Abo

Technik & Mobilität

Wie Illnau-Effretikon zur Schwammstadt wird

Mit wasserdurchlässigen Trottoirs will die Stadt der Klimaerwärmung begegnen. Am Beispiel Wingertstrasse lässt sich das gut aufzeigen.

Die Kombination von Sickersteinen, Entwässerungsschalen und Bäumen soll mithelfen, die Hitze im Siedlungsraum zu mindern.

Foto: Almut Berger

Wie Illnau-Effretikon zur Schwammstadt wird

Entlang der Wingertstrasse in Illnau werden zurzeit Bäume gepflanzt. Die Sackgasse wurde in den letzten Wochen saniert, die Beläge auf der Fahrbahn und auf dem einseitigen Gehweg erneuert. Das Besondere dabei: Anstatt auch das Trottoir zu asphaltieren, kommen hier flächendeckend verlegte Sickersteine zum Einsatz.  

Neben der Alpenstrasse in Illnau und der Anwandelstrasse in Effretikon ist dies die dritte Quartierstrasse, die gemäss dem neuen Konzept saniert wird, wie Erik Schmausser, Stadtrat im Ressort Tiefbau, auf Anfrage erklärt. Die Entsieglung von Trottoirs sei eine der ersten Massnahmen, die die Stadt zur Anpassung an das wärmere Klima ergriffen habe. Weitere – noch nicht spruchreife – sollen folgen. 

Den Boden als Schwamm nutzen

«Schwammstadt» nennt sich das städtebauliche Konzept, bei dem anfallendes Regenwasser möglichst lokal aufgenommen und gespeichert wird, anstatt es lediglich zu kanalisieren und abzuleiten.

«Mit den porösen Spezialsteinen werden die Trottoirflächen befestigt, aber nicht versiegelt.»
Erik Schmausser, Stadtrat Ressort Tiefbau

Wie das konkret aussieht, lässt sich am Beispiel der frisch sanierten Wingertstrasse exemplarisch aufzeigen.

«Mit den porösen Spezialsteinen werden die Trottoirflächen befestigt, aber nicht versiegelt», sagt Erik Schmausser. Das Gleiche gelte für die Fugen. «Statt den Niederschlag also in die Kanalisation abzuleiten, wird das Wasser bereits vor Ort wieder dem Wasserkreislauf zugeführt.» 

Durch ihre Offenporigkeit lassen die Betonsteine das Wasser vor Ort versickern.

Das sei gerade auch im Hinblick auf Starkregenereignisse, von denen mit dem Klimawandel vermehrt gerechnet werden müsse, wichtig: «Durch das Versickern vor Ort werden Kanalisation, Rückhaltebecken und Kläranlage entlastet.» Was sich auch positiv auf den Gewässerschutz auswirke. «An Hitzetagen kühlt das versickerte Wasser die Umgebung via die Verdunstung über die Bäume ab und verbessert so die Aufenthaltsqualität und das Mikroklima.»

«Durch das Versickern vor Ort werden Kanalisation, Rückhaltebecken und Kläranlage entlastet.»
Erik Schmausser, Stadtrat Ressort Tiefbau

Anstelle der üblichen Randsteine trennt an der Wingertstrasse eine sogenannte Entwässerungsschale den Gehweg von der Fahrbahn. Diese nimmt das restliche Wasser sowie das Regenwasser von der Strasse auf und leitet es nicht etwa in die Kanalisation, sondern den neu gesetzten Bäumen zu. Diesen komme bei der Hitzebekämpfung eine zentrale Rolle zu. «Indem sie an warmen Tagen grosse Mengen Wasser verdunsten, regulieren sie ähnlich einer Klimaanlage die Temperatur in ihrer unmittelbaren Umgebung.» 

Die Entwässerungsschale ist nicht an der Kanalisation angeschlossen, sondern leitet das Regenwasser zu den Baumgruben.

Gepflanzt werden sie in sogenannte Baumgruben. Diese werden mit einem sickerfähigen Beton erstellt und mit einem speziellen Baumsubstrat gefüllt. Da die Gruben nach unten offen bleiben, kann auch hier das überzählige Wasser versickern. «Damit trägt es zur wertvollen Grundwasserneubildung bei.» An der Wingertstrasse werden neben zwei bestehenden Bäumen zwei weitere gepflanzt. Der Chef des Tiefbauamts würde gern viel mehr setzen. «Bestehende Parkplätze oder Ausfahrten schränken die Möglichkeiten jedoch ein.»

Die Instandsetzung der Wingertstrasse beläuft sich auf rund 410’000 Franken. Davon entfallen Mehrkosten von rund 18’000 Franken auf Baumgruben und Bäume und rund 35’000 Franken auf die Betonverbundsteine und die Betonschalen.

Anwohner befürchten Stolperfallen

Die wasserdurchlässigen Trottoirs stossen nicht nur auf Gegenliebe, wie Reaktionen von Anwohnern zeigen. Die Befürchtung, dass zwischen den Sickersteinen irgendwann Unkraut spriessen könnte, kann Erik Schmausser verstehen. «Die Verantwortlichen des Unterhalts werden das im Auge behalten», verspricht er.

Dass die Sickersteine durch Strassenkehrmaschine oder Schneepflug gelockert und so zur Stolperfalle werden können, verneint er hingegen. «Was wir hier machen, ist keine Neuerfindung.»

So hätten sich die gleichen Sickersteine schon seit Jahren auf dem Rössli-Parkplatz bewährt: «Und selbst von hier, wo Frauen in Stöckelschuhen unterwegs sind, haben wir noch nie eine Reklamation erhalten.» Als Nächstes sollen die Rebenstrasse in Effretikon und die Brand- und Rütlistrasse in Illnau klimafit gemacht werden.  

(Almut Berger)

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.