«Wir klagen auf sehr hohem Niveau»
Arbeitgeberpräsidentin Annette Lenzlinger
Annette Lenzlinger ist Juristin, Unternehmerin und Präsidentin des Arbeitgeberverbands Zürichsee und Oberland (AVZO). Zur 4-Tage-Woche hat sie eine klare Meinung.
Frau Lenzlinger, wie viele Tage und Stunden arbeiten Sie in der Woche?
Annette Lenzlinger: Sehr viel. Das hat neben meiner beruflichen Tätigkeit auch mit verschiedenen Engagements in Gremien und Verbänden, die meine Präsenz an Veranstaltungen und Versammlungen verlangen. Ich benötige als Rechtsanwältin aber auch recht viel Zeit für Weiterbildung. Und ich arbeite sehr gerne.
Verschiedene Firmen in der Region haben von der 5- auf die 4-Tage-Woche umgestellt. Was ist Ihre Meinung dazu?
Teilzeitarbeit ist immer eine Option …
Wir sprechen hier nicht von Teilzeitarbeit, sondern von der Reduktion der Arbeitszeit bei gleichem Lohn.
Meine Meinung ist klar: Als Volkswirtschaft können wir uns das nicht leisten, wenn wir den Lebensstandard wie bisher halten und steigern wollen. Unsere Produktivität in der Schweiz ist leider nicht so hoch, wie wir uns das gerne einreden. Im Gegenteil: Die Schweiz hat in den letzten Jahren an Arbeitsproduktivität und an Innovationskraft eingebüsst. Dazu kommen eine hohe Staatsquote und ein teurer Schweizer Franken, der die Industrie belastet, uns in den Auslandsferien aber natürlich erfreut. Auch unsere Sozialwerke sind darauf angewiesen, dass wir genug arbeiten.
Laut einer Erhebung des Instituts Sotomo in der Schweiz würden rund zwei Drittel der Bevölkerung die Verkürzung der Arbeitswoche auf vier Tage «sehr» oder «eher» begrüssen. Mögen Sie den Angestellten den zusätzlichen freien Tag nicht gönnen?
Ich antworte mit einer Gegenfrage: Wer würde nicht gerne weniger arbeiten und gleichviel verdienen? Wenn ich die Unternehmen in unserer Lenzlinger-Gruppe betrachte: Wir könnten nicht wirtschaftlich vier Tage arbeiten, aber unsere Mitarbeitenden für fünf Tage bezahlen.
Es gibt Beispiele in der Region, in denen das zu funktionieren scheint.
Wenn das so ist, war an diesen Orten tatsächlich eine bemerkenswert schlechte Auslastung oder Organisation vorhanden. Eine Reduktion von fünf Tagen Arbeit auf vier Tage bedingt eine Produktivitätssteigerung von 20 Prozent. Das ist wahnsinnig viel. Ich gehe mal davon aus, dass die Mitarbeitenden in diesen Unternehmen vorher nicht 20 Prozent ihrer Arbeit vertrödelt haben, indem sie herumgesessen sind und Kaffee getrunken haben. Wenn sie nun in vier Tagen leisten sollen, wofür sie zuvor fünf Tage benötigt haben, dann ist das mit sehr viel Stress und einem enormen Druck verbunden, oder dann wird tatsächlich weniger geleistet. Ich würde das unseren Mitarbeitenden nicht zumuten wollen.
Laut Eurostat beträgt die Wochenarbeitszeit in der Schweiz 42,7 Stunden, das sind 10 Prozent mehr als in der EU im Schnitt. Angesichts unserer hohen Produktivität sollte doch ein reduziertes Pensum machbar sein?
10 Prozent wären ja nicht 20 Prozent, und wie gesagt, unsere Produktivität ist nicht so hoch, wie wir gerne glauben. Wir haben relativ zu starken Volkswirtschaften wie den USA und dem EU-Raum in den letzten rund zehn Jahren an Arbeitsproduktivität verloren. Und offen gestanden: Ich weiss nicht, wieso es so erstrebenswert sein soll, dass wir uns den schlechten Volkswirtschaften unserer Nachbarländer unbedingt angleichen sollen. Ein bisschen zufriedener mit unserer hervorragenden Situation – gerade in der heutigen Zeit – dürften wir schon sein. Dazu gehört aber eben auch, die dafür nötige Leistung erbringen zu wollen. Ich finde es schade, wenn es nicht sein darf, dass es uns gut geht. Wir klagen lieber auf hohem Niveau und büssen dabei – gemütlich geworden – Konkurrenzfähigkeit ein.
