Dieser Beruf bietet Einblicke in ganz Privates
An der Wetziker Bahnhofstrasse ist noch echtes Handwerk zu finden. Rund 10 Millionen Seiten dürften in den vergangenen 40 Jahren durch die Hände von Jonas Westermann gegangen sein. Schön geordnet und zugeschnitten hat er sie zu Büchern geformt.
Zu Zeiten, als alles noch in kleinen und grossen Büchern abgelegt wurde, hatte er alle Hände voll zu tun. Gemeinden, Gerichte und Notariate liessen viele Dokumente binden. Auch die Zentralbibliothek in Zürich gehörte zu seinen « Grosskunden » .
Früh selbstständig
Dabei sei der Start damals vor 40 Jahren schwierig gewesen. Mit noch wenig Berufserfahrung machte sich Westermann « aus jugendlichem Leichtsinn » , wie er heute sagt, im Alter von erst 22 Jahren bereits selbständig. Geholfen hat der Umstand, dass er im « Grafik-Dörfli » , das sein Bruder aufbaute, Platz fand.
Einen ersten Ausbau gab es, nachdem er die Meisterprüfung abgelegt hatte, und 1988 mit seinem Geschäft an die Spitalstrasse zügelte. Rund 20 Lehrlinge bildete er in den folgenden Jahren aus und beschäftigte zweitweise zwei bis drei Mitarbeiter. Da die Familie ihre Wohnung über dem Geschäft hatte, konnte auch Karin Friedrich Westermann unten mithelfen. « Ich bin quasi sein ewiger Stift » , meint die ausgebildete Kauffrau mit einem Schmunzeln.
Ablage auf dem Stick statt im Buch
Fehlender Abstand zwischen Privatem und Beruflichem sei jedenfalls nie ein Problem gewesen. « Unsere beiden Töchter sind quasi unten im Geschäft aufgewachsen » , bemerkt Friedrich. Seit 2004 wohnen und geschäften sie nun an der Bahnhofstrasse 51. Im 1885 erstellten Haus, in dem einst Schirme fabriziert wurden, werden seither eben Bücher hergestellt – und Bilderrahmen.
Der Siegeszug des Computers brachte zwar keine papierlosen Büros, doch er beraubte Jonas Westermann zunehmend seiner ursprünglichen Tätigkeit. Wissen wurde immer mehr auf elektronischen Datenträgern statt zwischen zwei Buchdeckeln gespeichert. Und so gewann eine Tätigkeit, die er zwar schon seit Geschäftsbeginn ausübte, immer mehr an Bedeutung: das Einrahmen.
Von Bildern, Kinderzeichnungen über Fotos bis zu Plakaten, alles hat Westermann schon eingerahmt – und sogar noch viel mehr. Einen Handbohrer, Schallplatten oder jüngst sogar Gehäkeltes und ein Turnleibchen sind von ihm eingefasst worden. Solche Sonderanfertigungen fordern ihn heraus und sie brauchen Zeit: « Ich bin ein Perfektionist. » Seine Frau ergänzt: « Pedantisch. » « Es muss halt einfach ‚verheben‘ » , unterstreicht er.
Meist Einzelanfertigungen
Auch wenn Papier und Karton seine hauptsächlich verwendeten Materialien sind, gehören Holz und Metall ebenso dazu. Entsprechend ist seine Werkstatt ausgestattet. Hier kann er alles anfertigen, vom ganz kleinen Minibüchlein als Schlüsselanhänger bis zum rund zwei Meter grossen Buchdeckel, der dem Puppentheater Loosli als Bühnenbild diente.
Die meisten Stücke sind Einzelanfertigungen. Doch mit seinen Maschinen ist er in der Lage, auch kleine Serien zu produzieren. « Die grösste Auflage waren 8000 Exemplare eines Kochbuches » , erinnert sich Westermann. Seit diesem Jahr verfügen die beiden Geschäftsleute auch über einen grossen, leistungsfähigen Drucker und Kopierer. So können sie einen Komplettservice anbieten. Das ist gerade für wissenschaftliche Arbeiten wichtig, bei denen es am Schluss dann plötzlich pressiert. « Ich habe schon an einem Sonntag Diplomarbeiten gebunden, die am Montag auf den Abgabetermin hin vorliegen mussten. »
Zu seiner Verlässlichkeit gehört auch, dass er mit vertraulichem Material vertraulich umgeht. Als Buchbinder erhält er Einblick in zahlreiche Akten. Aber auch in Intimes, seien das Hochzeitsalben, Tagebücher oder sogar eine Liebes-SMS-Sammlung. Richtig, das Digitale findet so wieder den Weg ins Buch.
Angebote ausgebaut
Und doch, die Digitalisierung hat in Westermanns Branche ihre Spuren hinterlassen. « Der Beruf Buchbinder in der heutigen Form dürfte aussterben. Er wird sich mehr in Richtung Industriebuchbinder oder dann Restaurator aufspalten » , ist Westermann überzeugt. Gerade während der Pandemiezeit habe er verstärkt solche Restaurationsaufträge erhalten. Dazu können auch schon mal Erinnerungsalben gehören, die ins Maul eines gelangweilten Haushundes gerieten und nun wieder in einen präsentierbaren Zustand gebracht werden müssen.
Über all die Jahre mussten sich die Westermanns « immer wieder neu erfinden » , da sich die Nachfrage veränderte. Seit einiger Zeit finden beispielsweise auch Workshops statt. Sie und weitere Fachleute zeigen dabei etwa, wie Bücher selbst eingebunden oder geflickt werden können, wie Schachteln oder Papiergarn-Blumen gebastelt werden oder wie schön von Hand geschrieben wird.
Ein wichtiger Schritt war auch die Eröffnung eines Ladens, in dem alle Arten von Karten, Papierprodukte oder Fotorahmen angeboten werden. Seine wesentliche Funktion ist aber, die Laufkundschaft auf das Kern-Angebot aufmerksam zu machen. « Der Laden nimmt den Leuten die Hemmschwelle » , weiss Karin Friedrich, die für den Verkauf zuständig ist. Unterstützt wird sie dabei von einem « Aussendienstmitarbeiter » , wie sie die rote Schaufensterpuppe nennt, die jeweils draussen steht, wenn das Geschäft geöffnet ist.
Seit 2010 haben die Westermanns keine lebendigen Angestellten mehr. Und sie selbst werden auch bald zurücktreten. Das Pensionsalter rückt näher. « In zwei, drei Jahren will ich aufhören » , erzählt Jonas Westermann. So sind die beiden auf Nachfolgesuche. Das Geschäft möchten sie übergeben. Aber sie wollen weiterhin im Haus oben wohnen bleiben, schliesslich haben sie dort bereits viel in Eigenregie umgebaut. Und angesichts des Alters des Gebäudes werde ihnen die Arbeit nicht so schnell ausgehen.
