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«Die Energiewende auf Einfamilienhäusern erreichen zu wollen, ist völlig grotesk»

Im Interview spricht Martin Killias, Präsident des Zürcher Heimatschutzes, über das Spannungsfeld zwischen Heimatschutz und energetische Sanierungen.

Martin Killias und der Zürcher Heimatschutz setzen sich für den Erhalt schützenswerter Objekte ein.

Archivfoto: Nathalie Guinand

«Die Energiewende auf Einfamilienhäusern erreichen zu wollen, ist völlig grotesk»

Zürcher Heimatschutz und Solarenergie

Der Zürcher Heimatschutz prüft pro Jahr 1200 Baugesuche, die geschützte Bauten und Ortsbilder tangieren. Im Interview spricht Präsident Martin Killias über das Spannungsfeld zwischen Heimatschutz und energetische Sanierungen.

Lea Chiapolini

Oberland

Herr Killias, Sie schauen sich pro Jahr hunderte von Bauprojekten an – gegen wie viele davon rekurrieren Sie jeweils tatsächlich?

Martin Killias: Im Jahr 2021 waren es rund 60 Einsprachen, beim grössten Teil ging es um den Abbruch von schützenswerten Objekten. Bei nur gerade einmal bei einem Dutzend davon handelte es sich um energetische Sanierungen.

Welche geplanten Massnahmen sind Ihnen dabei ein Dorn im Auge?

Da ist einerseits der Fensterersatz – wenn ein Haus zu einem geschützten Ortsbild gehört, sind diese nun einmal ein Teil davon. Auch wenn Fenster alle 50 bis 80 Jahre erneuert werden müssen, sollten die neuen doch zum Haus passen. Sie bilden sozusagen die Augen des Gebäudes und sind darum wichtig. Unser Hauptkritikpunkt sind aber die Solaranlagen.

Kommen diese für Sie auf geschützten Gebäuden prinzipiell nicht in Frage?

Jein. Grundsätzlich setzen wir uns dafür ein, das auf national und kantonal geschützten oder schützenswerten Häusern keine Solaranlagen erstellt werden. Aber man findet doch immer wieder Lösungen. Wenn die Anlage besonders geschickt und nicht gross einsehbar auf einem Nebengebäude, etwa einer Scheune, und nicht auf dem Hauptgebäude erstellt werden kann, dann kann das auch für uns stimmen. Grundsätzlich sind die meisten Leute ja vernünftig und wie wir an einer gemeinsamen Lösung interessiert. Doch es gibt auch sehr Beratungsresistente. Die meisten wirklich kritischen Projekte werden zum Glück bereits von den Gemeinden oder dem Kanton «abgefangen» und in gute Bahnen gelenkt. Aber ab und zu kommt es auch zu Überraschungen.

Was für Überraschungen?

Gerade wenn die rechtlichen Vorgaben gelockert werden, kann es vorkommen, dass die Gemeinden plötzlich falsche Beurteilungen machen. Die zuständigen Personen gehen fälschlicherweise davon aus, dass gewisse Bauvorhaben erlaubt sind, obwohl sie in eine Spezialkategorie fallen, die nicht von der Gesetzeslockerung betroffen sind. Ein Beispiel dafür sind die Solaranlagen, die seit kurzem grundsätzlich im Meldeverfahren erstellt werden können. Ein Teil bleibt aber eben weiterhin bewilligungspflichtig. Da muss man ein waches Auge darauf haben.

Man soll die wenigen Baudenkmäler doch einfach in Ruhe lassen und sich auf jene Lösungen konzentrieren, die wirklich etwas bringen.

Martin Killias

Präsident Zürcher Heimatschutz

Der Schweizer Heimatschutz hat eine Resolution verfasst, in der man sich gegen den Abriss von Gebäuden und für deren Sanierung einsetzen will. Da müssten Sie energetische Sanierungen doch eigentlich unterstützen.

Die meisten geschützten Häuser in der Schweiz sind über 100 Jahre alt – sie haben dicke Mauern, tiefe Raumhöhen und kleine Fenster, sind also energetisch gar nicht so schlecht, was die Dämmung angeht. Schlimmer sind die Häuser ab dem zweiten Weltkrieg, als plötzlich grosse Fenster und Glasflächen angesagt waren. Diese zu sanieren macht Sinn und da stehen wir auch nicht im Weg. Die grösste Umweltsünde ist der Abbruch und Neubau eines Hauses.

Im letzten Jahr haben drei Kantonsräte ein Postulat eingereicht, in dem der Regierungsrat aufgefordert wird, dafür zu sorgen, dass der Heimatschutz das energetische Sanieren von Liegenschaften nicht behindern oder verunmöglichen kann…

Absoluter Verhältnisblödsinn. Auf jedes noch so kleine Haus eine Solaranlage bauen zu wollen, ist ein Verhältnisblödsinn. Und wenn dies auf geschützten Häusern geplant wird, schreiten wir ein.

Verhältnisblödsinn inwiefern?

Im Mittelland gibt es unzählige, riesige Lagerhäuser, die auf ihren Dächern riesige Flächen für Solarzellen zur Verfügung hätten. Dort ist wirklich etwas zu holen. Solarzellen zu fördern ist ja sinnvoll. Aber die Energiewende auf Einfamilienhäusern erreichen zu wollen, ist völlig grotesk. Daher verstehe ich auch nicht, wie man derart verbissen für eine Solaranlage auf einem geschützten Haus kämpfen kann, das macht doch kaum einen Unterschied.

Auch nicht, wenn auf allen geschützten Häusern Solaranlagen gebaut würden?

In der Schweiz gibt es rund 70'000 geschützte Häuser. Das sind rund drei Prozent aller Gebäude. Viele davon sind gar nicht beheizt, sondern es sind Ruinen, Burgen, Kapellen, Brücken. Dann bleiben noch etwa zwei Prozent. Man soll die wenigen Baudenkmäler doch einfach in Ruhe lassen und sich auf jene Lösungen konzentrieren, die wirklich etwas bringen.

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