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Gesellschaft

Vier Jahre Krieg

Wie es Ukrainerinnen in der Region ergeht: «Wir leben in einem Provisorium»

Während sie hier Deutsch lernen, ihre Kinder grossziehen und jobben, leben ihre Angehörigen in der Ukraine in kalten Wohnungen, ohne Strom, unter Beschuss. Sicherheit hier – Angst dort.

Inessa Funtikova holt sich Unterstützung in der Kirche und bei einer Psychologin.

Foto: Eleanor Rutman

Wie es Ukrainerinnen in der Region ergeht: «Wir leben in einem Provisorium»

Vier Jahre Krieg

Während sie hier Deutsch lernen, ihre Kinder grossziehen und jobben, leben ihre Angehörigen in der Ukraine in kalten Wohnungen, ohne Strom, unter Beschuss. Sicherheit hier – Angst dort.

Genau vor vier Jahren nahm der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg auf die Ukraine seinen Anfang. Trotz massiver Zerstörung, täglichen Luftangriffen und einer angespannten Lage an der Front hält die Ukraine stand. Auch der Westen bekräftigt seine Solidarität, spricht über Wiederaufbau, Hilfspakete und Verantwortung. Und doch fühlt es sich für viele Betroffene so an, als bewege sich wenig.

Vor zwei Jahren haben wir Frauen getroffen, die aus dem Kriegsgebiet in die Schweiz fliehen konnten. «Es war nie unser Wunsch, in ein anderes Land zu ziehen», sagten sie alle damals. Sie leben noch immer hier – in Effretikon und Rüti. Die Ukrainerinnen sind dankbar – und bezahlen dennoch einen Preis: Sie leben in einer neuen Kultur, passen sich an, lernen eine neue Sprache, während ihre Liebsten in der Ukraine zurückbleiben, dort frieren, nächtliche Drohnenangriffe erleben und ausharren müssen.

Ein Neubeginn im Parterre

Wenn Inessa Funtikova abends mit ihrem Mann telefoniert, sitzt sie in einer warmen Wohnung in Effretikon. Er lebt in der Hafenstadt Odessa im Süden der Ukraine. Oft friere er. Und häufig sage er wenig und klinge fast immer erschöpft. «Er ist depressiv», sagt Funtikova. Wir sitzen in ihrer Küche, während sie erzählt. Sie hat Kaffee gemacht und bietet verschiedene Sorten von Gebäck an.

Nach der Arbeit gehe ihr Mann nach Hause – und dort sei einfach nichts mehr. Kein Strom, keine Wärme, keine Sicherheit. «Wir sprechen jeden Abend miteinander, aber die Situation belastet mich sehr.»

Sie lebt heute mit ihren zwei jüngeren Kindern in einer Dreizimmerwohnung im Parterre eines Mehrfamilienhauses in Effretikon, in einem Block aus den 1970er Jahren, der sichtbar sanierungsbedürftig ist. Ein Provisorium – wie vieles in ihrem Leben.

Die 52-Jährige wirkt erholter als noch vor zwei Jahren, als wir sie während einer Pause ihres Deutschkurses in Dübendorf trafen. Damals verständigten wir uns mithilfe einer Übersetzungs-App. Heute spricht sie frei, sucht nach Worten, umschreibt, bleibt dran. Auch bei schwierigen Begriffen greift sie nicht mehr zum Handy.
«Ja, ich bin ein wenig angekommen hier», sagt sie.

Inessa Funtikova sitzt auf einem Sofa in einem Café in Dübendorf.
Vor zwei Jahren mussten wir das Gespräch noch mit einer Übersetzungs-App führen.

Ursprünglich stammt Funtikova aus Odessa. Ihr Mann arbeitet als Teamleiter in der Autoindustrie. Ins Militär muss er nicht – er ist Vater von drei Kindern. Warum kommt er nicht auch in die Schweiz?

«Das geht nicht», sagt sie. «Er muss seinen Job behalten und in der Ukraine Steuern zahlen.» Zudem müsste auch er hier zuerst die Sprache lernen. «Er hat Angst, hier keine gute Stelle zu finden.»

Zweimal im Jahr besucht er seine Familie für je drei Wochen in Effretikon. Einmal im Jahr fährt Funtikova zu ihm nach Odessa. «Es ist ein komisches Gefühl, dort zu sein», sagt sie leise. «Die Zerstörung zu sehen – in meiner geliebten Heimatstadt.» Und sicher fühle sie sich auch nicht, vor allem nachts, wenn Drohnen einschlagen würden.

Arbeiten wollen und nicht dürfen

Während ihr Mann in der Ukraine ausharrt, versucht Funtikova hier Fuss zu fassen. Sie sucht Arbeit. Momentan putzt sie einmal im Monat bei einer Frau. Eigentlich hat sie Abschlüsse in Psychologie und Ökonomie.

«Die Jobsuche ist nicht einfach», sagt sie. Viele Arbeitgeber wollten keine Menschen mit Status S. Sie zeigt eine Job-App auf ihrem Handy. Auf der Bewerbungsseite steht es ausdrücklich.

«Mein Status läuft in einem Jahr aus», sagt sie. «Und was dann ist, weiss niemand.» Sie zuckt kurz mit den Schultern. «Ich lebe in einem Provisorium.»

Ihr ältester Sohn ist 29, lebt in Bern und absolviert eine IT-Lehre. «Er hat ein sehr gutes Zeugnis», sagt sie stolz. Die jüngeren Kinder sind zehn und acht Jahre alt. Die Tochter hat ein eigenes Zimmer, der Sohn schläft in einem Kajütenbett im Wohnzimmer. Die Möbel stammen aus dem Brockenhaus. Alles ist schlicht, funktional, zweckmässig.

Nach der Schule loggen sich die Kinder täglich noch eine Stunde in die ukrainische Onlineschule ein.
«Früher haben wir auch Russisch gelernt», sagt Funtikova. «Heute wird nur noch Ukrainisch unterrichtet.» Es sei wichtig, den Anschluss in der alten Heimat nicht zu verlieren.

Überleben im Alltag

Der Alltag in der teuren Schweiz verlangt Improvisation. In der Küche stapelt sich Gemüse. Wie kommt sie über die Runden? «Ich tausche Kleidung und Spielzeug mit anderen Leuten – eine ukrainische Übersetzerin organisiert das», sagt sie. «Wir schauen füreinander.» Sie kauft gezielt ein, vergleicht Preise, wartet auf Rabatte. Ins Restaurant geht sie fast nie. Vielleicht einmal, wenn ihr Mann zu Besuch kommt.

Sonntags geht sie in die Kirche. Nicht unbedingt aus religiöser Überzeugung, sondern wegen der Menschen. Dort trifft sie andere Ukrainerinnen, aber auch Schweizerinnen. Ein befreundetes Schweizer Paar schickte ihrem Mann ein Paket nach Odessa – mit einem Taschenmesser und einer warmen Jacke.

Die Heimat im Kochtopf

Einmal im Gespräch hellt sich ihr Gesicht auf. Sie erzählt vom ukrainischen Kochen in der Kirche. Borschtsch, Golubzi, Wareniki – Randeneintopf, Kohlrouladen und gefüllte Teigtaschen. «Ich habe an diesem Tag alles organisiert», sagt sie und wirkt stolz.

Kochen bereitet ihr Freude. Gerne hätte sie auch ein ukrainisches Gebet angeleitet. Doch der Pfarrer stoppte sie. Es könnten Menschen anwesend sein, meinte er, die Russland unterstützten – deshalb gehe das nicht. Funtikova streicht sich durch die Haare, sichtbar aufgebracht. «Diese Menschen haben auch von unserem ukrainischen Essen gegessen», sagt sie, «dann hätten sie auch mit uns beten können.» Der Krieg reicht bis in ihr Wohnzimmer. Und manchmal bis in ihre Stimme.

Eugenia Maschenko ist Fotografin aus Rüti

Eugenia Maschenko im Porträt.
Eugenia Maschenko kann ihre Talente beim Fotografieren ausleben.

«Ich lebe noch immer in Rüti bei meinen Schweizer Verwandten. Ich arbeite als Fotografin und als Personal-Styling-Beraterin, hauptsächlich im Zürcher Oberland. Beruflich bin ich gut eingebunden, das gibt mir Stabilität.

Vier Jahre Krieg – es ist einfach schrecklich. Was kann man dazu noch sagen? Wir nähern uns zeitlich bereits der Dauer des Zweiten Weltkriegs, und trotzdem scheint sich die Welt daran zu gewöhnen. Dabei habe ich schon vor zwei Jahren gesagt, dass wir uns in einer globalen Krise befinden. Leider bestätigt sich das. Die Welt wird weiterhin von Umbrüchen erschüttert.

Ich habe nach wie vor engen Kontakt zu Menschen in der Ukraine, insbesondere in Kiew. Dort leben Verwandte und Freunde von mir. Für sie ist das Leben extrem schwierig. Sie überstehen schlaflose, angstvolle Nächte und diesen Winter zusätzlich die extreme Kälte. Und trotzdem versuchen sie, so gut es geht, ihr normales Leben weiterzuführen.

Was für mich besonders schwer wiegt, ist der gezielte Terror gegen die Zivilbevölkerung und die systematische Zerstörung der ukrainischen Energieinfrastruktur. In diesem aussergewöhnlich kalten Winter hat das besonders grausame Ausmasse angenommen – man spricht nicht umsonst vom sogenannten Cholodomor, dem bewussten Aussetzen der Zivilbevölkerung extremer Kälte.

Mein Vater, er ist bereits älter und gesundheitlich angeschlagen, lebt bei etwa 10 Grad Raumtemperatur. Er trägt zu Hause Winterkleidung und schläft im Schlafsack. Er greift auf Überlebensfähigkeiten zurück, die er sich in seiner Jugend bei Wintertouren angeeignet hat. Viele noch ältere oder kranke Menschen haben diesen Winter jedoch nicht überlebt. Sie sind in ihren eigenen Wohnungen erfroren.

Oft gibt es nur ein bis zwei Stunden Strom pro Tag, und nicht immer tagsüber. Eine Freundin von mir steht deshalb regelmässig um drei Uhr morgens auf, um Essen für ihr Kind vorzubereiten, damit sie es am Morgen mit heissem Wasser aus der Thermoskanne aufgiessen kann.

Ich arbeite weiterhin mit der Standortförderung Zürioberland sowie mit anderen Organisationen und Vereinen in der Region zusammen. Für die Standortförderung habe ich unter anderem sehr viele Kunstwerke im öffentlichen Raum fotografiert – Bauwerke, Skulpturen und Installationen.

Mein grösster Wunsch für die Zukunft ist, dass Länder aufhören zu kämpfen und ihre Ressourcen stattdessen in wissenschaftliche Durchbrüche investieren. Persönlich wünsche ich mir vor allem, weiterhin gebraucht zu werden in einer Tätigkeit, die mir Sinn gibt.»

Yuliia Bezruchko aus Rüti arbeitet in einem Kiosk

Yuliia Bezruchko im Porträt.
Yuliia Bezruchko schätzt ihren Arbeitsalltag, das gibt ihr Stabilität.

«In der Ukraine habe ich eine Ausbildung als Bankfachfrau abgeschlossen. Heute arbeite ich als Verkäuferin in einem Kiosk. Meine Chefin und meine Kolleginnen und Kollegen sind sehr freundlich und hilfsbereit, ich arbeite sehr gerne mit ihnen zusammen. Diese Normalität im Arbeitsalltag bedeutet mir viel.

Meine Eltern und mein Bruder leben weiterhin in einem Privathaus in der Nähe von Dnipro. Bei Stromausfall funktionieren weder Heizung noch Wasserversorgung. Der Strom fällt täglich für 16 bis 20 Stunden aus. Meine Familie zieht sich zu Hause warm an und benutzt Kerzen. Es ist sehr schwer, unter solchen Bedingungen zu leben. Besonders schlimm ist die Angst, wenn sie Explosionen hören oder sehen.

Mein Cousin dient seit über einem Jahr in einer Sturmbrigade. Das bedeutet, dass er an vorderster Front eingesetzt ist. Derzeit befindet er sich im Süden der Ukraine. Er meldet sich nur sehr selten, weil er direkt im Einsatz steht. Wie jede ukrainische Familie leben auch wir in einem dauerhaften Stresszustand.

In Rüti leben wir mit der Unterstützung der Gemeinde und der AOZ. Dafür sind wir sehr dankbar. Die Unterkunft, aber auch die moralische Unterstützung sind für uns von grossem Wert. Sie geben uns Halt in einer Situation, in der vieles unsicher bleibt.

Meine Familie und ich vermissen unsere Heimat sehr. Die Frage nach der Zukunft ist komplex, und im Moment habe ich keine eindeutige Antwort darauf. Je länger wir hier sind, desto mehr Berührungspunkte entstehen: die Schule meiner Tochter, ihre Freundinnen und Freunde, meine Arbeit und vor allem das Gefühl von Sicherheit. Gleichzeitig sind meine Gedanken täglich bei meinen Eltern und meinem Bruder, die in der Ukraine geblieben sind.

Mein Schutzstatus läuft 2027 ab. Das Gefühl, nur vorübergehend hier zu sein, begleitet uns ständig. In der Zwischenzeit ging das Leben weiter. Ich habe Deutsch gelernt, meine Tochter geht zur Schule, und Ende 2025 fand ich glücklicherweise eine Arbeit. Trotzdem bleibt dieses Dazwischen – hier ein Alltag, dort der Krieg.»

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Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

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