Wie die Familie Feuz ins Haus in Rengerswil kam
Wer auf der Strasse von Sitzberg nach Bichelsee unterwegs ist, quert auch den kleinen Weiler Rengerswil. Es ist ein besonderer Ort: Hier zahlt man die Steuern in Turbenthal und besucht, sofern reformiert, die Kirche in Sitzberg. In der Adresse steht jedoch als Postleitzahl diejenige von Bichelsee.
Zur alten Liegenschaft, die direkt neben der Durchgangsstrasse steht, hat die Autorin dieses Artikels schöne Erinnerungen. Denn in dem Haus wohnte Onkel Fritz. Zwar war er ein Cousin der Mutter, aber es war einfach der Onkel Fritz in Rengerswil.
Und schon steckt man mitten in der Familiengeschichte Feuz. Etliche der direkten Nachfahren aus dieser Familie wohnen heute noch in der Gegend – so in Bichelsee, im Bärlischwand, im Grund, in Seelmatten, in der Unterspitzwies, in Elgg und Turbenthal.
Von Grindelwald nach Bichelsee
Einer von ihnen ist der im Zürcher Oberland lebende Martin Feuz. Er hat im 2020 erschienenen Buch «Familie Feuz aus Bichelsee, Lebensgeschichte der einstigen Berner Oberländer», die Zusammenhänge erfasst und festgehalten. Dazu hat er in der eigenen Verwandtschaft nachgefragt und in diversen Staatsarchiven nachgeforscht.
Bevor die Familie in Rengerswil wohnhaft wird, gibt es eine lange Vorgeschichte, die zurück ins Bernbiet führt: Peter Feuz, von Beruf Landwirt, heiratet 1852 in Grindelwald eine Margaritha Bohren.
Ein Landwirt mit Mühle
Im Juli 1855 wird Sohn Peter geboren, der für diese Zusammenstellung eine wesentliche Rolle spielt. Er wächst mit seinen Geschwistern im Haus zur Seeplatte bei Burglauenen auf. 1878 heiratet er die Lehrerin Emma Scheidegger, die jedoch nach der Geburt des zweiten Kindes im Wochenbett stirbt.
«Ab 1897 wird die in der Bundesverfassung festgehaltene Niederlassungsfreiheit zwischen den Kantonen für alle Schichten garantiert.»
Auszug aus dem Buch von Martin Feuz
In der Folge vermählt er sich 1881 mit einer Elisabeth und zieht mit ihr nach Schwendi, Grindelwald. Peter Feuz kann jetzt nebst der Landwirtschaft eine Mühle betreiben, und gründet 1883 eine Einzelfirma.
Martin Feuz hält dazu im Buch fest: «Doch mit dem Einbezug der Schweiz in die weltweiten Agrarmärkte sinken auch die Getreidepreise stetig. Für Kleinbauern lassen sich so die Produktionskosten kaum mehr decken, sie verkaufen ihre Gütchen und wandern zu Tausenden aus.»
Vor diesem Hintergrund lässt Peter Feuz um 1890 den Handelsregistereintrag löschen und widmet sich nur noch der Landwirtschaft.
Neue Heimat in Bichelsee
Dann geschieht erneut etwas, das zur damaligen Zeit für viele Menschen entscheidend war. «Ab 1897 wird die in der Bundesverfassung festgehaltene Niederlassungsfreiheit zwischen den Kantonen für alle Schichten garantiert», berichtet Martin Feuz weiter.
Peter Feuz sieht den richtigen Moment gekommen und beginnt mit der Suche nach einer neuen Heimat. Er wird im Hinterthurgau in der Gemeinde Bichelsee fündig. Das Heimwesen steht im Grund, oberhalb der Steig.
Im Januar 1898 ist es so weit, die Familie zügelt in den leicht abgelegenen Hof. Weil sich Feuz auf die Nutz- und Schlachtviehvermarktung spezialisiert, kann er ein Vermögen anhäufen.
Das Geld investiert er in den Kauf von Liegenschaften, darunter das Haus in Rengerswil. Seine Frau Elisabeth stirbt 1921, er drei Jahre später. Sohn Albert übernimmt den Landwirtschaftsbetrieb.
Der Vater von Onkel Fritz
Der neun Jahre ältere Bruder Friedrich ist es aber, der in Rengerswil seine Heimat in Rengerswil findet. 1885 geboren, besucht er wahrscheinlich als 20-Jähriger die landwirtschaftliche Winterschule in Rütti im Kanton Bern. Friedrich Feuz wird als zurückhaltender Mensch beschrieben.
Er lernt Elisabetha Graf kennen, die in der Lochwies bei Balterswil lebt, deren Familie ebenfalls vom Kanton Bern in den Hinterthurgau ausgewandert ist. Um seine Zukünftige zu besuchen, nimmt Friedrich Feuz gerne einen einstündigen Fussmarsch auf sich.
Mitten im ersten Weltkrieg, im Oktober 1917, heiraten die beiden. Sie beziehen die Liegenschaft von Feuz’ Vater in Rengerswil, wo das Ehepaar Milchwirtschaft betreibt. Bereits ein Jahr später kann Friedrich Feuz das Wohnhaus, die Scheune, den Stall und den Schopfanbau samt Umland erwerben.
Das Paar hat zwei Kinder, Emma (1918 – 2015) und Fritz (1920 – 1998). Emma wohnt später mit ihrer Familie in Elgg und besagter Onkel Fritz verbleibt ledig in Rengerswil.
Engagierter Friedrich Feuz
Friedrich Feuz widmet sich gerne den Bienenvölkern. Auch engagiert er sich für den elektrischen Fortschritt und die Versorgung der Region mit elektrischer Energie und Trinkwasser.
So hat er in der 1923 gegründeten Firma Elektra-Genossenschaft Steig das Amt des Kassiers inne. Ab 1954 präsidiert er die in Turbenthal gegründete Wasserversorgungsgenossenschaft, die für die Weiler Hamberg, Speck, Schürli, Rengerswil, Emmerwies und Niederwies zuständig ist.
Sie versorgt die Mitglieder mit Trink-, Brauch- und Löschwasser. Das ist auch nötig, denn Liegenschaften wie etwa das Rengerswiler Haus verfügen damals über eine sehr einfache Infrastruktur.
In der Küche gibt es einen Kaltwasseranschluss, gespeist von der nahen Quelle, und in der Stube eine Lampe, die den dunklen Raum mit der tiefen Decke kaum zu erhellen vermag.
Soziales Engagement
Im Zeitraum des zweiten Weltkriegs nimmt das Ehepaar zur Entlastung der Familien von Verwandten und Bekannten immer wieder Kinder bei sich auf. Zum Beispiel Sepp, der ein Nierenleiden hat, mehrere Jahre in Rengerswil lebt und hier die örtliche Schule besucht.
Friedrich Feuz stirbt 1973 nach einem Schlaganfall zu Hause, seine Frau überlebt ihn noch um vier Jahre. Onkel Fritz bewirtschaftet den Hof fortan alleine, nach seinem Tod geht das Haus an eine Familie über.
«Wir haben sogar noch ein Milchbüchlein im Estrich gefunden, das Fritz geführt hat.»
Jetzige Besitzer des Anwesens in Rengerswil
Die jetzigen Besitzer haben das Anwesen 2008 erstanden. Ihren Angaben gemäss ist das Gebäude um 1750 gebaut worden. Ihnen gefällt, dass es eine Vergangenheit hat.
«Wir haben sogar noch ein Milchbüchlein im Estrich gefunden, das Fritz geführt hat», erzählen sie. Nach der Feuz-Ära wird das Haus in Rengerswil nun anderweitig und offensichtlich mit Freude bewohnt.
Der Grund hingegen wird in der fünften Generation bewirtschaftet. Mit einem würdigen Fest feiern die Nachkommen der Familie Feuz im nächsten Jahr das 125-jährige Bestehen dieses doch bedeutenden Stammhauses.
Renate Gutknecht