Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Wirtschaft

Wenn Orgelpfeifen Farben versprühen

Restauration und Unterhaltsarbeiten, dass ist die tägliche Arbeit der Orgelbauer. Das Handwerk ist traditionell – auch in Rüti.

Andreas Zwingli im Lager mit Hunderten Orgelpfeifen: Der ehemalige Organist und Kantor der Reformierten Kirche Wetzikon leitet seit 2017 die Späth Orgelbau AG in Rüti.

Foto: Sandro Compagno

Wenn Orgelpfeifen Farben versprühen

Späth Orgelbau AG in Rüti

Seit über 100 Jahren baut die Späth Orgelbau AG in Rüti Kirchenorgeln. Das Handwerk ist traditionell, doch auch in dieser Nische hält die Moderne Einzug.

Rund 3000 Orgeln gibt es in der Schweiz. Sie alle müssen von Zeit zu Zeit neu gestimmt und gereinigt werden. Neue Orgeln werden nur noch selten gebaut. Entsprechend dominieren heutzutage nicht die Konstruktion, sondern die Revision, Restauration und Unterhaltsarbeiten die tägliche Arbeit der Orgelbauer. 

Das Stimmen geschieht bei rund 18 Grad Celsius und mit einer Frequenz von 440 Hertz, dem Standardkammerton A.

Und diese 18 Grad waren auch der Grund, warum Geschäftsleiter Andreas Zwingli sich Ende August spontan Zeit nehmen konnte, um Züriost durch die Werkstatt und das umfangreiche Lager in Rüti zu führen: «Eigentlich hätte ich eine Orgel stimmen sollen. Aber bei Temperaturen über 30 Grad ergibt das keinen Sinn …»

Traditionelle Materialien, althergebrachte Technik

In der Werkstatt restauriert Orgelbauer Theo Zuber gerade das Labium einer Holzpfeife aus dem Jahr 1761. Hier entsteht der Klang einer Orgel.

Gearbeitet wird mit althergebrachter Technik und traditionellen Materialien, beispielsweise Knochenleim, so, wie die alten Meister die Orgeln damals gebaut hatten. «Einen Unterschied zu früher gibt es», sagt Orgelbauer Zuber: «Wir haben Strom.»

Ein Schreiner in Shirt und kurzer Hose beugt sich über ein Stück einer Orgelpfeife.
Sorgt für den richtigen Ton: Orgelbauer Theo Zuber arbeitet am Labium einer Orgelpfeife.

Die Restauration einer alten Orgel ist ein ständiges Abwägen, was ersetzt werden darf und was wieder instand gestellt werden muss. Als Beispiel zeigt Andreas Zwingli auf die beiden Bälge der Orgel, mit der sein Mitarbeiter gerade beschäftigt ist.

Das Leder des einen Balgs musste ersetzt werden; der zweite Balg, der weniger oft und vor allem langsamer bewegt wird, darf sein mehr als 200-jähriges Leder behalten: «Wir wollen konservieren, nicht neu bauen.»

Andreas Zwingli ist ursprünglich Musikwissenschafter und Lehrer. Von 2000 bis 2006 war er Organist und Kantor in der Reformierten Kirche Wetzikon. Schon immer wollte er Orgeln nicht nur spielen, sondern auch wissen, wie sie genau funktionieren.

Im Rahmen einer Partnerschaft zwischen der Kirchgemeinde Wetzikon und einer Kirche in Rumänien hat er dort Orgeln restauriert. Seit 2017 ist er Geschäftsleiter der Späth Orgelbau AG mit neun Mitarbeitenden, darunter einem Lernenden.

Ein Mann spielt auf einer Truhenorgel.
Zieht alle Register: Andreas Zwingli bringt eine Truhenorgel zum Klingen.

3000 Orgeln in der Schweiz

Orgeln gibt es schon seit mehr als 2000 Jahren. Die Griechen und wenig später die Römer nutzten orgelartige Instrumente als profane Instrumente.

Heute existieren allein in der Schweiz rund 3000 Orgeln. «Zu den schönsten und besten gehören solche aus dem 19. Jahrhundert», erzählt Andreas Zwingli und erwähnt Namen wie Aristide Cavaillé-Coll (Frankreich), Eberhard Friedrich Walcker (Deutschland) oder den Luzerner Friedrich Haas.

Allesamt bedeutende Orgelbauer, wie der ahnungslose Züriost-Redaktor anschliessend auf Wikipedia in Erfahrung bringen sollte.

Wenn Zwingli über den Klang dieser Orgeln spricht, fallen Worte wie «Grundtönigkeit», «Mischfähigkeit» oder «Farbigkeit», Grundlagen des Orgelklangs.

Die Fehler des industriellen Orgelbaus

Leider seien mit dem Aufkommen des industriellen Orgelbaus im 20. Jahrhundert eine Vielzahl von Orgeln entstanden, in denen diese Grundlagen vernachlässigt wurden, sagt Andreas Zwingli.

Diese Vernachlässigung betraf nicht nur den Klang, sondern allgemein die Konstruktion. Viele dieser moderneren Orgeln sind beispielsweise so gebaut, dass Unterhaltsarbeiten nicht nur schwierig, sondern auch aufwendig werden.

«Wenn ich stundenlang in gebückter Haltung in der Orgel stehe, um die Pfeifen zu stimmen, so ist das nicht nur äusserst unbequem, sondern auch zeitraubend», sagt Andreas Zwingli.

Neubauten von Kirchenorgeln sind selten geworden. Doch es gibt sie immer noch. Aktuelles Beispiel der Späth Orgelbau AG ist die Orgel der neuapostolischen Kirche in Zürich-Hottingen. Andreas Zwingli und sein Team hielten sich dabei an die französische Romantik und den «Maître des maîtres» Cavaillé-Coll.

Eine moderne Kirchenorgel.
Französische Romantik neu interpretiert: Die Orgel der neuapostolischen Kirche in Zürich-Hottingen stammt von der Späth Orgelbau AG in Rüti.

Wer jetzt beim Stichwort Romantik an Blumenmuster oder güldene Schnörkel denkt, der liegt falsch. Die neue Orgel erinnert von der Klangfarbe und ihrer Vielseitigkeit an Cavaillé-Coll, ist in ihrem Design aber im Hier und Jetzt verhaftet.

«Der Kirchenraum ist sehr schlicht gehalten. Entsprechend haben wir ein einfaches, aber elegantes Design gewählt», so Zwingli. 20 Register und 1328 Orgelpfeifen umfasst die neue Orgel, die seit Juni 2023 in Betrieb ist.

Zum Vergleich: Die grösste Orgel, die die Firma Späth in ihrer über 100-jährigen Geschichte erstellt hat, steht in der Zürcher Kirche Peter und Paul. Mehr als 3000 Pfeifen und 60 Register sorgen seit 1981 für die Musik in der ersten römisch-katholischen Kirche, die nach der Reformation in Zürich gebaut wurde.

Damals hatte die Späth Orgelbau AG ihren Sitz noch in Rapperswil.

Ein Mann sitzt vor einem Computer.
Uraltes Handwerk, moderne Methoden: Orgelbauer Reinhard Steurer entwirft nicht mehr am Reissbrett, sondern mittels CAD am Computer.

So traditionell das Handwerk des Orgelbauers ist, so kann und will sich auch diese Branche dem Fortschritt nicht entziehen. Neue Orgeln entstehen bei Späth Orgelbau nicht mehr am Reissbrett, sondern am Bildschirm mittels Computer Aided Design (CAD).

Auch die Elektronik hat Einzug gehalten. So lassen sich einzelne Klangfolgen vorprogrammieren und unterstützen den Organisten oder die Organistin als Spielhilfen. Dieses Hightech-Produkt ist eine Eigenentwicklung im Hause Späth.

Was bleibt, ist das Streben nach Perfektion. Damit Grundtönigkeit, Mischfähigkeit und Farbigkeit nicht einfach für den Laien seltsame Wörter sind, sondern für ein einmaliges Hörerlebnis sorgen.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns