Womit produzieren, heizen und fahren wir in Zukunft?
Nicht nur Windenergie
Die Energie und die Versorgungssicherheit standen im Zentrum des 10. Wirtschaftstreffens Pfäffikon. Regierungsrat Martin Neukom wagte sich ins Zürcher Oberland.
Vielleicht wäre ein Gezeitenkraftwerk irgendwo zwischen Pfäffikon und Wald eine Lösung. Schliesslich gehen die Wogen hoch im Zürcher Oberland. Seit Regierungsrat Martin Neukom (Grüne) im Oktober 2022 seine Windkraftpläne inklusive möglicher Standorte für grosse Windenergieanlagen vorgelegt hat, herrscht Unruhe zwischen Pfannenstiel und Bachtel.
Marco Hirzel (parteilos), Gemeindepräsident von Pfäffikon und Gastgeber am Wirtschaftstreffen, lobte Neukom denn auch scherzhaft für seinen «Mut, zu uns ins Zürcher Oberland zu kommen». Wie vielerorts im Kanton wollen auch hier in zahlreichen Gemeinden Initiativen die Mindestabstände von Windrädern zu bewohntem Gebiet in den Bau- und Zonenordnungen festlegen.
Tatsächlich sprach Martin Neukom im Nova-Theater in Pfäffikon über Windenergie, aber nicht nur. Der Zürcher Energiedirektor malte zunächst ein grosses Bild, zeigte die Herausforderungen, die auf die Energieversorgung der Schweiz zukommen, und illustrierte diese mit eindrücklichen Zahlen.
Es fehlen 45 Terawattstunden Strom
Aktuell verbraucht die Schweiz jährlich rund 62 Terawattstunden (TWh) Strom. Davon importiert sie im Winter durchschnittlich 4 Terawattstunden. Doch diese Lücke wird sich in den nächsten Jahren markant vergrössern: Mit der beschlossenen Stilllegung der Kernkraftwerke entfällt die Produktion von 23 TWh – macht in der Summe 27 TWh, die fehlen.
Zudem werde der Stromverbrauch bis ins Jahr 2050 auf rund 86 TWh pro Jahr ansteigen, rechnete Neukom vor: Treiber sind der Ausbau der Elektromobilität (14,5 TWh) und der Ersatz fossiler Heizungen durch Wärmepumpen (9 TWh). Das prognostizierte Bevölkerungswachstum und die Effizienzgewinne dürften sich in ihren Wirkungen etwa ausgleichen. «Unter dem Strich ergibt sich 2050 eine Stromlücke von rund 45 Terawattstunden, also die Hälfte unseres jährlichen Verbrauchs zu dieser Zeit», rechnete Neukom vor.
Er zeigte in seinem Referat auch auf, mit welchen Technologien diese Lücke geschlossen werden könnte. Windkraft ist dabei nur eine unter vielen: Neben dem Ausbau der Wasserkraft, Biomasse und Geothermie werde «die Solarenergie ein wichtiges Standbein sein. Aber mit Sonnenenergie allein schaffen wir es nicht.»
Die Atomkraft fehlte in den Überlegungen des kantonalen Energiedirektors – was in der anschliessenden angeregten Podiumsdiskussion vom früheren Swissmem-Präsidenten Hans Hess kritisiert wurde. «Jede Technologie hat ihre Vor- und Nachteile. Ich finde es falsch, dass man eine Technologie einfach verbietet.»


Es folgte die nicht ganz ernst gemeinte Frage von Diskussionsleiter Michael Kaspar, dem Chefredaktor der Zürcher Oberland Medien AG, ob er gerade für ein Atomkraftwerk im Oberland plädiere. Hess entgegnete, dass man neue Atommeiler dort bauen solle, wo jetzt schon welche stünden: «Es ist unsinnig zu glauben, dass wir in einem kalten Winter einfach Strom aus Frankreich und Deutschland importieren können. Dort ist es dann auch kalt.»
Ein Technologieverbot lasse sich kippen, konterte Martin Neukom und machte eine äusserst unideologische, pragmatische Aussage: «Ich akzeptiere eher einen Volksentscheid für den Neubau von Kernkraftwerken, als in einen Strommangel hineinzulaufen. Und das sage ich als Grüner!»
Einig war sich die Runde, der auch Daniela Waser (Geschäftsleiterin Standortförderung Zürioberland) und Thomas Hägi (Produktionsleiter Haba-Gruppe) angehörten, dass das Thema Energie und Versorgungssicherheit seit 2022 weit oben in der ökonomischen Prioritätenliste figuriert.
Ungute Erinnerungen an das Wort des Jahres
«Strommangellage» wurde damals zum Deutschschweizer Wort des Jahres gewählt, auf Weihnachtsbeleuchtungen wurde verzichtet, Denkmäler blieben dunkel, Hallenbäder kalt. «Das Thema Energie hat in den letzten 24 Monaten stark an Bedeutung gewonnen», stellte Daniela Waser fest. «Heute sind unsere Unternehmen gut vorbereitet.»
Thomas Hägi verwies auf die Anstrengungen des Pfäffiker Industrieunternehmens, Energie zu sparen und selbst zu produzieren: So nutzt Haba mittels einer Wärmerückgewinnungsanlage die Abwärme der Maschinen zum Heizen, und auf dem Dach steht eine Photovoltaikanlage mit einer Fläche von 4200 Quadratmetern: «Heute produzieren wir rund 20 Prozent unseres Stroms selbst.»
Die Frage nach der Diskussionskultur
Sein Referat hatte Regierungsrat Neukom mit einer Klammerbemerkung zur Diskussionskultur in unserem Land begonnen. Er habe gewisse Bedenken, wohin sich diese entwickle, «von links wie von rechts. Zu einer konstruktiven Diskussionskultur gehört, dass man andere Meinungen respektiert.» So betrachtet, war das 10. Wirtschaftstreffen Pfäffikon ein Musterbeispiel, wie man faktenbasiert, pragmatisch und konstruktiv debattieren kann.