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Eine Helix für eine bessere Welt

Vom Molekül zum grossen Ganzen: Dieser Mann will von Kemptthal aus eine bessere Welt erschaffen.

«Transparenz liegt in unserer DNA»: Gediminas Mikutis, CEO und Co-Gründer der Haelixa AG in Kemptthal.

Foto: Seraina Boner

Eine Helix für eine bessere Welt

ETH-Spin-off in Kemptthal

«Rund 20 Prozent der weltweit geernteten Baumwolle entsteht aus Zwangsarbeit.» Das sagt Gediminas Mikutis, Co-Gründer und CEO der Haelixa AG. Gemeinsam mit seinem Team im «The Valley» in Kemptthal will er das ändern.

Wer nach «Baumwolle» und «Zwangsarbeit» googelt, der landet rasch in der chinesischen Provinz Xinjiang. Ganz im Nordwesten im Reich der Mitte leben die Uiguren als grösste Volksgruppe. Die turksprachige, mehrheitlich muslimische Ethnie wird von Peking systematisch unterdrückt.

Hunderttausende Uigurinnen und Uiguren leisten Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern der Provinz. Die dort hergestellte Baumwolle landet schliesslich verarbeitet bei uns – und zwar auf den Wühltischen der Discounter wie auch an den gepolsterten Kleiderbügeln der Boutiquen an der Bahnhofstrasse.

Als Konsument bleibt man im Unwissen über soziale, ethische und ökologische Bedingungen bei der Produktion und Verarbeitung der Baumwolle – egal, ob ein T-Shirt nun 9.90 oder 99 Franken kostet.

Ein Schweizer Start-up will Transparenz in die internationalen Lieferketten bringen. Haelixa ist eines von mittlerweile 138 Unternehmen im «The Valley», diesem Innovationsnukleus beim Bahnhof Kemptthal. Hier, wo einst Bouillonwürfel und Maggi-Würze hergestellt wurden, tüfteln heute findige Köpfe an Hightech-Produkten.

Zwei Frauen in weissen Mänteln und mit Schutzbrillen in einem Labor.
Haelixa macht Lieferketten transparent: Blick ins Labor im «The Valley».

Blenden wir zehn Jahre zurück ins Jahr 2014: Gediminas Mikutis, damals Chemiker mit Bachelor-Abschluss der Universität Bremen, verbringt ein Jahr in Vietnam, wo er für ein Hilfswerk arbeitet. Der begeisterte Läufer ersteht vor Ort ein Paar Laufschuhe: «Schliesslich produzieren viele grosse Marken in Vietnam.» Schon nach wenigen Kilometern seien seine neuen Markenschuhe auseinandergefallen, erzählt er mit einem Lachen. Er ist einer Fälschung aufgesessen.

Ich wollte eine Technologie entwickeln, mit der sich zweifelsfrei feststellen lässt, was echt ist und was gefälscht.

Gediminas Mikutis

Nach seiner Rückkehr beginnt der gebürtige Litauer ein Masterstudium bei den Professoren Wendelin Stark und Robert Grass im Institut für Chemie- und Bioingenieurwissenschaften der ETH in Zürich, wo er 2017 doktoriert. Die minderwertigen Schuhe in Vietnam hatten ihn auf eine Idee gebracht: «Ich wollte eine Technologie entwickeln, mit der sich zweifelsfrei feststellen lässt, was echt ist und was gefälscht.» Wie es der Zufall will, forschen Stark und Grass bereits an ebendiesem Thema.

Gemeinsam entwickelt man DNA-Marker, die auf alle möglichen Rohstoffe und Produkte aufgetragen werden und sich auf molekularer Ebene damit verbinden.

Haelixa nutzt im Labor generierte DNA-Sequenzen als Code, um An- oder Abbau des Rohmaterials zurückzuverfolgen. Die DNA trägt die Erbinformationen aller Lebewesen und kann mit einer Bauanleitung verglichen werden. DNA macht jedes Lebewesen einzigartig.

Auch unbelebte Dinge wie ein Garn oder ein Mineral können mit DNA versehen werden. Und genau hier liegt das Geschäftsmodell von Haelixa in Kemptthal.
Eine DNA-Sequenz wird in einer Kapsel verpackt und hoch verdünnt auf Produkte wie Textilien, Edelmetalle oder Edelsteine aufgetragen. Die Kapsel verbindet sich auf molekularer Ebene mit dem Material. Die DNA bleibt über die gesamte Wertschöpfungskette untrennbar mit dem Material verbunden. Wird beispielsweise Baumwolle nach der Ernte markiert, ist diese DNA auch nach der Verarbeitung zu Garn, nach dem Bleichen, Färben, Waschen noch immer eindeutig nachweisbar.

Auf diese Weise erhält jedes Produkt eine einzigartige, fälschungssichere DNA-Identität, die durch die gesamte Lieferkette bis zum Einzelhändler führt. Für jede Herkunft, Marke, Verarbeitung (rezykliert, biologisch) oder weitere Eigenschaften kann in den Labors im «The Valley» eine einzigartige DNA-Sequenz kreiert werden.

Mittels PCR-Tests – wie bei den uns mittlerweile hinlänglich bekannten Covid-Tests – wird dann an Stichproben geprüft, ob das verarbeitete Produkt die individuelle DNA enthält. Gediminas Mikutis: «Auf diese Weise können wir beispielsweise bestimmen, dass die Baumwolle in einem Pullover zwischen Januar und März 2020 in Nordpakistan produziert und markiert wurde.» Der PCR-Test ist quantifizierbar, das bedeutet, dass erkannt wird, wenn nur Teile des Produkts aus markiertem Material bestehen.

Firmen wie beispielsweise das Schweizer Textilunternehmen FTC, das hochwertige Kaschmirpullover herstellt, drucken mittlerweile das Haelixa-Logo als Qualitätsmerkmal auf die Etiketten ihrer Produkte.

Mit dieser Technologie will Haelixa einen globalen Standard setzen. Die DNA-Technologie aus Kemptthal lässt sich für beliebige Produkte einsetzen und ist problemlos skalierbar. Das heisst, sie kann sowohl für geringere Mengen wie Gold wie auch für Millionen Tonnen Baumwolle genutzt werden.

(sco)

Zwei Jahre später gründet Mikutis mit seiner Kommilitonin Michela Puddu und den beiden ETH-Professoren die Firma Haelixa GmbH. «Für eine AG reichte unser Geld damals nicht», erklärt Mikutis. Auf dem ETH-Campus Hönggerberg bezieht das Start-up die ersten Labors.

Zunächst konzentrieren sich Puddu und Mikutis auf Edelmetalle und Edelsteine, die sie mit DNA-Markern versahen. Die DNA-haltige Flüssigkeit wird im Labor chemisch hergestellt. Den Kunden werden Konzentrate zur Verfügung gestellt, die dann massgeschneidert auf den Prozess verdünnt werden. Der Name Haelixa leitet sich ab aus der Struktur der DNA: eine doppelsträngige, schraubenförmige Helix.

Rasch stellten sich erste Erfolge ein. So verkauft beispielsweise die Zürcher Kantonalbank seit 2021 Goldbarren, deren Herkunft eindeutig identifizierbar und nachverfolgbar ist. Schon in der Mine wird das Rohgold mittels eines spezifischen DNA-Markers markiert. Auf diese Weise kann der Refiner und darauffolgend die ZKB als Händlerin die Herkunft der Barren belegen.

Damit ist sichergestellt, dass das Gold in diesen Barren aus kontrollierten und zertifizierten Minen stammt. So wird verhindert, dass bei der Produktion Kinder- und Zwangsarbeit involviert sind und die Natur über Gebühr belastet wird.

Mit Edelsteinen und Metallen hat die Story von Haelixa begonnen. Doch deutlich mehr Volumen und damit Wachstumspotenzial verspricht die Textilbranche. Weltweit werden jedes Jahr mehr als 24 Millionen Tonnen Baumwolle gepflückt. Die grössten Produzenten sind Indien, China, die USA und Pakistan.

Ein Mann steht in einem Labor und hält einen schwarzen Pullover in seiner Hand.
Die Textilindustrie steht unter Druck sowohl seitens der Konsumierenden wie auch der Regulatoren: Gediminas Mikutis mit einem markierten Baumwollpullover.

Seit 2020 ist das ETH-Spin-off, das mittlerweile eine AG ist, in Kemptthal tätig. 15 Mitarbeitende forschen, produzieren und testen im «The Valley»: Chemiker, Biotechnologinnen, Molekularbiologen, Ernährungswissenschaftlerinnen, ergänzt durch Marketing- und Business-Experten. Das Team ist breit gefächert und sehr international. Dazu hat Haelixa Mitarbeitende zusätzlich dort, wo Textilien produziert werden: in Pakistan, der Türkei und China.

Calida, Hugo Boss, FTC, Nikin, Artwell

Verschiedene Unternehmen wie Calida, Hugo Boss, FTC oder Nikin arbeiten bereits mit Haelixa zusammen. Vor wenigen Monaten kam die Hongkonger Artwell dazu, die in der inneren Mongolei Kaschmirwolle herstellt und mit heiklen Produkten auf Nachhaltigkeit setzt.

Gediminas Mikutis machte sich im Frühjahr 2023 vor Ort ein Bild von den Kaschmirfarmen. Man habe «die Sorgfalt und Rücksichtnahme bei jedem Schritt im Herstellungsprozess erlebt» und wolle einen Beitrag leisten, wird der Haelixa-Chef in einer Medienmitteilung zitiert.

Die Etikette in einem violetten Kaschmirpullover zeigt das Logo des Modelabels FTC und von Haelixa.
Ausgezeichnet: Das Modelabel FTC nutzt das Logo von Haelixa als Qualitätsmerkmal.

Nicht nur Edelschneider gehören zu den Kunden von Haelixa. Im vergangenen Frühjahr brachte die italienische Modekette OVS erstmals eine Linie von T-Shirts in ihre Läden, die aus sizilianischer Bio-Baumwolle gefertigt wurden – markiert von Haelixa: Mehr «Made in Italy» geht nicht. «Ein wichtiger Schritt für uns – obschon er ein Stück weit symbolisch ist», sagte Stefano Beraldo, CEO von OVS.

«Auch grosse europäische Mode-Anbieter sind interessiert», ergänzt Mikutis. Künftig wird auch der Winterthurer Textilmaschinenbauer Rieter seine Garne mit der Haelixa-Technologie markieren. An der Textil- und Bekleidungsfachmesse ITMA in Mailand haben die beiden Firmen im Juni 2023 einen Kooperationsvertrag unterzeichnet.

Bei all diesem Namedropping bekannter Labels zielt Haelixa nicht nur auf die grossen Modemarken, sondern auf die Hersteller der Rohstoffe ganz am Anfang der Lieferkette.

Wenn Gediminas Mikutis spricht, dann spricht er oft von Transparenz und Nachhaltigkeit. Er spricht aber auch von Marketing. Der Nachweis, ethisch, sozial und ökologisch sauber zu produzieren, sei ein «enorm starkes Marketing-Instrument».

Textilunternehmen stehen unter Druck

Insbesondere Textilunternehmen stehen unter Druck: Einerseits wollen immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten wissen, wo und vor allem wie ihre Kleider hergestellt worden sind. Andererseits verlangen staatliche Regulatoren zunehmend, dass Unternehmen die Umwelt und die Menschenrechte entlang ihrer gesamten Wertschöpfungsketten schützen und dies auch belegen.

Im Juni 2023 hat das EU-Parlament einem Vorschlag über Nachhaltigkeitspflichten von Unternehmen, dem sogenannten EU-Lieferkettengesetz, zugestimmt. Das Gesetz verlangt von europäischen Unternehmen, sicherzustellen, dass ihre Zulieferer nicht gegen Menschenrechte und Umweltschutz verstossen.

Namentlich erwähnt sind Zwangsarbeit, Kinderarbeit, unzureichende Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, Ausbeutung von Arbeitskräften, Umweltzerstörung, Umweltverschmutzung und Verlust der biologischen Vielfalt. Bei Nichteinhaltung drohen horrende Geldbussen von mindestens 5 Prozent des weltweiten Nettoumsatzes des betroffenen Unternehmens. Mittlerweile laufen die Verhandlungen mit den EU-Mitgliedsstaaten über den genauen Gesetzestext.

Der Jahresumsatz verdoppelt sich jedes Jahr.

Gediminas Mikutis

«Das alles spielt uns und unserem Produkt in die Karten. Die Unternehmen müssen ihre Lieferketten zurückverfolgen, und wir haben die Technologie dazu», sagt Mikutis. «Wir ermöglichen unserem Kunden eine bessere Kontrolle über ihre Lieferkette und damit die Möglichkeit, authentisches und wissenschaftlich abgestütztes Storytelling zu generieren.»

Eine Laborantin füllt eine klare Flüssigkeit in kleine Plastikbehälter.
Die DNA-haltige Flüssigkeit wird von Haelixa im «The Valley» in Kemptthal chemisch hergestellt. Die Kunden erhalten Konzentrate, die dann massgeschneidert auf den Prozess verdünnt werden.

Der Litauer trimmt sein Start-up auf Wachstum. Exakte Zahlen will er nicht nennen, aber der Jahresumsatz sei «mittlerweile siebenstellig. Und er verdoppelt sich jedes Jahr». In zwei oder drei Jahren will Haelixa die Gewinnzone erreichen. Dann sollen 100 Mitarbeitende im «The Valley» für das junge Unternehmen arbeiten. Mikutis: «Operativ sind wir eigentlich heute schon profitabel. Aber wir wollen wachsen, und Wachstum benötigt Kapital.»

Dieses erhält Haelixa von verschiedenen Investoren, darunter die ZKB, der Chemiekonzern Clariant oder verschiedene Risikokapital-Gesellschaften. Auch die Mitarbeitenden können mit einem Optionenprogramm am künftigen Erfolg teilhaben.

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