Wie aus der Sportikone Kevin Young ein Maurmer wurde
Aus dem Ghetto bis nach Maur
Im Sommer 1992 stellt Kevin Young über 400 Meter Hürden einen Weltrekord auf, der 29 Jahre standhält. Heute wohnt der US-Amerikaner mit seiner Schweizer Ehefrau in Maur – und ist dankbar, dass er überhaupt noch lebt.
Olympiasieger, Weltmeister, jahrzehntelanger Weltrekordhalter: Standesgemäss würde man die Ankunft in einem schönen Auto oder zumindest auf einem schnittigen E-Bike erwarten. Doch Kevin Young steigt an diesem Herbstmorgen an der Haltestation der Maurmer Sportanlage Looren aus einem beigen Regionalbus.
Im schwarzen Kapuzenpullover und mit dem schwarzen Baseballcap schreitet der 59-jährige US-Amerikaner in Richtung Tartanbahn. Es ist nicht die Kleidung, sondern die langen Beine, an denen man ihn, den Weltklasse-Hürdenläufer aus den 1980er und 1990er Jahren, erkennt.
«Was für ein wundervoller, pittoresker Ort», entfährt es ihm schon bei der Begrüssung. «Vor meiner Haustüre hat es einen Wald und Kühe, die weiden. Für jemanden, der in einem ärmlichen Viertel in Los Angeles aufgewachsen ist, ist das eine andere Welt.»
Diese andere Welt hier auf dem Pfannenstiel ist für Kevin Young Heimat geworden – deshalb auch die Anreise mit dem Bus. Schon seit 2019 lebt er im Maurmer Ortsteil Ebmatingen mit seiner Schweizer Frau, die er 2022 im Stadthaus Dübendorf geheiratet hat.
All das hat mit Ausnahme des Lokalblatts «Maurmer Zeitung», das in diesem März erstmals über seine Anwesenheit in der Gemeinde berichtete, niemand wirklich bemerkt. Dabei hat Kevin Young Sportgeschichte geschrieben – und zwar in einer der wichtigsten Disziplinen der Leichtathletik.
Rennen für die Ewigkeit
Am 6. August 1992 läuft Kevin Young an den Olympischen Spielen in Barcelona die 400 Meter Hürden in 46,78 Sekunden. Er holt damit nicht nur Gold. Er bricht auch den Weltrekord seines grossen Vorbilds Edwin Moses und bleibt als erster Mensch unter 47 Sekunden. Eine Leistung, die 26 weitere Jahre lang niemandem gelingen wird.

Seine Zeit hält sogar nochmals drei Jahre länger. Erlaufen in einer Ära, in der der Doping-Verdacht omnipräsent war, wird sie nie infrage gestellt – und zum längsten stehenden Weltrekord in einer Männer-Laufdisziplin. Erst am 21. Juli 2021 unterbietet sie der Norweger Karsten Warholm an der WM in Tokio um 8 Hundertstelsekunden. Nach fast 29 Jahren.
Entsprechend ist Young heute noch jedes Detail präsent. Mit Worten, Gesten und sogar Gegenständen erklärt er, wie sein Oberkörper bei der vierten Hürde überdrehte. Wie er es trotzdem schaffte, das antrainierte Schrittmuster mit je zwölf Schritten nach den Hürden 4 und 5 beizubehalten, um danach wieder auf 13 Schritte zu wechseln. Wie er bei Hürde 8 die Konkurrenz nicht mehr hörte und danach die Hürde 10 riss.
«Auf den letzten 30 Metern dachte ich nur noch darüber nach, welchen Finger ich beim Zieleinlauf in die Luft recken wollte. Ich entschied mich für den rechten», sagt er, lacht laut und schüttelt den Kopf. «Eigentlich war mein Ziel ja nur eine Medaille. Jetzt gewann ich – und vernahm dann diese Zeit. Unfassbar.»
In den folgenden Jahren wird schnell einmal klar, dass diese 46,78 Sekunden die Sekunden seines Lebens werden. Er feiert 1993 mit dem Gewinn des Weltmeistertitels noch seinen zweiten grossen Triumph. Doch danach bleiben die Erfolge bis zu seinem Rücktritt zum Ende der 1990er Jahre aus. An seine Fabelzeit kommt er nie mehr heran.
Vom Gang-Viertel auf den Sportolymp
Wenn man ihm heute so zuhört, scheint er damit kein Problem zu haben. Als jüngstes von sieben Geschwistern in den von Armut und Bandengewalt geprägten Stadtvierteln Watts und Compton aufgewachsen, hat er das Maximum herausgeholt. Sich vom mittelmässigen Läufer ohne Stipendium zum Spitzenathleten an der Universität von Los Angeles entwickelt. Und sich dann kontinuierlich an die Weltspitze gekämpft.
Sein Rennen war nun mal dasjenige in Barcelona. Darauf hatte er gezielt hingearbeitet und jahrelang die anvisierte Zeit (46,89 Sekunden) auf einem kleinen Zettel in seinem Laufschuh getragen. Inzwischen trägt er seine 46,78 Sekunden als Anhänger um den Hals.

Als Mitglied des weltberühmten St. Monica Track Clubs trainierte und reiste Kevin Young seit Ende der 1980er Jahre mit den Stars der Gilde um die Welt. Carl Lewis, Leroy Burrell oder Mike Powell: Das sind Namen, die im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben sind.
«Als ich zum ersten Mal mit Carl Lewis am Mittagstisch sass, konnte ich die Augen nicht von ihm lassen», erinnert sich Kevin Young. «Irgendwann wies er mich darauf hin, dass mein Essen bald kalt sei, wenn ich mich nun nicht endlich auf meinen Teller konzentrieren würde.»
Ein stiller Abgang
Den Erfolg zu kapitalisieren, war zu jener Zeit nur den Grössten der Zunft vergönnt. Es sei sinnbildlich, findet er, dass die Schuhmarke, die er seit der Kindheit bis zu seinem Grosserfolg getragen hatte, nicht einmal auf die Idee gekommen sei, eine Kampagne mit ihm zu lancieren.
«Ich war immer mich selbst und nie ein Star. Vielleicht hatte ich zu wenig Ego, um mehr daraus zu machen.»
So verschwand der Mann hinter der Zeit für gut zwei Jahrzehnte aus dem Radar der Öffentlichkeit. Bereits Mitte der 1990er Jahre war er von Los Angeles nach Atlanta gezogen. Dort arbeitet er nach der Karriere zuerst für eine Baumarktkette und später für eine Transportfirma. Der Leichtathletikszene blieb er indessen stets verbunden.
Erst als mit dem Katari Abderrahman Samba 2018 erstmals wieder jemand die 400 Meter Hürden unter 47 Sekunden lief, wurde seine Person langsam wieder Teil der öffentlichen Leichtathletikdebatte – und auch seine Meinung wieder vermehrt gefragt.
«Ab da zeichnete es sich kontinuierlich ab, dass der Rekord dereinst fallen wird», sagt Kevin Young rückblickend. Letztlich sei er dankbar dafür, dass er diesen Moment dann im Sommer 2021 noch miterleben durfte.
Dem Tod von der Schippe gesprungen
Das ist freilich nicht einfach so dahergesagt. Denn dass Kevin Young heute noch am Leben ist, ist allein dem Schicksal zu verdanken.
Am 12. Dezember 2019 – er hatte kurz zuvor dank eines Stipendiums an der Universität Swansea in Wales einen Mastergang in Sportethik und Integrität begonnen – war er in einen fatalen Verkehrsunfall verwickelt.
Ein britischer Doppeldeckerbus war mit einer Eisenbahnbrücke kollidiert, wobei das Dach des Busses abgerissen wurde. Als Passagier war Young zu Beginn der Fahrt im oberen Deck zuvorderst an der Windschutzscheibe gesessen. Kurz vor dem Unglück hatte er sich wegen der engen Platzverhältnisse auf einen anderen Sitz gesetzt.
Eine chinesische Studentin, die darauf den exponierten Platz eingenommen hatte, zog sich beim Unglück tödliche Kopfverletzungen zu. Young dagegen, der nur wegen des tiefen Batteriestands seines Mobiltelefons keine Musik hörte, konnte den Aufprall Millisekunden vorher antizipieren. Er drehte sich ab und kam mit zwei gebrochenen Rippen und einem Schädeltrauma davon.
«Ich versuchte ihr noch zu helfen, doch Hilfskräfte riefen mir zu, ich solle die Windschutzscheibe, unter der sie lag, nicht verschieben, um sie nicht weiter zu verletzen. Also habe ich ihre Hand gehalten – und vermutlich miterlebt, wie sie ihren letzten Atemzug nahm.»
Corona in Maur
Das traumatische Ereignis sollte sein Leben verändern. Allerdings nicht unbedingt so, wie man es erwarten würde. Noch unter Schock reiste er daraufhin nach Maur, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Hier lebte seine Lebenspartnerin, die er bereits als aktiver Athlet Ende der 1980er Jahre im Rahmen des Letzi-Meetings kennengelernt, aber erst in den letzten Jahren lieben gelernt hatte.
Als im Februar schliesslich die Covid-Pandemie die Erde überfiel, beschloss er kurzerhand, zu bleiben. Da der Studiengang wegen der Restriktionen sowieso nur noch digital weiterlief, konnte er ihn problemlos am Pfannenstiel weiterverfolgen.
«Die Restriktionen waren hier weniger stark, ich konnte mich in der Natur bewegen. Es kann gar keinen besseren Ort geben, um eine solche Zeit zu bewältigen», sagt Young und resümiert: «Eine Aneinanderreihung von ausserordentlichen Vorfällen hat mich hier ins Glück geführt.»
Tatsächlich ist aus der Pandemie-Lösung eine permanente geworden. Der einstige Spitzenathlet hat sich ein neues Leben in Maur aufgebaut und seinen Master erlangt.

Man merkt denn auch, dass er gerne philosophiert und das Sportgeschäft, insbesondere aus der Athletensicht, kritisch hinterfragt. Gleichzeitig ist ihm klar: «Den Platz in meinem neuen Berufsfeld versuche ich noch zu finden.»
Vorderhand spricht er vor allem an Konferenzen und teilt sein Wissen, wo sein Rat und seine Inspiration gefragt sind. Wenn es sich ergibt, engagiert er sich schon mal bei Projekten.
Mit Kariem Hussein in der Looren
Und natürlich ist er auch noch in der Leichtathletik aktiv. Als Trainer arbeitet er unter anderem für den Thurgauer Kariem Hussein, den Europameister über 400 Meter Hürden von 2014, der seit einigen Jahren beim LC Dübendorf läuft.
Young hatte mit dessen Team Kontakt aufgenommen und seine Dienste anerboten. Schliesslich griff Hussein, der kurz vor den Olympischen Spielen 2021 wegen Doping für 9 Monate gesperrt wurde, im Frühjahr 2022 darauf zurück.
«Das ist für mich ein interessanter Fall», sagt Young. «Kariem wurde gesperrt, weil er eine Lutschtablette verwendet hatte, in der eine verbotene Substanz enthalten war. Während der Athlet die vollen Konsequenzen tragen musste, konnte der Hersteller darauf eine Variante ohne den entsprechenden Wirkstoff entwickeln.»
Die Karriere des 36-jährigen Arztes ist seither nicht mehr in Schwung gekommen – trotz Kevin Youngs Hilfe. Berufliche Verpflichtungen, das Alter, Verletzungen: Die Umstände für ein Comeback an der Spitze sind keine einfachen.
«Wir arbeiten nicht an einer konkreten Zeit, sondern daran, dass Kariem ein Rennen so laufen kann, wie er sich das vornimmt. Der Rest kommt von allein.»
Immer wieder, so sagt Kevin Young, absolvieren sie gemeinsame Einheiten hier in der Maurmer Sportanlage Looren. «Wir rennen jeweils mehrmals von der Tartanbahn rauf in den Wald und wieder runter», sagt er lachend. Und: «Kariem trainiert sehr gerne hier. Wie könnte er denn auch anders?»