Wir lieben die Sonne – doch sie hat es faustdick hinter den Ohren
Sonnenschutz für die ganze Familie
Stopp! Bevor Sie sich die Kleider vom Leib reissen und an die pralle Sonne rennen: Lesen Sie doch zuerst das Interview mit dem Wetziker Dermatologen Günther Hofbauer. Dann sehen wir weiter.
Eben noch bibberten wir am Eisheiligen-Wochenende um die Wette – und schon steuern wir ungebremst in den Sommer. Die Verlockung ist gross, das ganze Wochenende über die Sonne anzubeten. In den letzten zwei Wochen hatten wir im Oberland nicht viel Gelegenheit, uns langsam an den Sommer und die Sonne zu gewöhnen. Besonders unsere Haut kann da empfindlich reagieren.
Wir haben uns Tipps beim Experten geholt: Günther Hofbauer ist Facharzt für Dermatologie und Venerologie sowie Allergologie und klinische Immunologie in der Praxis Allderm in Wetzikon.
Herr Hofbauer, viele schwören aufs «Vorbräunen». Macht das Sinn?
Günther Hofbauer: Die Haut wird zwar dunkler und auch etwas dicker, es bilden sich sogenannte Lichtschwielen. Dadurch kann sie mehr Sonne absorbieren. Aber das ist bereits eine Reaktion auf UV-Schäden. Die Haut geht in Abwehrhaltung – wie ein Boxer, der die Fäuste ballt. Gesund ist das nicht.

Gebräunte Haut gilt oft als gesund und vital …
Eigentlich ist es umgekehrt: Die individuell natürliche Hautfarbe ist die gesunde. Bräune ist eine Schutzreaktion des Körpers – ähnlich wie Fieber bei einer Infektion. Das Ideal der gebräunten Haut ist eigentlich ein historisches Phänomen der Neuzeit. Als es sich während dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit «kleine Arbeiter» leisten konnten, in den Ferien wegzufahren. Das konnten sie mit dem Stempel der Bräune beweisen. Medizinisch ergibt es wenig Sinn. Und unter uns gesagt: Vitamin D lässt sich auch in Tropfen-Form einnehmen …
Wie lange darf man ungeschützt an die Sonne. 20 Minuten?
Solche Faustregeln sind mit Vorsicht zu geniessen. Sie beziehen sich auf die Eigenschutzzeit. Das bedeutet, dass es bis zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch keinen Sonnenbrand gibt. Aber: Es gibt keine sichere Untergrenze.
Auch ohne Sonnenbrand?
Genau. Das sehen wir häufig bei Menschen, die tagtäglich draussen arbeiten. Die Haut von älteren Bauern oder Bergführern erscheint oft ledrig. Die medizinische Bezeichnung lautet Landmannshaut. Das sind Spuren, welche die Sonne hinterlassen hat.
Die Haut «merkt» sich diese?
Die Strahlung summiert sich wie auf einem Kilometerzähler. Auch vermeintlich kurze, regelmässige Sonnenexpositionen können die Haut dauerhaft schädigen – mit Folgen wie Falten, Pigmentflecken oder Hautkrebs. Übrigens schädigen auch regelmässige Solariumbesuche die Haut langfristig, durch die UV-A-Strahlung. Man wird braun – und sieht bei übermässiger Nutzung aus wie eine alte Dörrzwetschge. Ganz ohne klassischen Sonnenbrand.
Wie sieht es für Menschen mit dunkler Hautfarbe aus? Ist die Gefahr niedriger?
Ja, helle Augen und blonde Haare bedeuten ein verdoppeltes Risiko für Hautkrebs. Andere Hautfarben haben ein deutlich niedrigeres Risiko.
Wie ist es in den Bergen?
In der Höhe nimmt die Filterwirkung der Atmosphäre ab. In den Bergen ist die UV-Belastung entsprechend höher als im Flachland. Und Wasser oder helle Oberflächen – wie Schnee und Eis – verstärken die Strahlung durch Reflexion zusätzlich.
Viele denken: Bei Wolken ist es weniger gefährlich. Stimmt das?
Das ist ein grosser Irrtum. Auch bei bedecktem Himmel kommt ein erheblicher Teil der UV-Strahlung durch, ja sogar bei Nebel oder Regen. Wir haben kein Sinnesorgan dafür, wir merken die Gefahr schlicht nicht.

Spielt die Tageszeit eine Rolle?
Eine sehr grosse sogar. Zwischen 11 und 15 Uhr ist die UV-Belastung am höchsten. Deshalb sollte man diese Zeit möglichst meiden. Nicht umsonst hält man in südlichen Ländern Siesta. Für Familien heisst das: Lieber am Morgen draussen sein und am späteren Nachmittag wieder aktiv werden.
Sind Kinder besonders gefährdet?
Ja. Ihre Haut ist dünner und empfindlicher. Zudem merken sie oft nicht, wann es zu viel wird – etwa beim Spielen im Wasser oder beim Velofahren.
Warum, weil sie ins Spiel versunken sind?
Auch durch den kühlenden Effekt, der darüber hinwegtäuscht, wie stark die Sonne tatsächlich ist. So können unbemerkt heftige Sonnenbrände entstehen. Gleichzeitig reflektiert Wasser das Licht, die UV-Belastung steigt zusätzlich. Wenn Sie am Zürichsee sitzen, bekommen Sie durch diese indirekten Spiegeleffekte 30 bis 40 Prozent mehr Sonnenstrahlen, als wenn Sie hier in der Stadt Wetzikon Kaffee trinken.

Wie schützt man Kinder am besten?
Mit drei Dingen: Verhalten, Kleidung und Sonnenschutz. Also starke Sonne meiden, Hut und Kleidung tragen und alle unbedeckten Hautstellen konsequent eincremen.
Was geht dabei am meisten vergessen?
Man konzentriert sich meist aufs Gesicht. Dabei werden Ohren, Nacken, Arme oder Beine häufig ausgelassen: genau die Stellen, die auch stark exponiert sind. Zu diesem Thema habe ich ein schönes Beispiel einer 92-jährigen Frau, die 40 Jahre lang eine Gesichtscreme mit UV-Schutz verwendet hat. Allerdings hat sie vergessen, auch Hals und Dekolleté damit einzucremen. Nun hat sie ein Gesicht wie eine 50-Jährige, der Hals allerdings wirkt wie der einer 92-Jährigen.

Braucht es spezielle Kinder-Sonnencreme?
Nein, wichtig ist ein hoher Lichtschutzfaktor und dass man das Produkt gut verträgt. Wer empfindliche Haut hat, testet ein Produkt am besten fünf Tage lang in der Armbeuge. Die Produkte unterscheiden sich vor allem in der Konsistenz und im Preis, nicht in der Schutzwirkung.
Dann kann sich im Prinzip die ganze Familie eine Creme teilen.
Absolut. Hier geht es eher noch um verschiedene Vorlieben, wenn man fürs Gesicht zum Beispiel eine weniger fettende Creme bevorzugt und im Gegenzug ein öligerer Spray für die eher trockene Haut des Körpers.
Wie oft sollte nachgecremt werden?
Regelmässig, besonders nach dem Baden oder starkem Schwitzen. Verlassen Sie sich nicht auf die angebliche Wasserfestigkeit: denn dafür gibt es keinen gemeinsamen verbindlichen Standard. Das heisst, Sie können als Hersteller behaupten, was Sie wollen.
Was, wenn sich die Kinder gegen Hut oder Sonnencreme wehren? Da nützt das beste Spray nichts …
Ohne mich in die Erziehung anderer Familien einmischen zu wollen: Konsequenz ist entscheidend. In australischen Kindergärten gilt: Wer sich nicht schützt, darf nicht draussen spielen. Das funktioniert erstaunlich gut. Kinder müssen lernen, dass Sonnenschutz dazugehört.
Apropos Kleidung: In vielen Badis sieht man Kinder mit speziell UV-dichter Kleidung. Ist das notwendig?
Viele «gewöhnliche» Kleidungsstücke sind UV-dicht. Am besten hält man sie gegen das Licht: Schimmert kein Licht durch, ist der Stoff grundsätzlich dicht. Einige Stoffe verlieren dann allerdings ihre Dichte, wenn sie nass werden. Die typischen weissen Unterhemden beispielsweise. Beim Schwimmen, im Sportbereich oder beim Planschen macht es deshalb Sinn, auf UV-zertifizierte Produkte zurückzugreifen. Diese Kleider behalten ihren Schutz, auch wenn sie nass werden.

Welche Folgen kann zu viel Sonne denn langfristig haben?
Mehrere Sonnenbrände in der Kindheit erhöhen das Risiko für Hautkrebs deutlich. Im Kindesalter sind die Folgen noch nicht ersichtlich, sie zeigen sich oft erst Jahrzehnte später. Aber sie legen den Grundstein für das junge und mittlere Erwachsenenleben. Die unzähligen Sonnenexpositionen ohne Sonnenbrand können zu weissem Hautkrebs (Basaliom) führen. 90 Prozent der Hautkrebs-Geschädigten in der Schweiz und weltweit sind davon betroffen. In den meisten Fällen ist er heilbar, man kann allerdings immer wieder daran erkranken. Am Schwarzen Hautkrebs, der vor allem durch die Summe an Sonnenbränden verursacht wird, stirbt leider auch heute noch jeder Fünfte.
Und wenn es doch mal zu einem Sonnenbrand kommt?
Dann können kühlende Gels oder Après-Soleil-Lotionen Linderung verschaffen. Bei schweren Fällen kann man auch mal Schmerzmittel einnehmen. Hilft alles nichts, verschreiben wir in unserer «Verzweiflung» auch mal Cortison-Cremes – obwohl es keine Studien gibt, die deren Wirksamkeit belegen. Sobald sich Blasen bilden, sollte man einen Arzt aufsuchen.