Politik

«Wenn Schlatt fusioniert, dann gleich richtig»

Gemeindefusionen sind zurück auf dem politischen Tapet. Wie ist die Lage im kleinen Schlatt? Gemeindepräsident Urs Schäfer sähe darin nicht nur Nachteile.

«Solange wir eigenständig sind, sind wir unser eigener Herr»: Urs Schäfer will so lange wie möglich am eigenständigen Schlatt festhalten.

Foto: Seraina Boner

«Wenn Schlatt fusioniert, dann gleich richtig»

Interview zur Zukunft der Gemeinde

Gleich mehrere Tösstaler Gemeinden haben jüngst eine Fusion zum Thema gemacht. Nicht so Schlatt. Gemeindepräsident Urs Schäfer im Gespräch über die Herausforderungen einer kleinen Gemeinde und das «Was wäre, wenn?»

Gemeindefusionen, so scheint es, feiern aktuell ihr Comeback auf dem politischen Tapet: Wildberg will sich mit Pfäffikon vermählen, ein offener Brief in Turbenthal forderte eine Grossfusion, in Fischenthal lehnten die Bürger ein erstes Umschauen ab.

Noch eigenständig ist die Gemeinde Schlatt – mit 775 Einwohnern die zehntkleinste Gemeinde im Kanton und die kleinste in unserem Einzugsgebiet. Doch wo geht die Reise für die Hügelgemeinde hin?

Herr Schäfer, das Thema Gemeindefusion scheint im Tösstal derzeit politische Hochkonjunktur zu haben. In «Ihrer» Gemeinde blieb es bisher ruhig. Wie lange gibt es das eigenständige Schlatt noch?

Urs Schäfer: Wenn es nach mir geht, noch lange. Wir haben das ja mal probiert: 2012 wollten wir mit Hofstetten fusionieren, das damals noch eigenständig war. Das ist dann knapp an den Hofstettern gescheitert. Das wäre eine Fusion gewesen, die ihren Namen verdient hätte – aber als Vertreter einer kleinen Gemeinde bin ich kein Verfechter von Eingemeindungen.

Sie sprechen es an: Schlatt wäre im Falle einer Fusion «Juniorpartner» einer grösseren Gemeinde, ähnlich wie Wildberg dereinst in Pfäffikon. Warum ist das für Sie kein Thema?

Genau, wir sind kleiner als alle um uns. Ich sage jeweils: Solange wir eigenständig sind, sind wir unser eigener Herr. Deshalb werden wir einen Zusammenschluss, solange es finanziell möglich ist, nicht forcieren. Heute würde ich vielmehr sagen: Wenn Fusion, dann gleich richtig – zum Beispiel mit unseren Nachbarn zu einer Grossgemeinde Eulachtal. Pläne in diese Richtung gibt es aber keine.

Und was, wenn sich jemand – um die Formulierung des Wildberger Gemeindepräsidenten Dölf Conrad aufzunehmen – für Schlatt als Braut interessieren würde?

Wir würden eine solche Anfrage sicherlich prüfen.

Im Tösstal hat man oft den Eindruck, dass der Stolz eine Fusion nicht zulässt. Ist das in Schlatt ähnlich?

Ich weiss nicht, ob das Stolz ist. Oder vielmehr Heimatgefühl. Es gibt auch bei uns viele, die dieses Schlatt so lieben, wie es ist. Ich behaupte nicht, dass das in einer fusionierten Gemeinde nicht so bleiben könnte. Aber dieses Selbstbestimmte, wenn auch eher auf Gefühlsebene, ginge natürlich ein Stück weit verloren.

Gemeindepraesident Urs Schaefer, Gemeinde Schlatt
Pragmatische Lösungen statt Fusion: Ein Zusammenschluss mit einer Nachbargemeinde steht in Schlatt aktuell nicht zur Diskussion.

Ohne zusammenarbeiten mit externen Partnern und anderen Gemeinden geht es aber auch in Schlatt nicht. So haben Sie das Bauamt an die Ingesa ausgelagert, das Betreibungsamt etwa übernimmt die Gemeinde Elgg. Ist das nicht auch eine Scheinselbständigkeit?

Ich finde, nein. Wenn Sie nur mal das Glasfasernetz anschauen: Ein solches Vorhaben wäre als Teil einer grossen Gemeinde kaum mehrheitsfähig gewesen. Einen Anlauf, dieses mit Nachbargemeinden zusammen auszubauen, gab es ja. Aber da sagten viele, sie seien zufrieden mit dem Status quo. Die meisten Kooperationen sind pragmatische Lösungen. Und dass wir gewisse Dinge auslagern, hat auch einen Vorteil. Wir vergeben Dienstleistungen wie die Schneeräumung auf Auftragsbasis und haben so tiefere Fixkosten. Und um noch mal auf das Thema Fusion zurückzukommen …

Ja?

Wir haben in Schlatt ein eigenes Schwimmbad, das, wie viele Schwimmbäder, keine schwarzen Zahlen schreibt. Wir als Gemeinde übernehmen dieses Defizit aus Überzeugung. Weil es einer der wenigen Treffpunkte ist, die wir noch haben. Und weil es seit mehreren Generationen von der Bevölkerung mitgetragen wird. Da ticken wir hier oben vielleicht etwas anders. Ich weiss nicht, ob es in einer fusionierten Gemeinde möglich wäre, sich so etwas zu leisten.

Am Gemeindeforum, zu dem der Kanton kürzlich eingeladen hat, drehte sich vieles um das Thema «Zusammenarbeit verbessern». Braucht es in Ihren Augen mehr oder weniger Kooperation zwischen den Gemeinden oder gar mehr Zentralisierung?

Wichtig ist, dass eine Zusammenarbeit Sinn macht. Als kleine Gemeinde bezahlen wir natürlich auch viele Dinge mit, die wir gar nicht ständig benötigen – etwa die Kesb. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass grösser nicht immer günstiger bedeutet. Auslagern soll man primär das, was man selbst nicht stemmen kann.

Urs Schäfer (parteilos) ist seit 2006 Gemeindepräsident von Schlatt, seit 2002 ist er Mitglied im Gemeinderat. Der 67-Jährige ist seit kurzem pensioniert und war vorher als Projektleiter im Metallbau-Bereich tätig. Er wohnt in Unterschlatt. (nos)

Im Tösstal ist es nicht das erste Mal, dass Fusionsgedanken die Runde machen, die Häufigkeit aber überrascht. Ist es schwieriger geworden, als kleine Gemeinde zu bestehen?

Schwieriger nicht. Als kleinere, im Vergleich schwächere Gemeinde profitieren wir ja vom Finanzausgleich, in den finanzstärkere Gemeinden wiederum einzahlen. Wir spüren auch keinen «Fusionsdruck» vonseiten des Kantons – der Austausch funktioniert, auch wenn man nicht immer einer Meinung ist. Ich kenne die Beweggründe im Tösstal nicht im Detail, aber uns geht es zumindest finanziell nicht so schlecht.

 Was heisst das?

Als es 2016 Änderungen beim Finanzausgleich gab, hatten wir noch einiges an Schulden. Diese haben wir abgebaut, damit wir wieder investieren können. Das kommt uns jetzt beim Glasfasernetz zugute – das wir ohne Steuerfusserhöhung tragen können. Klar verschulden wir uns wieder, aber für eine sinnvolle Sache.

Stichwort Finanzausgleich: Könnte sich eine Fusion finanziell negativ auf Schlatt als kleine Gemeinde auswirken?

Das hängt natürlich davon ab, welche Gemeinde infrage käme. Aber unsere Nachbarn erhalten ja auch Geld. Da hatte auch die Schulfusion mit Elsau Auswirkungen: Ein Teil des demografischen Ausgleichs, den wir bisher erhielten, geht jetzt natürlich an die Schulgemeinde. Was wir noch haben, ist der geografisch-topografische Sonderlastenausgleich, auf den eine Fusion mit einer Talgemeinde vielleicht Einfluss hätte.

Sie sprechen die Schulgemeinde Elsau-Schlatt an, die es seit 2019 gibt – dort haben Sie bereits «Fusionserfahrung» gesammelt. Ist eine politische Fusion da nicht der nächste logische Schritt?

Die Schule funktioniert gut, aber vom Schulischen aufs Politische zu schliessen, finde ich schwierig. Die Schulfusion im Eulachtal vor rund 10 Jahren ist auch nur knapp gescheitert, obwohl eine politische Fusion damals nicht denkbar gewesen wäre. Daher gehe ich davon aus, dass die Schlatter mehr Mühe hätten, sich mit einer solchen anzufreunden. Aber eine grosse Schulfusion hätte sicherlich ein erster Schritt in Richtung Grossgemeinde sein können.

War diese Vermutung auch ein Grund, weshalb das Projekt gescheitert ist?

Gut möglich. Gerade in Elgg mit seinem Landstädtchen-Status ticken sie schon noch etwas anders – auf positive Art. Eine Grossfusion, denke ich, ist Stand heute nicht in allen Gemeinden mehrheitsfähig. Vielleicht ändert sich das mit der kommenden Generation. Aber solange das so ist, ist es fast einfacher, pragmatisch zusammenzuarbeiten. So, wie wir das mit Elgg beispielsweise beim zweiten Standbein der Wasserversorgung tun.

Gemeindepraesident Urs Schaefer, Gemeinde Schlatt
Spürt keinen Fusionsdruck vonseiten des Kantons: der Schlatter Gemeindepräsident Urs Schäfer

Eine oft geäusserte Befürchtung ist ja, dass Identifikation und politische Beteiligung nach einem Zusammenschluss schwinden würden. Würden Sie das unterschreiben?

Bei der Schulgemeinde, die einmal im Jahr bei uns ihre Versammlung abhält, sieht man: Da kommen selten viele Leute aus Elsau – auch bei wichtigen Themen. Und kaum jemand hört sich auch noch den politischen Teil an. Von daher: Ja. Aber das Interesse an Gemeindeversammlungen ist auch stark von den Geschäften abhängig.

Schwindende Identifikation mit der Gemeinde ist also nicht von einer allfälligen Fusion abhängig, sondern generell eine immer öfter zu beobachtende Entwicklung?

(Nickt.) Wobei man schon auch einen Wandel wahrnimmt. Seit zwei, drei Jahren haben wir immer mehr Jüngere, die an die Versammlungen kommen. Aber die sind natürlich alle hier aufgewachsen. Gerade bei den Neuzuzügern finde ich es manchmal etwas schade, dass man die meisten nie antrifft.

Viele, besonders kleinere Gemeinden haben Mühe, freie Ämter oder Verwaltungsstellen zu besetzen. Wenn Sie die Situation in Schlatt betrachten, sehen Sie ähnliche Probleme, oder ist es – wie dies jüngst der Wilemer Gemeindepräsident Simon Mösch sagte – im Gegenteil ein Vorteil, dass in einer kleinen Gemeinde anteilsmässig mehr Leute mitwirken müssen, was den Gemeinschaftssinn stärkt?

Es gibt schon viele ähnlich kleine Gemeinden, die in einigen Bereichen mehr Mühe haben als wir. Das ist aber nicht, weil wir es besser machen, sondern weil uns die Demografie in die Hände spielt. Wir haben, Stand jetzt, kein Problem mit Überalterung – und deshalb bisher keine Probleme, Behördenämter oder Verwaltungsstellen zu besetzen. Kommt hinzu, dass viele Schlatter wieder den Weg zurück zu uns finden, weil man sich hier noch Wohnraum leisten kann.

Mit dem eigenen Glasfasernetz und dem Wasserverbund investieren Sie derzeit mächtig, und beides macht nicht an der Gemeindegrenze halt. Sind diese Projekte ein Bekenntnis zu einer eigenständigen Gemeinde oder, um einmal mehr die Metapher von Herrn Conrad zu übernehmen – eine Mitgift für eine zukünftige Ehe?

Wir machen das für uns, nicht als Mitgift. Wenn es dann so wäre, wäre es halt eine Mitgift. Aber die Schulden hätte unsere Fusionspartnerin dann ja auch. Vielleicht hat die Identifikation mit unserer Gemeinde zu dem klaren Ja zum Glasfasernetz geführt – das hatte ich in der Deutlichkeit nicht erwartet. So gesehen ist das sicher ein Bekenntnis zum eigenständigen Schlatt, denn gerade das Thema Internet spielt bei möglichen Neuzuzügern heute eine mindestens so grosse Rolle wie der Steuerfuss.

Sie sind seit 22 Jahren im Gemeinderat, seit 2006 Gemeindepräsident. Haben Sie eine Vision für das Schlatt der nächsten 22 Jahre?

Wir haben jetzt viel Geld ausgegeben, jetzt müssen wir wieder etwas warten (lacht). Aber Ideen hätten wir viele. Zum Beispiel fehlt uns noch ein richtiges Zentrum – eine Vision wäre, dass zwischen der alten Post und der «Milchhütte» in Unterschlatt dereinst eine Überbauung entsteht, vielleicht mit Wohnungen und einem Ladenlokal. Sie würde den Einwohnern aller vier Ortsteile zugutekommen. Mit diesem Hintergedanken haben wir uns ein angrenzendes Stück Land gesichert. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Womit wir wieder beim Zusammenwachsen wären. Ist das in Schlatt, das bereits aus verschiedenen Fraktionen besteht, ein Thema?

Ich finde, wir sollten nicht zu fest zusammenwachsen. Jedes Dorf soll ein Stück weit seine eigene Identität wahren. Das ist auch der Grund, wieso ich sage: Wenn Fusion, dann eine Grossfusion. Dann hätten wir eine Stimme in einem grossen Gemeinderat – bei einer Eingemeindung ist das nicht gegeben. Und weil ich denke, dass man seine eigene Identität als Teil eines grossen Gebildes eher behalten kann.

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