Oberländer Industrieunternehmen kämpfen mit starkem Franken
Soll die Nationalbank intervenieren?
Der Schweizer Franken ist so teuer wie nie. Und damit die Schweizer Exporte. Die Industrie in der Region ist gefordert.
Der Kurs des Schweizer Frankens hat in den letzten Monaten einen steilen Anstieg erlebt: Ein Euro kostet aktuell 95 Rappen, den Dollar gibt es für 87 Rappen. Für Schweizer Touristen mag das paradiesisch sein, für unsere Exportindustrie ist es die Hölle.
In einem Interview mit dem Schweizer Radio SRF 1 schlägt Swissmem-Vizepräsidentin Eva Jaisli nun Alarm. Den Industriebetrieben gehe die Arbeit aus, Gesuche um Kurzarbeit nähmen zu, warnt die CEO des Werkzeugherstellers PB Swiss Tools und Vizepräsidentin des Dachverbands der Schweizer Tech-Industrie.
Gründe seien vor allem die Stärke des Schweizer Frankens, aber auch die nachlassende Konjunktur in den Abnehmerländern. Folgerichtig fordert Swissmem, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) an den Devisenmärkten interveniert und den Franken schwächt. «Die Tech-Branche steckt bereits in einer Rezession», so Eva Jaisli.
Exportindustrie im Zürcher Oberland
Die Schweizer Industrie ist stark exportorientiert. Das gilt auch für die Industrieunternehmen im Zürcher Oberland, die zwischen 70 (Wolfensberger AG) und 100 Prozent (Uster Technologies) ihrer Produktion im Ausland absetzen. «Wir sehen ein grosses Risiko, durch den starken Franken langfristig Aufträge zu verlieren», sagt André Masuhr, CEO der Giesserei Wolfensberger in Bauma. Die Akquise von Aufträgen sei erschwert, der Auftragseingang insbesondere im Maschinenbausektor schleppend.
Auch Uster Technologies stellt eine rückläufige Ertragslage fest. In Uster werden weltweit führende Systeme zur Qualitätssicherung und -kontrolle in der Textilindustrie hergestellt, und diese ist vor allem in Asien tätig. «In Asien, insbesondere im Hauptabsatzmarkt China, verzeichnen wir eine Konjunkturabschwächung», sagt Marketing-Manager Joachim Maier.
Am vergangenen Mittwoch hat der Pfäffiker Elektrotechnikkonzern Huber+Suhner einen um 10 Prozent geschrumpften Jahresumsatz 2023 bekannt gegeben. Als Grund wird unter anderem «die markante Aufwertung des Schweizer Frankens» ins Feld geführt.

Von einer «starken Abkühlung» spricht Michel Riva, CEO der R&M-Gruppe, die in Wetzikon Infrastrukturen für Daten- und Kommunikationsnetze herstellt. Allerdings sei Reichle & De-Massari (R&M) in verschiedenen Bereichen ein Frühzykler, so Riva: «Das heisst, wir hatten eine Abschwächung bereits im zweiten Quartal 2023 und eine Stabilisierung im vierten Quartal.» Er geht von einer leichten Verbesserung 2024 aus. R&M erwirtschaftet 8 von 10 Franken im Ausland.
Einen Geschäftsgang auf Vorjahresniveau meldet die Eugen Seitz AG, die in Wetzikon hochwertige Ventile herstellt. Auch der Schliesstechnikkonzern Dormakaba mit Sitz in Wetzikon und Rümlang äussert sich zufrieden mit der Auftragslage. Und die Belimo AG, die in Hinwil Antriebe, Ventile und Sensoren für die Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik herstellt, hat erst am Montag ein beachtliches Umsatzwachstum bekannt gegeben.
Der Schweizer Franken ist überbewertet
Klar ist, dass der starke Franken für alle Unternehmen eine Herausforderung darstellt. André Masuhr unterschreibt die Forderung von Swissmem, dass die Schweizerische Nationalbank am Devisenmarkt intervenieren soll, mit einem Ja in Grossbuchstaben. Joachim Maier von Uster Technologies pflichtet bei: «Wir befürworten alle Massnahmen, die dem Export förderlich sind.» Eine Abwertung des Schweizer Frankens sei «wünschenswert».
Für Seitz sei die starke Aufwertung «eine Herausforderung», so CMO Rico Schöni: «Wir setzen konsequent auf Effizienzsteigerungen, was einer langsamen Aufwertung entgegenwirkt.» Ganz ähnlich tönt es bei der Belimo AG, die mehr als 95 Prozent des Umsatzes im Ausland generiert. «Die Frankenaufwertung stellt eine Herausforderung dar und muss durch Produktivitätssteigerung wettgemacht werden», sagt Kommunikationschef Andreas Meile: «Probleme bereiten daher insbesondere schnelle Aufwertungen.»

Michel Riva von R&M spricht von einer «Doppelbelastung durch den starken Schweizer Franken in Kombination mit der schwachen Konjunktur». Allerdings steht er Interventionen der SNB kritisch gegenüber: «Die Vergangenheit hat gezeigt, dass diese Interventionen die Aufwertung nur verlangsamen und dies zu einem teuren Preis für die SNB.» Er erachte Devisenkäufe durch die SNB, um den Franken zu schwächen, «aus einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung als wenig sinnvoll».
Und was ist mit den Arbeitsplätzen?
Bleibt die Frage nach Arbeitsplatzabbau oder Kurzarbeit, wie von Eva Jaisli angekündigt. Hier gibt es gute Nachrichten für die Angestellten in der Region. Keines der angefragten Unternehmen plant derzeit Kurzarbeit oder einen Stellenabbau. Bei R&M beispielsweise hat eine Anpassung bereits 2023 stattgefunden – und dies primär bei grösseren Produktionsgesellschaften im Ausland. Michel Riva: «Zurzeit stellen wir wieder Mitarbeitende ein.»
Andreas Meile von Belimo meint zum Thema Stellenabbau trocken: «Aufgrund unseres Geschäftsgangs sehen wir aktuell keinen Grund, dies in Betracht zu ziehen.» Ähnlich klingt es bei Uster Technologies. «Derzeit sind keine Massnahmen wie Kurzarbeit oder Stellenabbau geplant», sagt Joachim Maier, schränkt aber ein: «Diese Entscheidung beruht auf unserem aktuellen Kenntnisstand der Marktsituation.»
Auch bei Wolfensberger in Bauma muss sich niemand vom Stammpersonal Sorgen machen. Ein Stellenabbau sei nicht geplant, sagt CEO Masuhr, schränkt aber ein: «Wir arbeiten mit 15 Prozent temporär Angestellten, um das abzufangen.» Sparmassnahmen würden diskutiert: «Unsere Hauptprobleme sind der Frankenkurs und die Verdoppelung unserer Energiekosten.»
Dormakaba hat bereits letztes Jahr den Abbau von weltweit rund 800 Stellen angekündigt, davon rund 180 in der Schweiz. Dieser steht aber nicht im Zusammenhang mit den aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen, sondern ist ein strategischer Entscheid.
Die Frage nach Kurzarbeit stelle sich nach dem derzeitigen Stand nicht, sagt Mediensprecher Patrick Lehn: «Die Schweiz bleibt unverändert einer von sieben Kernmärkten von Dormakaba. Vor diesem Hintergrund ist zur Stärkung der Marktorganisation in der Schweiz für die nächsten Jahre auch ein Personalaufbau beabsichtigt.»
