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Wie viele Marathons sind überhaupt gesund?

Spitzenathleten laufen drei Marathons pro Jahr. Der Ustermer Robin Lörtscher deutlich mehr. Was bedeutet das für die Gesundheit?

Ein Marathon pro Woche – geht das? Robin Lörtscher (rote Schuhe) als Pacemaker am Zürich Marathon, Sportarzt Christian Schmied (kleines Bild).

Foto: PD

Wie viele Marathons sind überhaupt gesund?

Sportarzt klärt auf

Spitzenathleten laufen zwei oder drei Marathons pro Jahr. Der Ustermer Robin Lörtscher deutlich mehr. Was bedeutet das für die Gesundheit?

Die Zahlen sind eindrücklich. 275 Marathons in gut 20 Jahren – und damit ist Robin Lörtscher im 100 Marathon Club Schweiz noch nicht einmal der Rekordhalter. Sechs stehen noch vor ihm – an der Spitze ein Inder mit Jahrgang 1958, der unterdessen über 800 Marathons gelaufen ist.

Aber ist das auch gesund? Für Spitzenathletinnen wie etwa die Wetzikerin Fabienne Schlumpf gilt: nicht mehr als zwei oder drei pro Jahr. Doch da geht es um Zeiten und Bestleistungen. Was aber ist mit Läufern wie Lörtscher, denen es um das Erlebnis und die Freude geht und längst nicht mehr um die Zeit? Gilt für sie etwas anderes als für Spitzensportlerinnen und Spitzensportler?

Unter Umständen schon. Der aus Illnau stammende Christian Schmied, Kardiologe und Sportarzt an der Klinik Hirslanden, sagt: «Wenn jemand sehr fit ist, einen Marathon theoretisch auch viel schneller laufen könnte, aber trabt, zwischendurch vielleicht sogar spaziert und nur vor dem Besenwagen im Ziel sein will, dann kann man da sicher eine Ausnahme machen. Aber sonst ist es grundsätzlich physiologisch nicht möglich, mehr
als drei oder maximal vier Marathons zu laufen, ohne einen gesundheitlichen Schaden zu riskieren.»

Man zehrt von seinen Reserven

Ausschlaggebend ist die Erholung. Denn isoliert betrachtet ist ein Marathon kein gutes Unterfangen für den Körper. Schmied sagt: «Eine Belastung von 40 Kilometern zu rennen, das ist supraphysiologisch.» Also nicht normal. Der Körper ist für diese Belastung nicht gemacht, man betreibt eigentlich Raubbau an ihm. «Es ist ein extrem katabolischer Ablauf, bei dem man von seinen Reserven zehrt», sagt Schmied.

Sind diese aufgebraucht, wechselt der Körper in einen Notfallmodus, und da kann es gar zu irreparablen Schäden kommen – auch am Herz. Über den Marathon gibt es keine spezifischen Daten diesbezüglich, Schmied erwähnt aber eine Studie an der Ultra-Laufveranstaltung Race Across the USA. Da wurde nachgewiesen, dass bei den Teilnehmern eine Arteriosklerose einsetzte – also eine Herzgefässkrankheit. «Man kann daraus schliessen, dass man in wenigen Wochen seine Herzgefässe kaputt machen kann. Umgekehrt kann man auch daraus schliessen, dass es für die Herzgefässe eine total gute Sache ist, wenn man sich für dieselbe Strecke ein halbes Jahr Zeit nimmt.»

Regeneration ist das A und O

Zeit nehmen sollten sich Marathonläufer auch für die Regeneration. Verschiedene Merksprüche werden dafür herumgeboten. 42 Tage Pause – also einen pro Laufkilometer – hält Schmied für übertrieben. 21 Tage sind laut ihm eine gute Faustregel. «Was aber nicht heisst, dass man danach gleich den nächsten Marathon macht, sondern wieder leicht trainiert.» Bis der Körper bereit ist für den nächsten Marathon, dauert es laut Schmied «mindestens drei, wenn nicht vier Monate». Was auf die bekannten drei oder vier Marathons pro Jahr hinausläuft. Und für Marathon-Neulinge gilt laut Schmied: «Man braucht je nach Fitnesslevel sechs bis zwölf Monate, um sich auf die Premiere vorzubereiten – doch das ist die beste Zeit des Lebens, weil man optimal trainiert.»

Was aber, wenn jemand einen pro Monat bestreiten möchte oder gar noch mehr? Für Schmied ist das «definitiv zu viel und nicht gesund». Als Moralapostel will er aber nicht auftreten und relativiert deshalb: «Was heisst schon gesund? Ein stressiger Job oder eine toxische Ehe ist das ja auch nicht.»

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