalisierte Bank kann scheitern, wenn das Vertrauen fehlt. Vertrauen zählt im Bankgeschäft mehr als alles andere und ist viel schneller verloren als gewonnen. Wichtig ist, dass nur Risiken eingegangen werden, die auch verstanden und beherrscht werden, und dass diese Risiken zum Geschäftsmodell passen. Dennoch, eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht, und dies wurde uns wieder einmal deutlich vor Augen geführt.
Damian Lanter, Vorsitzender der Geschäftsleitung Bank BSU: Es war ein Déjà-vu zur Finanzkrise 2008: eine Bankeninsolvenz in Amerika, die eine Schweizer Grossbank in arge Probleme brachte oder diese Schwierigkeiten verstärkte. Als die Schweizerische Nationalbank eine Liquiditätshilfe über 50 Milliarden Franken sprach, war für mich klar, dass sich die CS kaum mehr stabilisieren kann. Die Übernahme durch die UBS war aufgrund des Zeitdrucks die logische Konsequenz. Persönlich ging ich allerdings davon aus, dass dies nur der erste Schritt zur Stabilisierung ist und die Abspaltung des Schweizer Geschäfts noch folgen wird.
Welche Folgen hatte der Zusammenschluss für Ihre Bank?
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Lars Studer, Raiffeisenbank: Wir haben festgestellt, dass Kundinnen und Kunden in dieser unsicheren Zeit die Nähe und persönliche Beratung unserer Raiffeisenbank noch mehr schätzten. Raiffeisen wird als sichere und vertrauenswürdige Bank wahrgenommen. Entsprechend hat auch die Raiffeisenbank Zürcher Oberland insbesondere im ersten Halbjahr 2023 einen erhöhten Zuwachs von Kundinnen und Kunden und von Kundeneinlagen verzeichnet. Dies war unter anderem darauf zurückzuführen, dass Bestandskundinnen und -kunden, die auch eine Kundenbeziehung zur Credit Suisse haben, Geld zu uns transferiert haben. Über das gesamte Jahr 2023 hinweg waren die Zuflüsse aber moderat, und die Entwicklung der Kundeneinlagen bewegte sich im üblichen Rahmen.
Damian Lanter, Bank BSU: Generell haben wir eine grosse Verunsicherung beobachtet. Die Ursachen und Zusammenhänge, die zur Übernahme der CS geführt hatten, sind zu komplex, als dass sie für die Grossmehrheit der Bankkundschaft mit aller Konsequenz überschaubar und nachvollziehbar wären. Viele verbinden bei einer Bank nach wie vor Grösse mit Sicherheit und sind sich nicht bewusst, dass das Geschäftsmodell einer klassischen, kleineren Bank weniger risikobehaftet ist als dasjenige einer international tätigen Universal- und Investmentbank. So haben wir zwar einerseits Neukunden gewonnen, andererseits aber auch erlebt, dass verunsicherte Kunden Vermögenswerte auf mehrere Banken verteilt haben. Insgesamt haben wir als Regionalbank nicht vom Untergang der Credit Suisse profitiert.
André Wegmann, Bank Avera: In den ersten Tagen spürten wir eine erhöhte Nachfrage nach Kontoeröffnungen, die sich jedoch schnell wieder legte. Im letzten Jahr sind wir zwar bei den Kundengeldern stark gewachsen, was jedoch mehr auf unsere attraktive Verzinsung als auf den Untergang der Credit Suisse zurückzuführen ist. Laut einer Studie der Hochschule Luzern (HSLU) flossen etwa 82 Prozent der Gesamtabflüsse der CS zu den Kantonalbanken.
Die UBS ist zur Superbank geworden. Sehen Sie das als Gefahr für die Schweizer Volkswirtschaft?

Damian Lanter, Bank BSU: In den 1990er Jahren gab es noch fünf Grossbanken, die nun allesamt Vorgängerbanken der UBS sind. Von den fünf systemrelevanten Banken musste eine «notfallmässig» von einer anderen übernommen werden. Alternative Massnahmen, die im Rahmen der Systemrelevanz angedacht sind, hatten nicht gegriffen oder wären offenbar nicht genügend rasch umsetzbar gewesen. Zudem hat uns die Vergangenheit gelehrt, dass nicht alle Entwicklungen vorhersehbar sind. Insofern sehe ich in einem solchen Klumpenrisiko klar eine Gefahr für die Schweiz.
André Wegmann, Bank Avera: Es gibt hier zwei Aspekte: einerseits die Frage nach einer monopolistischen Stellung, andererseits die Frage nach dem Schadensrisiko bei einem erneuten Crash. In Bezug auf die Monopolisierung haben wir in der Schweiz genügend Banken, damit der Wettbewerb spielen sollte. Allerdings besteht die Gefahr, dass neue pauschale Regulationen das Leben für Regionalbanken erschweren und so den Wettbewerb verhindern. Hier müssen Gesetzgeber und Regulatoren darauf achten, dass neue Anforderungen proportional zum Risiko und zur Komplexität des Geschäftsmodells der entsprechenden Bank stehen.
Eine weitere Frage betrifft die Möglichkeit eines neuen Crashs: Was passiert, wenn es in Zukunft erneut zu einem Vertrauensverlust bei der neuen UBS kommt, der zu massiven Geldabflüssen und letztlich zum Crash führen könnte? Es gibt keinen Plan B mehr. Persönlich wünsche ich der neuen UBS und Sergio Ermotti gutes Gelingen. Eine gute Risikokultur und eine bescheidenere Incentivierung der Mitarbeitenden sind für mich die wichtigsten Elemente. Diese Kultur muss vom Top-Management vorgelebt werden. Das Top-Management und die Mitarbeitenden sollten nicht mit übertriebenen Boni dazu verleitet werden, Risiken einzugehen, die weder verstanden noch gemanagt werden können.
Lars Studer, Raiffeisenbank: Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der CS-Übernahme durch die UBS lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt noch kaum abschätzen. Wichtig ist, dass der Fall Credit Suisse aufgearbeitet wird, damit Lehren daraus gezogen werden können. Das wird die Politik noch lange beschäftigen. Der hiesige Bankenplatz hat sich rasch an die neue Ausgangslage angepasst. Im Retailgeschäft ist die Angebotsvielfalt hoch, entsprechend spielt der Wettbewerb auch mit einem Anbieter weniger weiterhin gut.