1. Die Bevölkerung ist in der Schweiz nicht konservativer – Bremser ist die direkte Demokratie
Die Familienpolitik der Schweiz gilt im Vergleich mit anderen europäischen Ländern als rückständig. Der bezahlte Mutterschaftsurlaub wurde Jahrzehnte später als in den Nachbarländern eingeführt, und auch beim Vaterschaftsurlaub sind viele entwickelte Länder weiter als die Schweiz. Das hängt zu einem grossen Teil mit der direkten Demokratie zusammen, insbesondere mit der Möglichkeit des Referendums und dem ausgeprägten Föderalismus, der den ländlichen, konservativen Kantonen mit dem Ständemehr eine Art Vetorecht gibt.
Was in anderen Ländern per Regierungs- oder Parlamentsbeschluss eingeführt wird, kommt in der Schweiz oft an die Urne. So wurde der Mutterschaftsurlaub zweimal vom Volk abgelehnt, bevor das Volk 2004 in einem dritten Anlauf Ja sagte. 2013 wurde der Verfassungs-Familienartikel an der Urne abgelehnt, der die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs verlangt hätte. Allerdings: Das Volk sagte knapp Ja, der Artikel scheiterte am Ständemehr.
Die für diesen Artikel befragten Expertinnen Isabelle Stadelmann, Michelle Beyeler und Anja Wyden Guelpa nennen als Antwort auf die Frage, warum eine fortschrittliche Familienpolitik in der Schweiz so schwierig sei, unter anderem die direkte Demokratie. Die Schweizerinnen und Schweizer sind nicht viel konservativer als andere europäische Länder. Doch die ländlichen, konservativen Gebiete haben mehr Gewicht, und direktdemokratische Instrumente verlangsamen den Prozess.
Anja Wyden Guelpa, Präsidentin der eidgenössischen Kommission für Familienfragen, weist ausserdem darauf hin, dass manche Länder nach dem Krieg eine Politik der Geburtenförderung betrieben hätten, was die teilweise frühen und grosszügigen Leistungen für Eltern erkläre. Die Schweiz hatte das nicht nötig. Und dank Wohlstand konnten es sich viele Familien leisten, dass die Frau zu Hause bleibt, was lange ein Statussymbol war.

