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Jetzt steigen die Physiotherapeuten auf die Barrikaden

Der Bundesrat will die Tarife der Physiotherapeuten reformieren. Keine gute Idee, meint der Geschäftsführer der Klinik Impuls in Wetzikon.

Jetzt steigen die Physiotherapeuten auf die Barrikaden

Kürzung bei Gesundheitskosten

«Für diesen Betrag bringen Sie Ihr Auto nicht in die Werkstatt!» Thomas Aeberli, Mitinhaber und Geschäftsführer der Therapie Klinik Impuls in Wetzikon, fordert mehr Wertschätzung für die Arbeit der Physiotherapeuten. Und mehr Geld. 

Herr Aeberli, die Krankenkassenprämien steigen unaufhörlich und werden gerade für den Mittelstand mehr und mehr zum Problem. Wie und wo kann man Ihrer Ansicht nach im Gesundheitswesen sparen?

Thomas Aeberli: Unbestritten ist, dass es Massnahmen braucht, um die Kostensteigerungen zumindest abzudämpfen. Irgendwann ergibt es volkswirtschaftlich keinen Sinn mehr, wenn jeder zehnte Franken ins Gesundheitssystem fliesst. Ich sehe daher drei Bereiche mit Potenzial: erstens das elektronische Patientendossier, zweitens ambulante vor stationären Behandlungen und drittens das konsequente Abgeben von Generika sowie das Ermöglichen von Parallelimporten.

Ambulante Behandlungen und günstigere Medikamentenpreise sind einleuchtend. Können Sie erklären, wieso das elektronische Patientendossier (EPD) die Kosten dämpft?

Das EPD würde den Informationsfluss zwischen den Leistungserbringern und dadurch die Behandlungsqualität deutlich verbessern, das Resultat wäre ein optimaler Behandlungspfad, tiefere Kosten und zufriedenere Patienten. Auch könnte mit dem neuen Dossier das «Medical Shopping» unterbunden werden.

Was meinen Sie mit «Medical Shopping»?

Wenn Patienten zu verschiedenen Leistungserbringern gehen und für dieselbe Thematik im Extremfall einen dritten, vierten und fünften Arzt oder Therapeuten aufsuchen, kurz medizinische Leistungen konsumieren ohne klare Zielsetzung und Strategie.

Ach so. Im Sinne von: Die Franchise habe ich ja bezahlt, ab jetzt ist es gratis.

Genau. Wenn der Patient nichts sagt, dann weiss der Physiotherapeut nicht über die komplette Krankheitsgeschichte des Patienten von Anfang an Bescheid. Dies könnte mit einem EPD im Sinne einer verbesserten interdisziplinären Zusammenarbeit verhindert werden. Diese drei Massnahmen würden zu Einsparungen führen, und zwar ohne die Qualität der Behandlungen zu gefährden, ganz im Gegenteil.

Der Bundesrat möchte mehr Transparenz in der Abrechnung der Physiotherapeuten. Ihr Verband Physioswiss hat eine Petition dagegen lanciert und fordert seine Mitglieder auf, unter anderem via Medien Wirbel zu veranstalten. Wollen Sie uns instrumentalisieren?

Nein. Wir sind natürlich Mitglied dieses Verbands, klar. Mir geht es um unsere Mitarbeitenden, unsere Patienten und unseren Berufsstand als Physiotherapeuten. Als Mitinhaber der Therapie Klinik Impuls AG kenne ich die Zahlen, und ich sehe, was man tun muss, um wirtschaftlich bestehen zu können.

Ein Physiotherapeut beginnt nach vier- oder fünfjährigem Studium mit einem Jahreslohn von 75’000 Franken.

Können Sie mir das aufzeigen? Konkret: Was verdient ein Physiotherapeut?

Nach einem vierjährigen Studium an einer Fachhochschule schliesst ein Physiotherapeut mit dem Bachelor ab, studiert er fünf Jahre, mit einem Master. Ein frisch diplomierter Physiotherapeut im Kanton Zürich beginnt, je nach Arbeitsort, mit einem Jahreslohn von rund 75’000 Franken, in anderen Kantonen ist der Verdienst aufgrund des tieferen Taxpunktwerts noch tiefer.

Im Tarmed, dem einheitlichen Ärztetarif für die ganze Schweiz, ist jeder einzelnen ambulanten Leistung eine bestimmte Anzahl Taxpunkte zugeordnet. Insgesamt umfasst der Tarmed-Tarif mehr als 4600 einzelne Positionen. Die Taxpunkte sagen aus, wie aufwändig eine Leistung ist: Je aufwendiger sie ist, desto mehr Taxpunkte hat sie.

Neben dem Taxpunkt gibt es den Taxpunktwert. Er legt den Preis eines Taxpunktes fest. Dieser Taxpunktwert unterscheidet sich von Kanton zu Kanton. Um zu berechnen, wie viel eine Leistung kostet, werden die Taxpunkte mit dem Taxpunktwert multipliziert.

Am Beispiel Physiotherapie kostet ein Taxpunkt im Kanton Zürich 1,11 Franken. Eine Einzelsitzung für allgemeine Physiotherapie dauert in der Regel 30 Minuten und ergibt 48 Taxpunkte. Multipliziert mit dem Taxpunktwert von 1,11 Franken ergibt dies Kosten von 53.28 Franken. In einer Stunde kann ein Physiotherapeut so 106.56 Franken Umsatz erwirtschaften.

Bei der Unfallversicherung liegt der Taxpunktwert tiefer, nämlich bei 1 Franken. Damit liegt der Stundenansatz eines Physiotherapeuten noch bei 96 Franken. (zo)

Zurück zu den Plänen des Bundesrats. Es geht ihm anscheinend nicht um eine Senkung der Tarife, sondern lediglich um eine bessere Kontrolle. Oder verstehe ich das falsch?

Der Bundesrat argumentiert mit Transparenz und einer Qualitätssicherung für die Behandlung. Aber bei näherer Betrachtung sieht es anders aus. Heute ist die Tarifstruktur nicht mit der Sitzungsdauer verbunden. Die Dauer einer Sitzung wird von den Physiotherapeuten als medizinische Fachpersonen  selbst definiert. Es hat sich eingespielt, dass eine Behandlung rund 30 Minuten dauert. Jetzt will der Bundesrat diese Dauer vorgeben. Der Taxpunkt-Wert soll dann das Resultat von Verhandlungen mit den Krankenkassen sein.

Klingt logisch.

Dass der Bundesrat Transparenz schaffen will, finden wir per se gut. Wir kritisieren die Verbindung der Tarifstruktur mit der Sitzungsdauer. Der Bundesrat will je nach Behandlung Zeiten von 20, 30 und 45 Minuten einführen.

20 Minuten sind kurz …

Das sehe ich genauso. Wie soll eine Behandlung von 20 Minuten im klinischen Alltag aussehen? Stellen Sie sich vor, Sie haben eine 80-jährige Patientin mit mehreren Nebendiagnosen. Bis Sie mit der Patientin vom Wartezimmer im Sprechzimmer sind und die Frage nach dem Befinden gestellt haben, sind bereits 5 Minuten um … Wenn der Bundesrat hier mit Qualitätssicherung argumentiert und gleichzeitig einen 20-Minuten-Tarif definiert, dann finde ich das, offen gestanden, eigenartig. Zudem: Wenn Sie unterschiedliche Sitzungsdauern haben, stellt sich für uns die Frage, welche Dauer bei welchem Krankheitsbild gelten soll. Wird die Sitzungsdauer verordnet oder wählen die Physiotherapeuten diese selbst? Dies wird aus der Botschaft des Bundesrats nicht klar. Man muss sehen, dass die Festlegung der Sitzungsdauer den Aufwand für uns bei gleichem Ertrag spürbar vergrössert.

Wieso?

Ein Beispiel: Sie hätten mit dem neuen Regime in einer Stunde drei Patienten à 20 Minuten statt zwei à 30 Minuten. Die Taxpunkte bleiben aber gleich – nämlich 48 Punkte für eine halbe Stunde und ergo 32 Punkte für 20 Minuten. Dessen ungeachtet erhöht sich der administrative Aufwand um 50 Prozent. Zusätzlich werden Sie sicher den Fall haben, dass Sie den Terminkalender nicht ohne Lücken voll bekommen.

Keine Praxis kann sich unnötige Lücken im Terminkalender leisten.

Ist das schlimm?

Bei unseren niedrigen Tarifen, ja. Keine Praxis kann sich betriebswirtschaftlich unnötige Lücken leisten.

Ihr Verband Physioswiss kritisiert auch die Pläne des Bundesrats für die sogenannte aufwendige Physiotherapie. Was ist hier das Problem?

Die Tarife für aufwendige Physiotherapie sind in unserer Tarifstruktur umrissen. Wir dürfen hier 77 Taxpunkte verrechnen. Also mehr als für die allgemeine Physiotherapie.

Dabei bleibt es doch.

Ja, aber bis heute war nie eine Zeitdauer definiert. Jetzt muss eine solche Sitzung zwingend 45 Minuten dauern, auch wenn dies unter Umständen medizinisch gar nicht indiziert ist. Aufwendige Physiotherapie braucht nicht zwingend eine längere Behandlungsdauer, sondern vor allem gut aus- und weitergebildetes Personal. Ausserdem wird die Definition der aufwendigen Physiotherapie enger gefasst werden, sodass diese weniger angewendet werden kann. Wenn wir die neue Tarifstruktur einführen, wie vom Bundesrat vorgeschlagen, und nicht gleichzeitig die Taxpunkte erhöhen, dann bedeutet dies für unsere Branche faktisch eine Tarifsenkung.

Die Physiotherapie macht lediglich 3,6 Prozent der Gesamtkosten im Gesundheitswesen aus.

Ich möchte trotzdem über die Kosten der Physiotherapie sprechen. Als Bundesrat Alain Berset letzte Woche die erneut massiv steigenden Krankenkassenprämien verkünden musste, hiess es auch, dass die Kosten für die Physiotherapie in den letzten zehn Jahren durchschnittlich um 8,6 Prozent gestiegen sind. Das ist mehr als eine Verdoppelung!

Ich bin dankbar für diese Frage. Wir sind selbstverständlich dafür, dass der Gesundheitsminister genau hinschaut – das aber bitte differenziert und bei allen Leistungserbringern. Die Physiotherapie macht lediglich 3,6 Prozent der Gesamtkosten im schweizerischen Gesundheitswesen aus. Zum Vergleich: Die Verwaltungskosten der Krankenkassen betragen 5 Prozent. Das ist ein Fakt. Ausserdem darf der Physiotherapie im Allgemeinen ein überdurchschnittliches Kosten-Nutzen-Verhältnis attestiert werden. Die Physiotherapie ist nebenwirkungsarm und kostengünstig.

Wenn sich die Kosten für die Physiotherapie in zehn Jahren verdoppeln und ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis so gut ist, dann müsste man diese Verdoppelung doch irgendwo spüren. Im Sinne eines Bereichs im Gesundheitswesen, wo die Kosten sinken, beispielsweise in der Chirurgie. Das geschieht aber nicht.

Das ist korrekt. Dies lässt sich leider nur schwer objektivieren. Gut möglich, dass die Gesamtkosten der Chirurgie am Bewegungsapparat ohne uns noch höher wären. Mit der Strategie ambulant vor stationär, auf die sich alle Akteure geeinigt haben, sind die Patienten früher in der ambulanten Physiotherapie. Die Kosten fallen also bei uns an, dies ist jedoch ebenfalls vom Bundesrat so gewollt. Ebenfalls spielt die Demografie eine Rolle: Die Menschen werden älter, und sie bleiben länger aktiv – das wirkt sich anschliessend auf uns aus. Ich kenne keine Physiotherapiepraxis, die eine zu niedrige Auslastung hat, aber sehr viele mit Wartelisten.

Gut, bringen wir das Gespräch auf den Punkt. Was verlangen Sie?

Ein Physiotherapeut erwirtschaftet in einer halben Stunde 53 Franken. Wenn die Unfallversicherung bezahlt, sind es sogar nur 48 Franken! Für diesen Betrag bringen Sie Ihr Auto nicht in die Werkstatt. Von diesem erwirtschafteten Betrag werden Löhne, Nebenkosten, Miete, IT, Material, Reinigung, Weiterbildung und Neuanschaffung von Geräten bezahlt. Der interdisziplinäre Austausch, die Berichterstattung an zuweisende Ärzte, Aktenstudium und Dokumentation der Krankengeschichte werden von der Versicherung nicht zusätzlich vergütet. Würde dem Bundesrat die Qualität der Behandlung in der Physiotherapie wirklich so am Herzen liegen, würde er eine Tarifstruktur vorlegen, in der wir diese Arbeiten abrechnen können.

Grosse Praxen wie die unsrige können die geplante Anpassung der Tarifstruktur wohl verkraften. Für mittlere und kleinere Praxen wird es jedoch schwierig. Für einige würde der geplante Tarifeingriff schlicht Lichterlöschen bedeuten, weil langfristig keine Mitarbeitenden mehr rekrutiert werden könnten und das Geld für Investitionen in die Praxis fehlen würde. Wir verlangen eine zeitgemässe Tarifstruktur und einen höheren Taxpunktwert, der uns ermöglicht, adäquate Löhne zu zahlen und in die Weiterbildung unserer Mitarbeitenden zu investieren. Nur so lässt sich die Behandlungsqualität der Physiotherapie für unsere Patienten auch in Zukunft sicherstellen.

Persönlich

Thomas Aeberli (45) arbeitet als Osteopath und ist Mitinhaber und Geschäftsführer der Therapie Klinik Impuls AG in Wetzikon. Er ist Mitbegründer der Klinik , die seit 2011 als interdisziplinäres medizinisches Kompetenzzentrum im Zürcher Oberland Orthopädie, Handchirurgie, Rheumatologie, Innere Medizin, Chirurgie, Osteopathie, Physiotherapie sowie Ergotherapie anbietet.

Die Therapie Klinik Impuls AG beschäftigt 14 Physiotherapeuten, vier Osteopathen und zwei medizinische Praxisassistentinnen. Thomas Aeberli ist in Wallisellen aufgewachsen und lebt mit Frau und Tochter im Zürcher Oberland.

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