Kürzer arbeiten in Zeiten des Fachkräftemangels
Schon am fünften Tage sollst du ruhen?
Die Schweizer Wirtschaft ächzt unter dem Mangel an Fachkräften. Gleichzeitig steigt der Trend zur Teilzeitarbeit, und einzelne Firmen führen die 4-Tage-Woche ein. Wie kann das aufgehen?
Vor ziemlich genau zwei Jahren hat René Schmid, Geschäftsführer des Elektroinstallationsbetriebs EO Elektro Oberland GmbH in Bauma, den sogenannten «Belohnungstag» eingeführt. Statt 40 Stunden, verteilt auf fünf Tage, arbeiten die Mitarbeitenden von Elektro Oberland an vier Tagen jeweils neun Stunden – und dies bei gleichem Lohn.
Schmid spricht von «werteorientierter Führung» seiner neun Angestellten. Er hat vor zwei Jahren sechs Werte definiert, nach denen er sein Kleinunternehmen leiten will: darunter Stichworte wie Freude, Vertrauen und Verbundenheit. «Ich will, dass es meinen Leuten gut geht und dass sie gerne zur Arbeit kommen.»
Auch uns wird das Geld nicht geschenkt. Auch wir müssen konkurrenzfähig sein.
René Schmid
Geschäftsführer Elektro Oberland GmbH
Im Durchschnitt erwirtschaftet eine Elektroinstallationsfirma in der Schweiz eine Marge zwischen 0 und 5 Prozent. Das ist ein sehr enges Band, das letztlich zwischen Erfolg und Konkurs entscheidet. Wie geht das mit einer um 10 Prozent verkürzten Arbeitszeit?
«Auch uns wird das Geld nicht geschenkt. Auch wir müssen konkurrenzfähig sein», sagt Schmid. Nur mit der Reduktion der Arbeitszeit sei nichts gewonnen. Sein Ansatz: Er reduziert in seinem Betrieb die «unproduktiven Stunden», also jene Arbeitszeit, die er den Kunden nicht verrechnen kann.
Schmid macht das Beispiel einer Baustelle, auf der Pauschalangebote offeriert werden: «Wir fahren am Morgen auf die Baustelle. Dort entladen wir unser Werkzeug und unser Material aus dem Fahrzeug. Anschliessend richten wir uns auf der Baustelle ein und beginnen mit der Arbeit. Abends laden wir Werkzeug und Material wieder ein, räumen auf, fahren nach Hause und füllen den Arbeitsrapport aus.»
Die Fahrten, das Ein- und Ausladen, das Ausfüllen von Rapporten – all das kann Schmid seinen Kunden nicht verrechnen. «Da wir jetzt nur noch an vier statt fünf Tagen auf die Baustelle fahren und dafür an diesen vier Tagen länger arbeiten, steigern wir die Effizienz und unsere Arbeitsleistung.»

Überzeit wird bei Elektro Oberland trotz der 4-Tage- und 36-Stunden-Woche erst ab 40 Wochenstunden ausbezahlt. «Unter dem Strich arbeiten wir nicht 10 Prozent weniger, sondern 6 Prozent», stellt Schmid fest und zieht ein positives Fazit der letzten zwei Jahre.
«Die Arbeitsbelastung für unsere Mitarbeitenden ist hoch, von ihnen wird viel verlangt. Dafür haben sie am Montag oder am Freitag ihren Belohnungstag, sind dadurch ausgeruhter, motivierter und weniger oft krank.»
Dass das Arbeitszeitmodell mit dem «Belohnungstag» für Elektro Oberland funktioniert, zeigt auch die Expansion der Firma. Erst kürzlich hat sie einen Ableger in Uster gegründet.
Schmid liess sich vor zwei Jahren durch einen Artikel in der «Sonntags-Zeitung» zur 4-Tage-Woche inspirieren. Das Blatt porträtierte die Firma Glutform AG in Dietlikon, die Cheminées und Kachelöfen herstellt und die Arbeitswoche eben erst von fünf auf vier Tage reduziert hatte.
Er meldete sich wenige Tage nach der Lektüre bei Glutform-Inhaber Martin Ritler, traf diesen zum Mittagessen und liess sich das Modell erklären: «Danach war mir klar, dass ich das auch einführen werde. Ich bin in die Firma und habe den Leuten gleich gesagt, dass wir ab nächstem Monat nur noch vier Tage pro Woche arbeiten werden.»
Der Mitarbeiter soll nicht weniger verdienen, der Kunde soll nicht mehr bezahlen.
Martin Ritler
Inhaber Glutform AG, Dietlikon
«Belohnungstag» hat er den zusätzlichen freien Tag bei EO Elektro Oberland GmbH getauft. Bei der Glutform AG heisst er «Hirmu». Das eigentümlich-fremdartig klingende Wort ruft nach einer Erklärung: Inhaber Martin Ritler ist ursprünglich Walliser: «Und Hirmu heisst auf Walliserdeutsch Erholung oder auch Entspannung.»
Seit Januar 2022 arbeiten die rund 50 Mitarbeitenden der Glutform AG statt 41 noch 36 Stunden pro Woche. Auch Glutform hat dadurch die Effizienz gesteigert. Freitag oder Montag ist «Hirmu». Ritler nennt zwei Voraussetzungen für das Funktionieren der 4-Tage-Woche: «Der Mitarbeiter soll nicht weniger verdienen, der Kunde soll nicht mehr bezahlen.»

Die Arbeitszeit wird bei Glutform elektronisch erfasst. Sobald ein Mitarbeitender 36 Stunden erreicht, werden ihm fünf Stunden gutgeschrieben, so dass er seinen vertraglich vereinbarten Monatslohn erreicht.
Auch Ritlers Unternehmen stellt die Wirtschaftlichkeit des neuen Arbeitszeitmodells mit einer erhöhten Effizienz und geringeren Ausfallzeiten durch Krankheit sicher. «Bei uns arbeiten einige Mitarbeiter schon 20 oder 30 Jahre auf der Baustelle, was körperlich sehr anstrengend ist. Gerade sie schätzen die zusätzliche Erholung sehr.»
Die 4-Tage-Woche hat für Glutform noch einen weiteren positiven Aspekt: Vom Fachkräftemangel spüre er nichts, sagt der Firmenchef. «Es gibt nicht viele Ofenbauer in der Schweiz. Aber wenn ich eine freie Stelle habe, dann finde ich Leute. Das hat sicher auch mit unserem Arbeitszeitmodell zu tun.»
Es gibt nicht viele Ofenbauer in der Schweiz. Aber wenn ich eine freie Stelle habe, dann finde ich Leute.
Martin Ritler
Inhaber Glutform AG, Dietlikon
Auf dem Bau funktioniere die 4-Tage-Woche sehr gut, sagt Ritler nach zwei Jahren. Das gelte aber nicht für alle Bereiche: Insbesondere einige Büroangestellte würden sich nach wie vor schwertun. «Eine Baustelle, an der ich am Montagmorgen weiterarbeite, sieht genau gleich aus, wie ich sie am Donnerstagabend verlassen habe. Ein PC sieht am Montagmorgen hingegen ganz anders aus.»
Nicht jeder kaufmännische Angestellte kann mit der überquellenden Mailbox umgehen und nicht jeder Kunde mit einer Dauer von drei Tagen, ehe er Antwort auf eine E-Mail erhält. Ritler kommt zu einem zwiespältigen Fazit. «Für uns funktioniert es. Aber die Gesellschaft ist noch nicht bereit für die 4-Tage-Woche.»
4-Tage-Woche auch im Coiffeursalon
Elektro Oberland und Glutform sind beide im Baunebengewerbe tätig, in dem sich Arbeitszeiten im Voraus und relativ genau planen lassen. Das ist in einem Coiffeursalon deutlich schwieriger zu bewerkstelligen.
Seit Anfang 2022 bietet Graziano Cappilli seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit, bei vollem Lohn vier Tage zu arbeiten. Die wöchentliche Arbeitszeit reduziert sich von 43 auf 34,4 Stunden – 8,6 Stunden pro Tag.
Gemeinsam mit seiner Frau Carmen führt Graziano Cappilli von Rüti aus die Ketten Amici Hair Design mit fünf Standorten im Kanton St. Gallen und Adesso Hair Design mit sieben Standorten hauptsächlich im Kanton Zürich. In der Region sorgen er und sein Team in Hinwil, Rüti, Russikon, Oetwil am See und Esslingen für gepflegte Erscheinungen.
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Insgesamt beschäftigen die beiden Ketten rund 60 Angestellte. Ursprünglich hatten sich 10 Prozent der Belegschaft für die 4-Tage-Woche bei vollem Lohn entschieden. Aktuell sind es weniger. Das hat verschiedene Gründe. Einerseits arbeiten viele Hairstylisten ohnehin schon Teilzeit. «Zudem hemmen derzeit verschiedene Wechsel, Schwangerschaften und Ausfälle das Modell», sagt Graziano Cappilli.
Und es gibt einen entscheidenden Unterschied zu den beiden Firmen im Baunebengewerbe. Cappilli: «Das Modell funktioniert nur, wenn man als Mitarbeitende keine Zusatzfunktionen hat. Wer Lehrlinge ausbildet, eine Filiale leitet oder als Springer in verschiedenen Filialen aushilft, kommt nicht auf den Umsatz, den es braucht.»
Denn der Umsatz, den eine Coiffeuse oder ein Coiffeur bei Amici und Adesso pro Woche erzielen muss, bleibt gleich – egal, ob er oder sie nun fünf oder vier Tage arbeitet. Graziano Cappilli macht das auf seiner Website transparent.
Umsatz generiert eine Coiffeuse nur, wenn sie am Kunden arbeitet, nicht aber, wenn sie administrative Aufgaben übernimmt, Lernende unterrichtet oder auch nur Frotteetücher zusammenfaltet oder den Boden wischt.
Auch der Standort der Filiale entscheidet mit: «Wer viel Stammkundschaft hat, kann sich organisieren. An Standorten mit Laufkundschaft ist es etwas komplexer.»
Eine Coiffeuse, die 100 Prozent arbeitet, habe im Durchschnitt während rund 15 bis 25 Prozent ihrer Arbeitszeit keine Kundschaft, rechnet Cappilli vor: «20 Prozent sind in einer 5-Tage-Woche ein ganzer Arbeitstag.»
Wenn es ihr gelingt, ihre produktive Zeit auf vier Tage zu verteilen und an diesen vier Tagen 8,6 Stunden voll zu arbeiten, dann gehe das auf, sagt der Coiffeur-Unternehmer. «Sie hat keine Leerzeit und kommt auf denselben Umsatz.»
Natürlich besteht der Druck, Umsatz zu erzielen. Wir sind kein Non-Profit-Unternehmen.
Graziano Cappilli
Inhaber Adesso Hair Design und Amici Hair Design
Gleich viel Umsatz in weniger Arbeitszeit? Das klingt nach dem Auspressen der Zitrone in einer Branche, die eh schon tiefe Löhne zahlt. Cappilli wehrt sich gegen diesen Vorwurf: «Es geht rein unternehmerisch darum, die unproduktive Zeit zu minimieren. Aber natürlich besteht immer der Druck, Umsatz zu erzielen. Wir sind kein Non-Profit-Unternehmen.»
Das Modell sei auch nicht für alle Mitarbeitenden geeignet: «Ich schaue, dass nur Mitarbeitende auf die 4-Tage-Woche umstellen, die ihren Zielumsatz um 10 bis 15 Prozent übertreffen.» Der Teufel liegt, wie allgemein im Coiffeurberuf, im Detail, sagt Cappilli.
«Wenn eine Coiffeuse ihre Wochenarbeitszeit von fünf auf vier Tage konzentriert, muss sie einen Teil ihrer Kundschaft davon überzeugen, den Tag zu verschieben, an dem sie normalerweise zu uns kommt. Das tun nicht alle, und das muss sie abfedern können.»
Nur die «Elite» könne sich dieses Arbeitszeitmodell leisten. «Aktuell arbeitet nur ein Teil meiner Mitarbeiterinnen in einem 100-Prozent-Pensum während vier Tagen, im April kommen aber weitere dazu», sagt der Firmenchef.
«Es gibt Stolpersteine, weil es bislang kein solches Modell in unserer Branche gibt, nach dem wir uns richten können. Wir sind Pioniere und müssen alles selbst entwickeln und unsere Erfahrungen machen.» Man befinde sich jetzt quasi in der Beta-Version.
Graziano Cappilli verspricht sich mit seinem Modell Ähnliches wie René Schmid und Martin Ritler: «Weniger Stress für meine Leute. Und man ist abends einfach zufriedener, wenn man einen erfüllten Tag am Arbeitsplatz hatte. Tage mit vielen Leerstunden machen unzufrieden.»
Pilotversuch im GZO-Spital Wetzikon
Auch im GZO-Spital Wetzikon wird derzeit etwas weniger gearbeitet. In einem Pilotversuch wurde die Arbeitszeit für die 260 Pflegenden im Drei-Schicht-Betrieb um 10 Prozent reduziert, bei gleichbleibendem Grundlohn. Die Schichten bleiben gleich lang, die Pflegenden haben aber bis zu 23 Tage mehr Freitage und Ruhezeiten.
COO Judith Schürmeyer zog im Sommer in einem Interview mit dem Fachmagazin Medinside ein erstes positives Fazit. Es gebe weniger Krankheitsfälle und eine geringere Fluktuation. Zudem sei die Zufriedenheit unter den Mitarbeitenden gestiegen. Der Haken: Das neue Modell sei mit den aktuellen Tarifstrukturen langfristig nicht finanzierbar und vorerst bis Ende 2024 befristet.
Die Einführung der Arbeitszeitreduktion wurde durch das Zentrum für nachhaltige Entwicklung und Umwelt (CDE) der Universität Bern wissenschaftlich begleitet und wird derzeit ausgewertet. In den nächsten Wochen wollen die Verantwortlichen des GZO-Spitals Wetzikon über die Resultate informieren.
