Die schwarze Energiequelle unter Wetzikon
Kohleabbau in Krisenzeiten
In Krisenzeiten hat man sich jeweils der Kohle unter Wetziker Boden erinnert. Letztmals ist während des Zweiten Weltkrieges geprüft worden, ob die heimische Energiequelle nicht wieder angezapft werden sollte.




Die Energiekrise ist in aller Munde. Und «Strommangellage» hat es in der Deutschschweiz sogar zum Wort des Jahres gebracht. In schwierigen Zeiten wird mit schöner Regelmässigkeit die Suche nach alternativen Energiequellen intensiviert, die möglichst lokal angezapft werden können. Heute sind das die Sonnenenergie, Erdwärme und jüngst auch die Windenergie. Früher wurde auf Wasser, Holz, Torf und auf Kohle gesetzt.
Richtig, Kohle. Und zwar unter Wetzikon. An diese erinnerte sich während des Zweiten Weltkriegs auch der Wetziker Geometer Emil Meier sen. Er stellte 1942 an das Büro für Bergbau des Eidgenössischen Kriegs-, Industrie- und Arbeitsamt ein Gesuch um «Beurteilung der Möglichkeit einer Erweiterung des Kohleabbaus». Zwischen 1862 und 1878 war in der Schöneich auf einer Fläche von 4,4 Hektaren, gemäss anderen Quellen auf 5,5 Hektaren, in diversen Stollen Schieferkohle abgebaut worden.
Geringe Qualität
Meier hatte 1909 einen Plan über das ausgebaute Gebiet angefertigt. «Auf meine Anregung wurde nun ausserhalb des ausgebeuteten Gebiets ein Sondierloch gegraben, wobei wir in einer Tiefe von sechs Meter tatsächlich noch auf Schieferkohle gestossen sind», liess er am 24. April 1942 das Bergwerk-Inspektorat wissen. Das Kohlenflöz hatte dort eine Mächtigkeit von 1,05 Meter.

Das hört sich nach viel an – und ist es für schweizerische Verhältnisse auch. Tatsächlich finden sich schweizweit nur wenige Stellen wie in Wetzikon und bei Dürnten (siehe unten), die über einen Meter breit sind. Die schlechte Nachricht: So mächtig sind nur die kalorienärmsten und sehr unreinen Vorkommen von braunem Lignit, eben der Schieferkohle.
Embracher Firma steigt ein
Dank der im Archiv Ortsgeschichte Wetzikon erhalten gebliebenen und bisher kaum ausgewerteten Korrespondenz lässt sich der weitere Weg der Meierschen Initiative gut verfolgen. Meier sen. gelang es, nicht nur seinen gleichnamigen Sohn für das Vorhaben zu gewinnen, sondern er fand mit der Steinzeugfabrik Embrach auch ein potenzieller Abnehmer der Kohle.
Die Karte zeigt schwarz schaffiert das Kohleabbaugebiet Wetzikon im Geologischen Atlas, Karte von 1875 überlagert mit aktuellen Karteninformationen. (Karte: GIS ZH)
«Diese Firma hat erklärt, dass die Schieferkohle für Industrie in trockenem Zustande brauchbar & dass sie sich um die Kohle interessiere. Ferner wurde erwähnt, dass diese Kohle sich für Zentralheizungen nicht eigne.» Das Problem ist, dass die Kohle in trockenem Zustand mit einem brennbaren Bestandteil von 32,8 Prozent einen geringen Heizwert hat. Zudem schadet der Schwefel den Dampfkesseln und Schmieden – und stinkt beim Verbrennen.
Wetziker Gaswerk winkt ab
Auf leicht tiefere Werte kam die EMPA, die die Kohle ebenfalls untersuchte. Offenbar riefen die Pläne Meiers auch die Wetziker Werkkommission auf den Plan. Das Gaswerk Wetzikon nahm jedenfalls die Kohle auch unter die Lupe und kam zum Schluss, dass es sich zwar um «ziemlich gute Schieferkohle» handle, die auch viel, aber schlechtes Gas mit viel Kohlensäure bringe.
Und dann kam der vernichtende Schluss des Gaswerks: «Da es sich also nur um eine sogenannte ‘annehmbare Qualität’ handelt, so darf man sich von der Gaswerkseite her keine grossen Illusionen machen, denn wie bereits vermerkt, ist aus dieser Schiefer-Braunkohle neben unbefriedigendem Gas weder brauchbaren Koks noch Teer zu erwarten. Das Fehlen dieser Beiprodukte würde die Gaserzeugungskosten ganz wesentlich erhöhen.»
Am Rande sei angemerkt, dass die Gaspreise in der jetzigen Krisenzeit in Wetzikon auf 2023 um 88 Prozent steigen werden.
Teurer Stollenbau
Doch die einfache Gesellschaft, die aus den beiden Meiers und der Steinzeugfabrik gebildet wurde, gab nicht auf. Sie gab den Auftrag für weitere Sonderungen. Während die Fabrik die Kosten für diese übernahm, hatten die zwei Meiers die technische Leitung vor Ort. Zudem wurde eine Schürfkonzession erarbeitet. Im Kontakt mit den Ämtern machten die Unternehmer aber bald die Erfahrung, dass das ganze Bewilligungsprozedere nicht nur kompliziert und «trotz der ausserordentlichen Zeiten» langwierig, sondern auch teuer war.

Bei nicht weniger als sieben Firmen holte Meier Offerten ein für den Tag- und den Stollenbau. Ersterer wäre günstiger gekommen, lagen die Angebote doch zwischen 126 300 und 154 150 Franken. Ein Stollenbau wurde auf 145 500 bis 259 800 Franken veranschlagt.
Abbau nicht rentabel
Effektiv ausgeführt werden dann aber nur sieben Bohrungen auf einem Areal gleich neben dem Restaurant Schöneich, das dem Wirt Karl Bosshard gehörte. Es zeigte sich, dass die vorhandene Kohleschicht zwischen 50 und 100 Zentimetern lag.
Im September 1942 begann die Steinzeugfabrik das Interesse an der Kohle in Wetzikon zu verlieren, zumal die Bohrungen ins Geld gingen, die Offerten für den Abbau als zu teuer taxiert wurden und «das Gebiet mit abbauwürdiger Kohle sehr klein geworden ist».
Hinzu kam noch Ärger mit dem Grundeigentümer, der auch zu hohe Forderungen für den Flurschaden während der Bohrungen stellte. Ausserdem wollte Bosshard für den Geschmack der Steinzeugfabrik-Leitung viel zu viel Geld für sein Grundstück und es wurden Terrainsenkungen erwartet, für die dann auch wieder die Fabrik hätte geradestehen sollen.
Zweieinhalb Tonnen Kohle
So blieben schliesslich zweieinhalb Tonnen Kohle, die während den Schürfungen gewonnen wurden und die die Steinzeugfabrik übernahm – und es wartete nochmals eine Portion Ärger.
So meldete sich Ende 1942 zweimal das Bergbaubüro Bern und drohte mit «Untersuchungs- & Strafdienst», wie Meier sen. klagte, «da wir vom Bergwerk, das gar nicht existiert, nicht alle Monate am 1. & 15. abgeänderte Pläne & Rapporte einsenden.»
Damit war die Idee zur Wiederaufnahme des Kohleabbaus in Wetzikon gestorben.
Wasser in der Grube
Nicht viel anders war es 1918 zum Ende des Ersten Weltkrieges gewesen. Auch damals war eine Wiederaufnahme der Schürfungen in Betracht gezogen worden. Doch die Initianten mussten entmutigt feststellen, dass der ganze ehemalige Grubenbereich unter Wasser stand.
Nur kurze Blüte
Entdeckt worden war der Flöz 1858 beim Bau der Bahnlinie Uster-Rapperswil. Es wurden 16 Schächte erstellt. Doch es stellte sich heraus, dass nur gerade zwei Schürfstellen abbauwürdig waren. Wegen des hohen Wasserdrucks wurde auf weitere Arbeiten verzichtet.

Doch im Mai 1862 wagten der Fischenthaler Ferdinand Bertschinger und der Stadtzürcher Jakob Tuggener die Wiederaufnahme der Schürfungen. Sie sicherten sich die Rechte für den Kohleabbau bis weit nach Unterwetzikon.
Unter ihrer Regie entstand ein veritables Bergwerk mit Maschinenhaus, Hochkamin und Kohlenmagazinen entlang der Bahngeleise. Das Kohlenbergwerk Schöneich beschäftigte auf dem Höhepunkt des Kohleabbaus um 1866 73 Arbeiter und förderte jährlich 6000 Tonnen Kohle zu Tage.

Danach begann sich das Kohlenfeld zu erschöpfen. Einen Aufschwung brachte 1870 wieder eine Krisenzeit. Während der Zeit des Deutsch-französischen Krieges stieg der Preis pro Zentner feuchter Kohle von 65 bis 95 Rappen auf 2 Franken. Doch schon bald darauf lohnte sich der Abbau nicht mehr. 1878 wurde der Betrieb eingestellt. Der als Sonderling bekannte Bertschinger beging Suizid.
Der kamerascheue Besitzer
Von Bertschinger ist nur ein Bild erhalten geblieben, das ihn allerdings von hinten zeigt. Wie Ernst Meier 1942 an seinen Kompagnon Direktor Rudolf von der Steinzeugfabrik schrieb, habe sich ihr Vorgänger Bertschinger standhaft geweigert, sich ablichten zu lassen.
«Eines Tages kam er mit seiner Frau nach Zürich. Als sie miteinander im Rennweg bei einen Photographen vorbeikamen, soll seine Frau ihn in das Atelier gestossen haben und dem Photographen den Befehl gegeben haben, ihren Mann zu photographieren. Als dann die Bilder nach Wetzikon kamen, war seine Frau gar nicht erfreut, denn er hatte sich von hinten photographieren lassen.» Bertschingers Frau verbrannte nach dessen Tod alle Unterlagen zum gescheiterten Unternehmen.
Geblieben ist von all den Bauten der einstigen Grube bis heute einzig noch das Backsteinschlösschen des Bergwerkunternehmens an der Grubenstrasse jenseits der Bahnlinie.
Aktuelle Kohlenfunde
Einer, der auf der Energiequelle gebaut hat, ist Paul Ruppert. 1972 erwarb der heute 87-Jährige in der Schöneich von der Gemeinde ein Stück Land, auf dem ein Bauernhof stand. An dessen Stelle erstellte er seine Firma Meteolabor. «Ich wurde damals von der Gemeinde gewarnt, dass das einstige Bergwerk nie richtig saniert worden sei. ‘Sie müssen aufpassen, der Baugrund ist schlecht!’» Immerhin soll zuvor auch schon mal ein Trax in den Untergrund eingebrochen sein.

So liess er den Untergrund geologisch untersuchen. Und zur Sicherheit stellte er den Neubau auf eine gut armierte Betonplatte. Bei der zweiten Bauetappe 1982 kam es dann zu einem besonderen Vorfall. Der erfahrene Polier, der den Aushub überwachte, sei plötzlich zu ihm gekommen: «So etwas habe ich in meiner ganzen Berufslaufbahn noch nicht gesehen.» Er war in drei Metern Tiefe auf ein Loch von 40 Zentimeter Durchmesser gestossen, ein Kohleflöz. «Es war zu klein, um dort einzusteigen. Der Einstieg wäre zu riskant gewesen.» Ruppert entnahm mehrere Stücke Kohle.
Von diesen ist heute nur noch ein brauner, fester Klumpen übrig, den er aber gut hütet. Geblieben ist ihm noch eine weitere Erinnerung. «Ist das nicht ein wunderbares Omen für meine Firma, wenn sich unter ihr Chole befindet», habe er mit Blick auf den wirtschaftlichen Erfolg seines Unternehmens erklärt.
Geschichten in Wanderbuch
Vor kurzem besorgte ihm sein Freund Jürg Lüthy noch ein zweites Stück Kohle aus der Schöneich. Es stammt aus der Baugrube für ein Mehrfamilienhaus, das an der Hofstrasse schräg vis-à-vis der neuen Migros erstellt wird.

Lüthy ist Autor des soeben erschienen Bandes «Zämegolaufe», in welchem 23 Wanderung rund um Wetzikon beschrieben werden, samt natur- und kunsthistorischen Hinweisen. Im Parcour 8, der ins Amitzgiriet führt, geht er eingehend auf die Geschichte des Kohleabbaus in der Schöneich ein und im Parcours 19 auf die Schieferkohlen bei Dürnten.
Ein drittes Kohle-Stück hat Ruppert auch noch. Geholt hat er es aus dem Braunkohlebergwerk Käpfnach in Horgen, dem grössten auf Zürcher Boden. Es erinnert ihn an seinen ersten Einstieg in jenes Bergwerk im Jahr 1942. Als Erstklässler durfte es Ruppert, der nicht weit davon entfernt aufgewachsen war, besuchen.
«Ich sehe noch die Bergleute mit ihren schwarzen Köpfen vor mir, die auf dem Grubenzug ausfuhren.» Im Gegensatz zum Wetziker Bergwerk war jenes in Horgen während des Ersten und Zweiten Weltkrieges jeweils reaktiviert worden. Im Januar 1947 wurde es endgültig stillgelegt, ist aber heute noch für Besucher zugänglich.
Bei Dürnten wurde früher und mehr Kohle abgebaut
m 18. Jahrhundert herrschte ein grosser Mangel an Heizmaterial. Beim Pflügen oder beim Graben nach Trinkwasser wurden am Oberberg bei Dürnten Kohleschichten angeschnitten. Die Grundeigentümer begannen auf eigene Faust, diese Kohle zu fördern. Im Unterschied zur Schöneich in Wetzikon konnte dort die Schieferkohle im Tagbau abgebaut werden.
Eigentlich durfte nur Torf ohne staatliche Bewilligung aus dem Boden geholt werden. Doch der zuständige Regierungsrat erlaubte um 1820 den ärmsten Familien im Staatswald am Oberberg für den dringenden Eigenbedarf Kohle zu graben.
1852 kaufte Johannes Wolfensperger, Besitzer der Spinnereifabrik Pilgersteg, Land am Oberberg. Er tat dies auch im Auftrag von Gustav Brändlin, der in Jona auch eine Spinnerei betrieb. Nachdem noch Jakob Andreas Biedermann, Handelsherr in Winterthur, der in Wetzikon eine Spinnerei besass, dazugestossen war, erteilte der Regierungsrat 1854 die Bewilligung für einen bergmännischen Abbau gegen Entrichtung einer Gebühr.
Energie für nahe Fabriken
In den ersten vier Jahren war die Ausbeute gross, 5000 bis 7000 Tonnen pro Jahr. Das Flöz war durchschnittlich eineinhalb Meter hoch, an der mächtigsten Stelle über drei. Der Grossteil der Kohle wurde zu Fabriken in der Umgebung befördert.
Neben den eigenen Betrieben belieferten die Unternehmer etwa die mechanische Spinnerei Joh. Wild in der Wellenwaag in Wald, die Maschinenfabrik Rüti, aber auch die Firmen Rieter und Sulzer in Winterthur und Trümpler in Uster. Auch die neu gebaute Glatttal-Bahn bezog zwischen 1857 und 1859 etwa 200 «Ledi» Dürntner Kohle.
Die Unternehmer machten am Anfang gute Geschäfte. Das «Oberkohl» auf dem Hügel bauten sie oberirdisch ab, sonst alles unterirdisch, wie der ehemalige Lehrer Walter Baumann im «Dürntner» 2011 ausführte. Nach 1858 wurde die jährliche Fördermenge stets kleiner. Die letzte Kohlelieferung erfolgte im März 1866. Bis dahin wurden schätzungsweise über 40 000 Tonnen «grüne» Kohle, also knapp 30 000 Tonnen trockene Kohle gefördert.
Bertschinger nochmals aktiv
Ab 1873 nahm der streitbare Müller von Edikon, Heinrich Honegger einen neuen Anlauf. Er kaufte mit seinem Partner Ferdinand Bertschinger – bekannt als Betreiber des Bergwerks Schönau in Wetzikon – auch die bereits abgeschlossenen oder begonnenen Werke am Oberberg und Binzberg. Doch das Glück war nicht auf Seiten dieser Unternehmer. Um 1886 hörte der Abbau im Gebiet des Oberbergs auf. Im Ganzen dürften bei Dürnten schätzungsweise 60 000 Tonnen Schieferkohle abgebaut worden sein. Als der Schienenverkehr die Einfuhr von Steinkohle ermöglichte, sank das Interesse an dieser einheimischen, stark schwefelhaltigen Kohle mit ihrem geringeren Heizwert.
Auch in Dürnten wurden während beiden Weltkriegen geprüft, ob sich eine Wiederaufnahme der Kohlegewinnung lohne. 1942 war dies der Wetziker Geometer Emil Meier sen., der bereits in Wetzikon aktiv geworden war. Doch auch hier verliefen die Bemühungen für die Kohlegewinnung im Sand. cb
