Wetzikon ist die Traumfabrik der Schweizer Kinopaläste
Egal, ob das Kinoerlebnis im Pathé Dietlikon, im Westside Bern, in der Astor Filmlounge in Genf, im Thuner Rex, im Pathé Spreitenbach oder bald im Blue Cinema Chur gesucht wird: Alle diese Filmpaläste haben eines gemeinsam – sie sind im ehemaligen Ökonomiegebäude der Villa Gubelmann in Wetzikon entstanden. Während dort im Parterre im Il Casale fein diniert werden kann, werden oben vom Büro Meierpartner architektonische Menüs zubereitet.
Erste Multiplexkino zur Jahrtausendwende
«Der Grund, warum unser Büro sich so stark mit Kinobauten befasst, ist der vor drei Jahren altershalber ausgeschiedene Partner Marcel Waltzer, der die Ideen von Multiplexkinos aus England und Frankreich mitgebracht hat», erklärt Omid Arami. Seit 2016 gehört er zur Leitung des Architekturbüros. Sein Partner ist Matthias Reifler, der seit 22 Jahren das Team führt.
Und Reifler hat damals im Jahr 2000 auch mit dem Maxx Filmpalast Emmen und 2004 dem Pathé Dietlikon die Eröffnung der ersten Multiplexkinos erlebt, die auf Initiative Waltzers in der Wetziker Architekturküche kreiert worden sind.
Grosses Einzugsgebiet entscheidend
«Die Zutaten für einen guten Kino-Standort waren damals wie heute die Nähe zu einer grossen Stadt, ein grosses Einzugsgebiet und eine gute Erreichbarkeit mit dem Auto – in der Schweiz sind diese am ehesten im Industriegebiet in der Nähe von Fachmärkten oder Shoppingmalls zu finden, wo Synergien mit anderen Nutzungen unter einem Dach oder in der Nähe vorhanden sind», erklärt Reifler.
Wesentlich sei auch, einen Bauherrn und einen Betreiber zusammenzubringen. Die Kombination in Dietlikon etwa sei ideal. So könnten die Parkplätze tagsüber von den Ikea-Besuchern genutzt werden und abends dann von den Kinogängern.
«Wir sind in der Schweiz wahrscheinlich das Büro für Grosskinos.»
Matthias Reifler, Partner bei Meierpartner
«Über die 22 Jahre hinweg haben wir schweizweit 15 Kino-Projekte realisiert mit rund 100 Kinosälen und etwa 30’000 Sitzplätzen», bilanziert Reifler. «Damit sind wir in der Schweiz wahrscheinlich das Büro für Grosskinos.»
Ständige Erneuerung
Zu diesen Projekten gehören auch Umbauten, darunter 2017 jener des Pathé Dietlikon, das sie 13 Jahre zuvor entworfen hatten. Im Innern erhielten der Eingangsbereich und die Foyers ein neues Erscheinungsbild samt neuem Shop. «Das Geld wird nicht mit den Eintritten, sondern mit Popcorn gemacht», bringt es Arami auf den Punkt. Das Rahmenprogramm für die Kunden verspricht die grösseren Einnahmen.
Dies erklärt auch, warum immer neue Angebote in die Kinopaläste aufgenommen werden. Neben Läden sind dies Restaurants, sogar Bars in den Kinosälen und immer mehr auch neue Unterhaltungsangebote wie Bowling, Gamezonen, Virtual Reality oder auch Spielecken inklusive Rutschbahn für Kinder.
«Die Entwicklung geht hin zu attraktiven Freizeit- und Eventlocations.»
Omid Arami, Partner bei Meierpartner
«Die Entwicklung geht hin zu attraktiven Freizeit- und Eventlocations, in denen sowohl Filmfans wie auch Familien oder ganze Firmen eine gute Zeit verbringen können», meint Arami. «Die Kinowelt ändert sich laufend. Die Kinobetreiber müssen am Puls der Zeit sein, gerade bei den Jugendlichen, die ein wichtiges Kundensegment bilden.» Für dieses sei auch weiterhin wesentlich, dass die Kinopaläste gut mit dem Auto zu erreichen seien und es genug Parkplätze gebe.
Dieser Druck, sich stets zu erneuern, führt laut Reifler dazu, dass wie in der Gastronomie alle zehn bis 15 Jahre ein Redesign stattfinden sollte. «Bei unserem neusten, noch im Bau befindlichen Blue Cinema in Chur hat ein solches Redesign sogar schon mitten in der Planung stattgefunden.»
Nun wird dort ein Kino mit grossem Foyer, IMAX-Cinema und Dachterrasse mit Outdoorkino geplant. Die Bewilligung für letzteres ist allerdings noch ausstehend.
Digitalisierung brachte Personaleinsparung
«Es gilt mit Zusatzerlebnissen dem Konkurrent Heimkino entgegenzuwirken und so für die nötige Attraktivität zu sorgen», sagt Reifler. Auf der Aufwandseite haben die Multiplexkinos ihre Betriebskosten schon längst gesenkt.
Durch eine zentrale, digitale Steuerung haben die beiden Grossen in der Schweizer Kinolandschaft, Pathé sowie Blue Cinema, der früheren Kitag, ihre Mitarbeiterzahl vor Ort reduzieren können, wie Arami erklärt. Das bringt ihnen auch einen Vorteil gegenüber den kleineren, relativ personalintensiven unabhängigen Kinos.
Teuer bleibt aber auch bei einer kombinierten Nutzung der Gebäudehülle der Bau von neuen Multiplex-Kinos. 30 bis 40 Millionen Franken kosten diese je nach Grösse laut den Architekten.
Vor allem der Innenausbau sei kostspielig. «Allerdings gibt es da zwei Welten: In der Kundenzone wird jede Annehmlichkeit eingeplant, während die Betriebszonen spartanisch gehalten sind», meint Reifler.
Raumproportionen essenziell
Patrick Schnyder, der der erweiterten Geschäftsleitung angehört, ist bei Meierpartner heute der Spezialist für die Kinobauten. «Unser Markenzeichen ist es, ideale Raumproportionen bei den Kinosälen für ein perfektes Sicht- und Klangerlebnis zu schaffen.» Reifler ergänzt: «Die unterschiedlichen Säle dann optimal aufzuteilen, kann man sich wie ein 3D-Tetris vorstellen.»
«Die unterschiedlichen Säle optimal aufzuteilen, kann man sich wie ein 3D-Tetris vorstellen.»
Matthias Reifler, Partner bei Meierpartner
Zu den weiteren Herausforderungen gehört es laut Schnyder, eine spannende Kundenführung zu gewährleisten: «Eine Inszenierung vom Eingang an der Strasse bis in den Saal hinein, möglichst fliessend und ohne Staubereiche.» Es gibt komplexe technische Anforderungen für die Akustik samt Schallschutz und das Optische sowie Visuelle.
Wind, Blitze und Schnee im Kino
Von jedem Platz aus soll die Sicht auf die bis zu 21 Meter breite Leinwand stimmen: «Die Zuschauer dürfen nicht durch die vorderen Sitznachbarn in der Sicht beeinträchtigt werden und sollen das Gefühl bekommen, mitten im Filmgeschehen zu sein.»
Das soll auch durch den Einbau von 4DX erreicht werden. Dies ist ein 4D-Filmformat, das in Südkorea entwickelt worden ist. Es ermöglicht, Filme mit verschiedenen physischen Effekten zu ergänzen, darunter bewegliche Sitze, Wind, Blitzlichter, simulierter Regen und Schnee oder Düfte.
Knifflig sind auch die immer schärferen Brandschutzvorgaben bei Bauten mit grosser Personenbelegung. Dazu gehört vor allem auch die optimale Anordnung der Fluchtwege. Und bei allem gilt es, eine möglichst grosse planerische Flexibilität gegenüber den sich ändernden Vorgaben der Betreiber zu zeigen.
«Bei der Eröffnung soll das Kino am Puls der Zeit positioniert sein.»
Patrick Schnyder, Kinospezialist bei Meierpartner
«Bei der Eröffnung soll das Kino am Puls der Zeit positioniert sein», hält Schnyder fest. Und dann gilt es auch, rechtzeitig auf die Lancierung eines neuen Blockbusters bereit zu sein. Das hat es schon mit sich gebracht, dass ein enormer Schlussspurt hingelegt werden musste, um ein Kino auch mal zwei oder drei Wochen vor der eigentlich geplanten Öffnung in Betrieb zu nehmen.
«Seit zehn Jahren sagen wir schon, jetzt bauen wir wohl das letzte Multiplex-Kino.»
Matthias Reifler, Partner bei Meierpartner
«Seit zehn Jahren sagen wir schon, jetzt bauen wir wohl das letzte Multiplex-Kino», meint Reifler. Und dennoch hat es immer wieder ein neues Projekt gegeben. Und so gibt er sich gleichzeitig überzeugt, dass das Kino auch in Zukunft überleben wird. «Die Digitalisierung und die Pandemie haben als Katalysatoren gewirkt», schiebt er nach. «Es ist noch nicht absehbar, wie viele Leute in die Kinos zurückkehren werden.»
Suche nach alternativen Einnahmequellen
Sie würden jedoch daran glauben, dass das Gemeinschaftserlebnis weiterhin der grosse Treiber sein werde. Ein Gebot für die Zukunft sei auch die flexible Nutzung des Raumangebotes. Die Säle sollen etwa als Auditorium oder Versammlungsraum dienen, wie dies in Spreitenbach der Fall ist. Und die übrigen Flächen sollten ebenso rasch für interne oder externe Events umgerüstet werden können. «Dies verspricht alternative Einnahmequellen», hält Reifler fest.
Fortsetzen werde sich tendenziell auch die Verdrängung der kleinen Kinos durch Multiplexanlagen. Hier kamen die Betreiber in den letzten 15 Jahren weg von wenigen grossen, eng bestuhlten Sälen hin zu mehreren mittleren, 300 Personen fassenden Sälen sowie kleineren Sälen mit grossem Sitzkomfort. «Die Sitzzahl ist bei Saalumbauten fast überall um 20 bis 30 Prozent reduziert worden – und Klappstühle gibt es schon länger keine mehr in dieser Sparte», stellt Schnyder fest.
Auch Stadtkinos wollen umbauen
«Die Zahl der Säle wird in Zukunft wohl eher wieder abnehmen, dafür wird das Gastro- und Rahmenprogramm ausgebaut», ergänzt Reifler. Für Meierpartner bedeutet das, dass sie in Zukunft mehr Umbauten planen werden. Entsprechend haben sie in letzter Zeit mehrere Konzeptstudien erarbeitet.
«Und ja, die Erneuerung macht auch vor den verbliebenen Stadtkinos nicht halt. So planen wir aktuell für die Kitag den Umbau von zwei Stadtzürcher Kinos», hält Reifler fest. Meierpartner dürfte so auch in Zukunft das passende Umfeld für Kinobesucher servieren.
Von der Badi bis zum Stadtquartier
Das Büro Meierpartner Architekten beschäftigt heute in Wetzikon an seinem Standort an der Kantonsschulstrasse 6 rund 30 Angestellte. Gegründet worden ist es 1978. Seit 2000 ist es eine Aktiengesellschaft.
Das Projektportfolio ist sehr breit. Neben den Kino-Neu- und -Umbauten finden sich kleinere Vorhaben wie etwa ein Brunnenhaus in Gossau, der neue Kirchturm der Pfarrei St. Michael in Dietlikon oder der Ersatzneubau im Strandbad Auslikon, wo das Büro in einem Wettbewerb mit seinem Vorschlag obenaus schwang. Die Wetziker Architekten entwerfen aber auch Firmengebäude oder grössere Wohnsiedlungen. Zu letzteren zählen etwa Widenwies in Pfäffikon oder das Metropol in Wetzikon, wo gleich ein ganzes Quartier mit 140 Wohnungen neu entsteht. cb
