Wieso die SBB für die neue Serviceanlage alles auf Hinwil setzen
Weitere Eckpunkte zum Grossprojekt
In der Gemeinde Hinwil stehen in den kommenden Jahren viele Grossprojekte an – auch eine neue SBB-Anlage. Ob diese tatsächlich kommt, hängt auch von der Armee ab.
«Hinwil steht aktuell an einem Wendepunkt», sagte Gemeindepräsident Andreas Bühler (SP) kürzlich in einem Interview in dieser Zeitung. Er spricht von der Entwicklung der Gemeinde und der Wachstumsdynamik. Denn in den nächsten Jahren kommen so einige Grossprojekte auf Hinwil zu.
Zum Beispiel planen die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bis 2050 eine Serviceanlage für ihre Züge, wie das Zugunternehmen Ende März bekannt gab. Dafür werde zurzeit ein Standort in Hinwil geprüft, erklärte Stefan Holzinger, Anlagenleiter der SBB, an einem Informationsanlass am Dienstagabend im «Hirschen»-Saal in Hinwil. Diese könnte im Industriegebiet Hinwil West entstehen. Aber wieso gerade in Hinwil?
Die erste Serviceanlage wurde im Jahr 1990 in Oberwinterthur erstellt – einige Jahre später eine zweite, ebenfalls in Winterthur. In solchen Anlagen werden Wartungen, technische Kontrollen, Reinigungen und kleinere Reparaturen ausgeführt.
Aufgrund des Bevölkerungswachstums und eines dichteren Fahrplans würden bis 2030 weitere Züge dazukommen. Um diese instand zu halten, sei nun eine weitere Serviceanlage notwendig.
«Die Suche nach dem richtigen Standort ist ein sehr aufwendiger Prozess», sagte Holzinger. Ein erster Versuch scheiterte 2020, nachdem sich Bubikon gegen eine Fläche von acht Hektaren gewehrt hatte und auch andere Standorte wie etwa der Betzholzkreisel nicht infrage gekommen waren. Die SBB mussten ihre Strategie ändern. Statt einer riesigen Service- und Abstellanlage wollen sie nun zwei kleinere Anlagen bauen.
Co-Nutzung mit der Armee
Für die erste Anlage bis 2035 weiteten die SBB ihren Suchperimeter über den Kanton Zürich aus und prüfen nun den Güterbahnhof in Schaffhausen. Bis 2050 ist dann aber eine zweite Serviceanlage nötig, wo Hinwil ins Spiel kommt.
«Der Standort muss idealerweise bei einem Linienendpunkt liegen, damit die Züge schnell vom Gleis in die Serviceanlage gelangen und somit leere Fahrten vermieden werden können», erklärte Holzinger. In Hinwil enden laut ihm einige S-Bahn-Linien, weshalb sich die Gemeinde gut für eine solche Anlage eignen würde. Allerdings handelt es sich dabei nur um die Linie S14.
Ausserdem müsse das Areal, auf dem eine solche Serviceanlage entstehen könne, zirka einen Umfang von fünf Hektaren haben und flach sein. Laut Holzinger ist die Grösse wichtig, damit auf der Fläche eine lange Halle mit drei Gleisen für 150 Meter lange Züge Platz findet. Die SBB fokussieren sich bei der Standortsuche ausschliesslich auf bereits überbaute Areale, um keine Grünflächen zerstören zu müssen.
Ein Areal, das all diese Bedingungen erfüllt, ist das Armeelogistikcenter (ALC). Die Armee müsse den SBB aber nicht den Platz freigeben, meinte Holzinger. Die Idee sei, den Platz gemeinsam zu nutzen. Wie das umgesetzt werden könnte, wird in den nächsten Jahren geprüft.
Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), Grundeigentümer des Areals, war nicht überrascht über die Anfrage der SBB. «Wir erhalten regelmässig Anfragen von Dritten zu möglichen Nutzungen von unserem Grundeigentum in der ganzen Schweiz», erklärt Lea Ryf, Mediensprecherin des VBS.
Ob sich die Armee eine Co-Existenz vorstellen könne, hänge von der ergebnisoffenen Überprüfung ab. Klar ist laut Ryf aber: «Das ALC Hinwil hat eine zentrale Bedeutung für die logistische Versorgung der Armee in der Ostschweiz und hat auch künftig eine sehr grosse Bedeutung für das VBS.»
In einem nächsten Schritt beteiligt sich das VBS bei der Überprüfung einer möglichen Mehrfachnutzung des Areals. «Die Prüfung ist eine sehr komplexe Planungsaufgabe, die mehrere Jahre dauern wird», sagte Holzinger am Dienstag. Auf eine genaue Jahreszahl mochte er sich nicht festlegen. Bis 2050 bleibe zum Glück noch viel Zeit, um dieses Projekt sorgfältig planen zu können, meinte er weiter.
Bis die Prüfung abgeschlossen ist, werden aufseiten der SBB keine anderen Standorte gesucht, wie Holzinger auf eine Frage aus dem Publikum im «Hirschen»-Saal bestätigte. Bei einer erfolgreichen Planung würden klassische raumplanerische Verfahren folgen wie ein Eintrag im kantonalen Richtplan und auch im Sachplan auf Bundesebene.
Ein Projekt von vielen
Viele Fragen warf das SBB-Projekt bei den Anwesenden im Saal nicht auf. Lediglich um den Lärm einer solchen Anlage machte sich jemand Sorgen. Doch Holzinger versicherte dem Publikum, dass eine Serviceanlage keinen grossen Lärm verursachen würde.
Bei der geplanten Serviceanlage handelt es sich nur um ein Grossprojekt von vielen, die Hinwil in den kommenden Jahren bevorstehen. So soll zum Beispiel bis 2030 ein Kezo-Neubau entstehen. Die ZAV Recycling AG plant, ihre Trockenschlackenaufbereitung per 2026 zu verdoppeln, und auch die Beerstecher AG möchte in Hinwil neue Gewächshäuser bauen.
Ausserdem hat die Baudirektion im letzten Jahr ihre Pläne für die Schaffung neuer Deponien präsentiert, wobei eine in Ringwil entstehen soll. Gleichzeitig ist der Kanton daran, Eignungsgebiete für die Windenergienutzung festzusetzen, wovon sich eines auf Hinwiler Gemeindegebiet befindet. Dazu kommt das Fernwärmeprojekt, für das die Erstellung eines neuen Leitungsnetzes notwendig ist.
In Hinwil tut sich also so einiges in den kommenden Jahren. Dass wichtige Weichenstellungen für Hinwil anstehen, ist dem Gemeindepräsidenten bewusst, wie er am Info-Anlass vor den rund 100 Interessierten im «Hirschen»-Saal in Hinwil betonte. All diese Projekte seien aber auch eine grosse Chance für die Gemeinde. Das Ziel in den nächsten Jahren sei, die Identität von Hinwil zu erhalten und langfristig einen Mehrwert zu schaffen.