Wie aus Hippies erfolgreiche Unternehmer wurden
ReWi-Podcast
Die Erfolgsgeschichte eines «duftigen» Familienbetriebs, der vor 40 Jahren von Hippies gegründet worden ist: Die Firma für Aromatherapie und die Kosmetiklinie Farfalla.
Angefangen hat alles 1984 mit einem kleinen Duftladen im Zürcher Seefeld: Die Firma Farfalla wurde damals mit ihren ätherischen Ölen schnell bekannt.
Malvin Richard ist der heutige Geschäftsführer. Vor vier Jahren hat er Farfalla von seinen Eltern Marianne und Jean-Claude Richard und zwei weiteren Gründern der ersten Generation übernommen. Als Sohn von Hippies habe er «Hippieblut in seinen Adern», sagt Malvin Richard.
Dennoch meldete er sich für ein Wirtschaftsstudium an und sagt rückblickend, das sei seine Form der Rebellion gewesen. Das kommt Farfalla jetzt zu Gute. Denn damit ergänzen sich zwei Wege: Struktur und Kreativität.
Malvins Vater Richard entwickelt heute noch immer Düfte aus ätherischen Ölen, der Sohn strukturiert die Zahlen und führt das Unternehmen in die Zukunft.
In diesem Podcast sprechen wir über die Entstehungsgeschichte von Farfalla, wohin Malvin Richard das Familienunternehmen steuern möchte, welches sein persönlicher Lieblingsduft ist und was Werte und Strukturen für eine moderne Firma bedeutet.
Du bist in einer Hippiekommune aufgewachsen und hast dann Wirtschaft studiert. Ist das ein Widerspruch?
Malvin Richard: Ich finde nicht, denn auch in einer Kommune musste man ein Leben bestreiten. Meine Eltern waren sehr aktive Menschen und haben viel ausprobiert, sie haben im Garten der Kommune gearbeitet oder Musik gemacht. Mein Geburtsjahr war dann auch das Gründungsjahr der Firma. Ich bin also nicht nur als Hippie-Sohn, sondern auch als Unternehmerkind aufgewachsen.
Die Firma Farfalla wurde an deinem Geburtstag gegründet.
Ja, als ob ein Kind zu bekommen, nicht genügte, mussten meine Eltern an meinem Geburtstag zusätzlich eine Firma gründen. (lacht)
Da gibt es eine Geschichte mit einer Rosencrème, als deine Mutter schwanger war und überall Pfingstrosendüfte roch...
Ja, der Duft der Rose hat sie inspiriert. Mein Vater war aber eigentlich derjenige, der Zuhause in der Küche die Crèmes produziert und mit Düften experimentiert hat. Meine Mutter hat den Input dazu geliefert und so ist die erste Rosencrème entstanden.
Neben deinen Eltern gab es zwei weitere Gründer: Gab es später nie Diskussionen oder Probleme wegen des Geldes, als dann die Firma besser lief?
Nein, das ist wirklich etwas, das uns sehr stark verbindet. Ich zähle mich da auch dazu. Da haben sich Werte über Generationen hinweg entwickelt und gehalten. Das war damals eine Zeit, die sehr stark geprägt war von der Nachkriegsgeneration, die sich stets hinterfragt hat. Es waren Fragen wie: Wie gebe ich meinem Leben einen Sinn? Wie ernähre ich mich gesund? Wie lebe ich bewusst? Aber auch: Wie gehe ich mit Geld um? In der Kommune wurde auch damit experimentiert. Zum Beispiel kam alles erwirtschaftete Geld in einen Topf, es war egal, wer wieviel verdiente. Einer hat zum Beispiel auf der Bank gearbeitet, ein anderer war Gärtner, ein Dritter Musiker. Zum Schluss durfte sich jede Person aus der Kasse bedienen. Wenn man effektiv so lebt, dann erlebt man eine tiefere Form der Bindung. Das hat uns geprägt und das sind Werte, die auch heute noch spürbar sind.
Führst du die Firma nach diesem Prinzip weiter?
In den Werten: Definitiv! Es ist mir in grosses Anliegen, dass wir diese positive Grundhaltung weiterziehen können. Mit all unseren Partnerschaften mit Bauern, mit Lieferantinnen und Kundinnen.
Also habt ihr bei Farfalla ebenfalls einen Topf, aus dem sich alle bedienen dürfen – oder die Abmachung, dass alle gleich viel verdienen?
Nein, wir orientieren uns da schon am heutigen Markt. Wir haben Einiges ausprobiert in der Vergangenheit, das darf man schon sagen. Aber es ist schön, wenn man eine Firma führen darf, in der alle motiviert und glücklich sind. Es liegt auch an der Konstellation, wir sind jetzt mehr als 100 Mitarbeitende, da kann man nicht von allen erwarten, dass sie das Kommunengefühl noch gleich leben wie damals.
Auf eurer Webseite ist zu lesen, dass ihr flache Hierarchien habt. Das klingt immer gut, aber was heisst das konkret für Farfalla?
Das haben wir schon immer gelebt. Das kommt vielleicht auch aus der Kommune: Der Gedanke, dass man sehr stark im Team arbeitet. Das schätze ich extrem. Das passt auch sehr gut zu modernen Methoden wie dem agilen Management, mit dem man versucht, sehr nah und in kurzen Abständen miteinander zu kommunizieren, damit keine Silos entstehen.
Was meinst du genau mit Silos?
Wenn eine Gruppe an einem Thema dran ist und die andere Gruppe an etwas anderem arbeitet und niemand spricht miteinander oder hat eine Ahnung, was die andere Gruppe macht. So entstehen keine schönen Produkte. Das Gegenteil können wir hier ganz direkt erleben. Bei uns gibt es eine Hierarchie, diese soll wie ein Ruhepol sein: Wenn es sie braucht, dann ist sie präsent. Aber im Allgemeinen finden alle Entscheidungen in der Gruppe statt. Wir haben in jedem Fachbereich Gruppen und schauen, dass wir gut verteilt sind. Mein Ziel ist es eigentlich, dass es mich als Geschäftsführer nicht aktiv braucht und die Gruppen selber entscheiden können. Ich interveniere vielleicht dann, wenn es ewig lange Diskussionen gibt, um ein bisschen Geschwindigkeit rein zu bringen. Ziel ist aber, dass die Gruppen selbst die Lösungen finden. Und das erleben wir. Dabei entsteht viel Schönes. Da ist wohl auch die Verbindung zwischen Hippie und moderner Wirtschaft zu erkennen.
