Brocki Pfannenstil – eigentlich ein ganz normales Warenhaus
Neues Logistikzentrum in Rüti
Auch Brockenhäuser stehen im Wettbewerb mit dem stationären und dem Onlinehandel. Das Brocki Pfannenstil von Noveos hat in Rüti einen wichtigen Schritt in die Zukunft gemacht.
Noch immer riecht es nach frischer Farbe im neuen Logistikzentrum des Brocki Pfannenstil in Rüti. «Den Schriftzug haben wir eben erst anbringen lassen», erklärt Betriebsleiter Daniel Lehmann, als er durch den Eingangsbereich schreitet.
Doch trotz der neuen Infrastruktur wirkt das emsige Treiben der Mitarbeitenden in den grosszügigen Hallen bereits sehr routiniert, die Abläufe sind eingespielt. Hier reinigt ein Mitarbeiter Elektrogeräte und testet sie auf ihre Funktionstüchtigkeit. Dort faltet eine Mitarbeiterin Kleider und packt sie in eine Bananenschachtel.
Die Bananenschachtel ist nicht nur eine unverzichtbare Allzweckwaffe für private Umzüge, sondern auch ein zentraler Bestandteil der Logistik im Brocki Pfannenstil. Auf den Kartons sind Zettel angebracht mit Aufschriften wie «Textil Frühling», «Textil Sommer» oder «Garten». Sie werden eingelagert und kommen erst in einigen Monaten in die beiden Brockenstuben des Unternehmens in Volketswil und Meilen.
Ein Brockenhaus funktioniert grundsätzlich nicht anders als ein traditionelles Warenhaus: Die eingegangene Ware muss so bewirtschaftet werden, dass sie zur richtigen Zeit in der richtigen Menge und Qualität am Verkaufspunkt ist. Betriebsleiter Daniel Lehmann hat zuvor eine Karriere im Verkaufsaussendienst gemacht. Beat Stüber, der das Zentrum Produkte und Dienstleistungen führt, leitete zuvor die Filiale eines grossen Warenhauses.
(K)ein strategischer Entscheid
Der Umzug eines Unternehmens an einen neuen Ort ist ein strategischer Entscheid in der Betriebswirtschaft. Oft ist die Nähe zu Kunden oder Lieferanten ein ausschlaggebendes Kriterium, auch die Verkehrsinfrastruktur oder steuerliche Überlegungen können bei solchen Entscheidungen eine Rolle spielen.
Beim Brocki Pfannenstil war das anders. Der Umzug des zentralen Logistikzentrums von Volketswil nach Rüti geschah unfreiwillig. Das Brocki war gezwungen, seine Räumlichkeiten bis Ende April 2023 aufzugeben, weil der Besitzer die Lagerhalle anderweitig brauchte. Die ersten Monate wurden in einem Provisorium überbrückt, ehe Noveos das neue Zentrum Ende September in Betrieb nehmen konnte.
Noveos: Sozialpsychiatrie seit mehr als 50 Jahren
Gegründet als Verein Sozialpsychiatrie Zürioberland bietet Noveos seit 1972 sozialpsychiatrische Leistungen im Zürcher Oberland und am rechten Zürichseeufer an. Im Zentrum stehen Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Ihnen soll ein Leben, Arbeiten und Wohnen nach ihren Bedürfnissen ermöglicht werden.
Zu diesem Zweck führt Noveos verschiedene Unternehmen: eine Schreinerei, eine Papiermanufaktur, eine Verpackungsfirma, eine Textilwerkstatt und das Brocki Pfannenstil mit Brockenhäusern in Meilen und Volketswil. Dazu kommen drei Wohnhäuser für einen Teil seiner Klienten. Rund 100 Fachpersonen arbeiten mit 280 Klientinnen und Klienten.
Noveos finanziert rund 50 bis 60 Prozent seines Jahresbudgets von 12 Millionen Franken durch seine Unternehmen. Den Rest übernehmen Kanton, Gemeinden und private Spender.
«Etwas Geeignetes in der passenden Grösse zu finden, war nicht einfach», sagt Beat Stüber rückblickend. «Denn wir wollten nicht einfach eins zu eins umziehen, sondern auch unsere Abläufe weiterentwickeln.» Diese waren in Volketswil, bedingt durch das Layout des Lagerhauses, umständlich, kompliziert und wenig wirtschaftlich.
Fündig wurden die Verantwortlichen von Noveos im Joweid-Zentrum in Rüti. Hier, wo die Firma Sulzer bis 2008 Webmaschinen produziert hatte, befindet sich heute ein spannender Mix aus KMU verschiedenster Branchen.
Inflation, steigende Mieten, Energiepreise, Gesundheitskosten …
Seit Ende September gehört auch das Brocki dazu. Auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern, verteilt über zwei Stockwerke, sind die Abteilungen Abholdienst, Produktion, Lager und Onlineshop zu Hause. Zur Erklärung: Unter dem Begriff Produktion werden das Sortieren, die Preisbestimmung, das Reinigen und allenfalls Reparieren der angelieferten Ware zusammengefasst.
Die Inflation, steigende Mieten, höhere Energiepreise und Gesundheitskosten machen vielen Menschen auch in der Region zu schaffen. Das spürt das Brocki Pfannenstil. «Wir sind in den letzten Jahren beträchtlich gewachsen», sagt Daniel Lehmann. Insbesondere die Bereiche Kleidung und Haushaltwaren trugen zu diesem Wachstum bei.
Secondhand-Kleider und gebrauchte Geräte sind einerseits ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit, andererseits für viele Menschen eine gute Gelegenheit, Geld zu sparen.
Die Konkurrenz der grossen Online-Marktplätze
Rückläufig ist dagegen das Geschäft mit wertvolleren Gegenständen wie antiken Möbeln oder Bildern. «Hier spüren wir die Konkurrenz der grossen Online-Portale», erklärt Beat Stüber. In der Tat ist beispielsweise «Sammeln & Seltenes» die Kategorie mit den zweitmeisten Transaktionen auf ricardo.ch. «Es wird für uns immer schwieriger, an spannende, wertvolle Artikel zu kommen», stellt Stüber fest.
Umso wichtiger sind für das Brocki Pfannenstil die Räumung von Häusern, beispielsweise nach Todesfällen der Besitzer. «Hier finden wir ab und zu noch Trouvaillen.»
Um mit den Portalen wie tutti.ch oder ricardo.ch mitzuhalten, führt auch das Brocki Pfannenstil einen eigenen Webshop. «Man muss heutzutage auch online auftreten», erklärt Beat Stüber den wirtschaftlichen Aspekt. Daniel Lehmann erklärt: «Gleichzeitig konnten wir auf diese Weise spannende digitale Arbeitsplätze für unsere Klientinnen und Klienten schaffen.» Recherche, Fotografie, Beschreibung und Preisfestsetzung seien anspruchsvolle Tätigkeiten für die digital affinen jüngeren Mitarbeitenden.
Dass Daniel Lehmann von Klientinnen und Klienten spricht, hat einen Grund: Die Belegschaft der verschiedenen Unternehmen von Noveos besteht neben 100 Fachpersonen aus 280 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.
«Gerade bei ihnen besteht das Fernziel, sie wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.» Ob das gelingt, hängt vom Krankheitsbild ab. Beat Stüber: «Klientinnen und Klienten, die nicht in den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren können, bieten wir einen sinnvollen Arbeitsinhalt, gute Strukturen, Gleichbehandlung und Wertschätzung. Das ist wichtig.» Dass auch diese Menschen einen sehr wertvollen Beitrag leisten können, belegt er am Beispiel eines Klienten, der seit mehr als zehn Jahren für das Brocki Pfannenstil arbeitet: «Irgendwann hat er begonnen, Silber zu bearbeiten. Heute hat er ein umfassendes Fachwissen in diesem Bereich.»