Es brodelt um die «Maurmer Post»
Geharnischte Reaktionen
Die «Maurmer Post» sucht einen neuen Chefredaktor, obwohl sie einen hat. Die Wogen schlagen hoch – innerhalb und ausserhalb der Redaktion.
Die Geschichte wirkt etwas kafkaesk. Seit Mai 2023 leitet Thomas Renggli die Redaktion der «Maurmer Post». Die Arbeit macht ihm Spass, der 52-Jährige hat den Ruf einer Edelfeder. Nun darf er sich auf seine Stelle neu bewerben: mit Motivationsschreiben, Lebenslauf und Referenzen. So wurde es ihm vor zwei Wochen von Herbie Schmidt, seines Zeichens Präsident der Kommission der «Maurmer Post», mitgeteilt.
De jure leitet nicht die Chefredaktion die Geschicke der Gemeindepublikation, sondern eine fünfköpfige Kommission. Diese wird durch den Gemeinderat für die Dauer von vier Jahren gewählt und hat gemäss den redaktionellen Richtlinien, die am 1. Januar 2024 in Kraft getreten sind, die redaktionelle Hoheit.
Für die Kommission ist das Bewerbungsprozedere «ein völlig normaler struktureller Prozess». So jedenfalls sagte es Schmidt vor 14 Tagen gegenüber Züriost.
Für viele Leserinnen und Leser der «Maurmer Post» sorgt dieser strukturelle Prozess indes für Kopfschütteln. Und auch die Redaktion fühlt sich vor den Kopf gestossen.
Ein befristeter Arbeitsvertrag
Der Hintergrund: Renggli war zu einem Zeitpunkt verpflichtet worden, als unklar war, ob die wöchentlich erscheinende Zeitung weiter in der Obhut der Gemeinde verbleiben oder an einen privaten Verlag übergeben werden soll. Daher erhielt er einen Vertrag bis März 2024.
Als die Gemeindeversammlung im Juni 2023 beschloss, dass die Herausgabe der «Maurmer Post» weiterhin Sache der Gemeinde bleiben würde, gingen Renggli, sein Redaktionskollege und seine zwei Redaktionskolleginnen davon aus, dass das befristete Arbeitsverhältnis in einen unbefristeten Vertrag überführt würde.
Bis am 2. Februar ein Stelleninserat in der «Maurmer Post» erschien. Dort wurde ein Chefredaktor (m/w) in einem 50-Prozent-Pensum gesucht. Das Profil: eine Person, die die Gemeinde Maur kennt und eine journalistische Ausbildung mit einigen Jahren Berufserfahrung im Lokaljournalismus hat. Fingerspitzengefühl und Diplomatie sind ebenfalls gefragt. Wohnsitz ist idealerweise in der Gemeinde.
Thomas Renggli ist ein erfahrener Journalist mit prall gefülltem Erfahrungsrucksack. Er ist in Maur geboren und aufgewachsen und lebt mit seiner Familie in Ebmatingen.
Das Inserat überraschte viele in der Gemeinde. Unter anderen Verena Keller, die Inhaberin einer Künstleragentur und seit langen Jahren in Ebmatingen wohnhaft. «Seit Thomas Renggli die ‹Maurmer Post› führt, lese ich die Zeitung wieder», sagt Verena Keller. «Er hat die Zeitung deutlich aufgewertet.»
Unterschriftensammlung für Renggli
Sie will nicht untätig bleiben und hat in der Gemeinde eine Unterschriftensammlung für Renggli gestartet. Bis am Donnerstagabend seien schon «gegen 100 Unterschriften» zusammengekommen, die sie mit einem Schreiben an Kommissionspräsident Schmidt und an Gemeindepräsident Yves Keller (FDP) senden wolle. Sie könne es überhaupt nicht verstehen, weshalb der Chefredaktor ausgewechselt werden solle, steht in dem Schreiben. «Und so geht es auch vielen Menschen in unserer Nachbarschaft.»
Die journalistische Qualität und der Unterhaltungswert der Zeitung seien unter Renggli deutlich gestiegen, sagt Verena Keller und meint damit auch das Editorial, in dem sich Renggli wöchentlich austoben darf.
Verdattert reagierte man auch in der vierköpfigen Redaktion, die nichts von den Plänen wusste. Christoph Lehmann ist Rengglis Stellvertreter und seit 2008 bei der «Maurmer Post». Er steht kurz vor der Pensionierung und schrieb, weil er an einer anberaumten Sitzung nicht teilnehmen konnte, eine schriftliche Stellungnahme zu den aktuellen Ereignissen um Renggli. Diese wurde Züriost zugespielt.
«Überrascht, um nicht zu sagen schockiert»
Die Stellenausschreibung habe ihn «überrascht, um nicht zu sagen schockiert», leitet Lehmann seinen Brief an die «liebe Kommission» ein, um dann zum verbalen Zweihänder zu greifen. Lehmann schreibt von «sehr intransparenter Wirkungsweise und Kommunikation der Kommission», davon, dass «hintenrum die Messer gewetzt wurden», und mutmasst, dass die Kommission bereits einen Nachfolger für Renggli in der Hinterhand habe.
Es sei ihm bewusst, dass die «Maurmer Post» nicht die «New York Times» sei, so Lehmann. Aber wenn sich die Bevölkerung für die Zeitung mit der Herausgeberschaft der Gemeinde ausspreche, dann um die Unabhängigkeit zu wahren und nicht um einer Kommission die Entscheidungsgewalt zu überlassen.
«Es handelt sich um ein internes Schreiben», sagt Kommissionspräsident Schmidt. «Internas besprechen wir nicht in der Öffentlichkeit.» Ausserdem sei es nicht Aufgabe der Kommission, einen Chefredaktor zu entlassen oder einzustellen: «Wir sprechen gegenüber dem Gemeinderat eine Empfehlung aus. Und der Gemeinderat kann dieser Empfehlung folgen oder auch nicht.»
Thomas Renggli will sich zu den aktuellen Geschehnissen nicht äussern. Aber er hat sich auf die ausgeschriebene Stelle beworben: mit Motivationsschreiben, Lebenslauf und Referenzen.
