«Wir erarbeiten Studie für eine grosse Flüchtlingsunterkunft»
Wetzikon sucht Platz für neue Asylbewerber
Die Stadt sucht nach Asylunterkünften. Während der Kanton hier unbegleitete Jugendliche unterbringen wird, prüft Wetzikon laut Stadtrat Remo Vogel (Die Mitte) einen Neubau.
Per 1. Juli ist die Asyl-Aufnahmequote für Zürcher Gemeinden auf 1,6 Prozent je 1000 Einwohner gestiegen. Seit dem 1. Juni 2023 waren es 1,3 Prozent. Was bedeutet die erneute Erhöhung für die Stadt Wetzikon?
Remo Vogel: 80 Menschen mehr werden uns zusätzlich zugeteilt. Der Wetziker Stadtrat hat sich auf die Fahne geschrieben, diese Quote zu erfüllen. Bezogen auf die Quote von 1,3 Prozent hatten wir mit aktuell 323 Personen eine Kontingentserfüllung von 95 Prozent. Mit der Erhöhung der Quote sinkt dieser Satz aber auf nur noch knapp 76 Prozent. Unter dem Strich heisst das, dass uns heute 100 Plätze fehlen. Und diese können wir nicht so schnell bereitstellen. Es entsteht ein erhöhter Druck auf alle Asylverantwortlichen, aber auch auf die Leute, die zusätzliche Unterkünfte finden müssen.
Geflüchtete mit Status S, also Leute aus der Ukraine, werden an die Quote angerechnet. Wie gross ist aktuell ihr Anteil?
Wir haben 177 Personen aus der Ukraine bei uns. Deren Anteil stagniert zurzeit.
Gibt es noch immer Ukrainer, die bei Privaten in Wetzikon wohnen?
Immerhin noch zwölf Personen sind bei freiwilligen Gastfamilien einquartiert. Und das wohlgemerkt seit mehr als zwei Jahren, was den Privaten hoch anzurechnen ist.
Wetzikon setzt auf professionelle Betreuung
Wie intensiv müssen frisch einquartierte Asylsuchende betreut werden?
Für die Betreuung setzen wir seit Jahren auf die AOZ, die Asyl-Organisation Zürich. Das sind alles Fachpersonen. Deren zeitlicher Aufwand ist bei Neuankömmlingen sicher höher. Es gilt, sie einzuweisen und mit den lokalen Hausregeln bekannt zu machen – und deren Einhaltung auch zu überwachen. Die einen sind schneller selbständig, bei anderen geht es länger. Für diese Betreuung haben wir mit der AOZ eine spezifische Leistungsvereinbarung.

Wie viel der Betreuungskosten muss die Stadt übernehmen?
Für die AOZ-Betreuung gibt die Stadt Wetzikon rund 1,38 Millionen Franken pro Jahr aus. Darin enthalten sind die Betreuungskosten, sowohl bezüglich Personen als auch bezüglich Liegenschaften. Mit den vom Bund erhaltenen Asylpauschalen können wir jedoch die städtische Rechnung mehr oder minder ausgeglichen gestalten. Aber letztlich ist jeder Franken gut investiert, sind wir doch sehr zufrieden mit diesem System: Ein kompetenter Dienstleister übernimmt die Betreuung.
Mit welchen Nationalitäten rechnen Sie bei den neu ankommenden Asylsuchenden?
Wir sprechen hier vor allem von Leuten aus Afghanistan, weiterhin Syrien, aus der Türkei, dem Irak und auch aus dem Maghreb.
Handelt es sich dabei um Familien oder um Einzelpersonen?
Es sind vornehmlich Einzelpersonen – und dann junge Familien mit Kindern. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass Asylsuchende, die schon länger hier sind, nach einer bestimmten Zeit ihre Familie nachziehen dürfen.
Gibt es grosse Unterschiede punkto Betreuungsaufwand je nach Herkunft und Familiensituation?
Entscheidend für den Bedarf an Betreuung sind die individuelle Familiensituation, der Bildungsstand und auch die Herkunft.
Nicht alle Liegenschaften geeignet
Bereits vor einem Jahr hat die Stadt Wetzikon die Lage mit freien Unterkünften für Asylbewerber als prekär bezeichnet. In der Folge bewilligte der Stadtrat 160'000 Franken für den Umbau der kantonalen Liegenschaft an der Zürcherstrasse 9 und 11. Damals wurde mit bis zu 48 Plätzen in den beiden Häusern gerechnet. Wie stark ist die Belegung dort heute?
Die Liegenschaft Zürcherstrasse 9, eine ehemalige Garage, haben wir dann doch nicht belegt. Sie erwies sich als zu baufällig. Damit fielen schon einmal 20 Plätze weg. In der Zürcherstrasse 11 sind 25 Personen daheim.

Wann lohnt es sich eigentlich noch, in eine Liegenschaft zu investieren?
Es ist immer eine Frage des Standards, der Nützlichkeit. Manchmal reicht schon eine Pinselsanierung. Sicher muss die Heizung ausreichend sein. Das Dach muss dicht sein, und genügend sanitarische und Kocheinrichtungen müssen zur Verfügung stehen. Wir vergolden sicher keine Wasserhähne.
Wir erarbeiten zurzeit eine Machbarkeitsstudie für eine Flüchtlings- und Notunterkunft, wie sie Rüti vor vier Jahren realisiert hat. Wie dort schwebt uns ein Holzneubau vor. Die Studie soll auch aufzeigen, in welchem Minimalstandard sich ein solcher Bau realisieren liesse.
Rüti als Vorbild
Wie teuer käme denn ein solcher Bau zu stehen?
Rüti hat ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis erzielt. Der Bau mit 52 Plätzen hat gut drei Millionen Franken gekostet. Wir rechnen in Wetzikon mit leicht höheren Investitionen. Ich gehe davon aus, dass es für dieses Vorhaben zu einer Urnenabstimmung kommen wird. In diesem Herbst sollten wir Genaueres wissen, wohin die Reise finanziell und inhaltlich gehen kann. Gebaut werden sollte vorzugsweise auf einer Parzelle, die der Stadt bereits gehört.


Bis zu einer Realisierung verginge damit aber noch einige Zeit. Doch die Unterkünfte werden bald benötigt. Hat die Stadt genug Raum, um weitere Asylbewerber unterzubringen?
Wir verfügen über mehr als 40 Objekte, die über die ganze Stadt verteilt sind. Seit ich für das Asylwesen zuständig bin, verfolgen wir die Doktrin, die Asylsuchenden nicht nur an einem Ort zu haben. Auch die 100 Leute, die wir nun zusätzlich unterbringen müssen, gilt es in der ganzen Stadt zu verteilen. Aber eben, zuerst müssen wir solche Liegenschaften haben. Jüngst hatten wir einen Glücksfall an der Rapperswilerstrasse, wo durch den Auszug des Ärztezentrums Raum frei wurde, den wir übergangsweise mit rund 30 Plätzen belegen dürfen.
Sprechen wir generell von Wohnungen, ganzen Häusern oder beispielsweise auch grossen Unterkünften mit Zimmerstruktur?
Die «Traube» in Ettenhausen, die wir 2015 erworben hatten, hat über eine solche Zimmerstruktur verfügt. Aber es gibt eigentlich alles, von ganzen Häusern mit Gemeinschaftsküchen bis zu Einzelwohnungen.


Wie viele Asylunterkünfte gehören der Stadt?
Neben der ehemaligen «Traube» besitzen wir zwei weitere. Darunter auch eine ehemalige Liegenschaft der Verwaltung.
Herberge beim Sportplatz für Notfälle
Werden aktuell Notunterkünfte belegt?
Wir haben einen Puffer mit der Herberge beim Sportcafé im Sinne einer notfallmässigen Zwischennutzung. Dort haben wir zehn Betten reserviert. Zivilschutzanlagen sind vermietet. Und sie sind auch nicht adäquat für eine längere Unterbringung. Das käme einer Ghettoisierung unter Boden mit Räumen ohne Fenster gleich. Das erachtet Wetzikon nicht als human.
Wie findet die Stadt Asylunterkünfte?
Es ist ein riesiges Netzwerk, das über die Jahre entstanden ist. Die Abteilung Soziales arbeitet eng mit unserer Abteilung Immobilien zusammen. Hinzu kommt das Netzwerk der AOZ. Darüber hinaus gibt es interessierte Liegenschaftsbesitzende, die eine Zwischennutzung anstreben und auf einen stabilen Partner wie die Stadt setzen wollen. Und schliesslich gibt es viele Privatpersonen, die helfen wollen. Aber ohne Klinkenputzen funktioniert es nicht. Wir analysieren jeweils, wer die besten Beziehungen hat. Und dann kann es auch sein, dass ich selbst Gespräche führe.
Können Anbieter Wünsche anbringen, wer in ihren Liegenschaften untergebracht werden soll?
Im Sinne einer guten Durchmischung der untergebrachten Migranten und Migrantinnen haben wir selbst ein Interesse, die Leute dort zu platzieren, wo es Sinn ergibt. Nehmen wir nochmals das Beispiel der «Traube»: Dort bot es sich an, dass wir Familien einquartiert haben, weil gleich nebenan ein Kindergarten ist. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass letztlich der Kanton die Zuteilung vornimmt. Als Stadt haben wir nur sekundäre Einflussmöglichkeiten.
Unbegleitete Minderjährige in GZO-Liegenschaft
Stichwort Kanton: Gibt es eigentlich auch Projekte, die dieser in Wetzikon selbst realisieren möchte? Ich denke dabei etwa an unbegleitete Jugendliche. Deren Zahl hat im Jahr 2023 ja schweizweit mit fast 3300 eine neue Rekordhöhe erreicht. In Uster und Hinwil sind etwa schon solche Stationen geschaffen worden, die eine besondere Betreuung benötigen.
Tatsächlich gibt es jetzt gerade ein Beispiel für die gute Zusammenarbeit mit dem Kanton. In einer GZO-Liegenschaft platziert der Kanton ab September rund 30 unbegleitete Minderjährige. Diese werden vom Kanton selbst betreut. Diese jugendlichen Flüchtlinge werden aber der Standortgemeinde, also Wetzikon, ans Kontingent angerechnet.
Die Stadt Wetzikon mietet neu in Aathal von der Immobilienfirma Hiag das vormalige Bauernhaus. Kommt es häufig vor, dass ausserhalb des Stadtgebiets Unterkünfte angemietet werden?
Häufig kommt es definitiv nicht vor. Alle sind nämlich am Anschlag.
Wie geschieht denn der Austausch unter den Gemeinden?
Neben anderen Gremien wird an der Sozialvorständekonferenz des Bezirks Hinwil miteinander gesprochen. Wir sind neben Seegräben auch mit einer anderen Gemeinde im direkten Austausch. Ob ein Angebot angenommen wird, ist aber immer auch eine Frage der Distanz und damit des Betreuungsaufwands. Zu weit entfernte Liegenschaften fallen ausser Betracht. Wir hatten ja einmal eine Diskussion über das städtische Ferienhaus in Surcuolm in der Surselva. Da bestand die Idee, dort oben Asylsuchende aus Wetzikon unterzubringen. Eine adäquate Betreuung durch uns beziehungsweise die AOZ wäre dort aufgrund der Entfernung und ohne hohe Zusatzkosten nicht möglich gewesen.
Wie viel kostet die Stadt Wetzikon die Unterbringung der Asylsuchenden pro Jahr?
Das ist praktisch, wie bereits erwähnt, ein Nullsummenspiel. Wir erhalten ja die Unterbringungspauschale des Bunds. Aber wir investieren etwas zusätzlich in die Betreuung, gerade für schwierigere Fälle. Ich denke da etwa an Kriegsversehrte, die zusätzliche psychologische und medizinische Hilfe benötigen. Wir sind bestrebt, über alles eine ausgeglichene Rechnung zu erzielen.
Wo liegt die preisliche Limite bei der Anmietung – oder dem Erwerb – von Asylliegenschaften?
Hier spielt genau der Grundsatz, dass die Miete mit der Pauschale gedeckt werden muss. Wir können nicht jeden Preis zahlen – und haben entsprechend auch schon abschlägige Bescheide gegeben.
«Alles braucht seine Zeit»
Sind Sie zuversichtlich, für alle noch zu erwartenden Geflüchteten eine geeignete Bleibe zu finden?
Wir setzen alles daran. Schliesslich ist das auch unsere Pflicht. Mit der erwähnten Machbarkeitsstudie wollen wir unsere Kapazitäten erweitern, um den Wohnungsmarkt zu entlasten. Das alles braucht aber seine Zeit – die wir eigentlich nicht haben. Für uns besonders problematisch ist, dass es für solche neuen Flüchtlingsbauten keine entlastenden Massnahmen gibt. Sie müssen genau wie alle anderen Bauten den langwierigen Bewilligungsprozess durchlaufen. Auch die Kosten dürfen nicht als gebunden deklariert werden. Es wird uns nicht einfach gemacht, die nötige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Die Gemeinden sitzen da alle im selben Boot. Bund und Kanton sind in diesem Bereich aufgefordert, auch ihre Hausaufgaben zu machen. Als Letzte in der Reihe des Asylprozesses müssen die Gemeinden vieles ausbaden. Angesichts der anhaltenden weltweiten Unsicherheiten bleibt der Druck auf uns anhaltend hoch.