Junge Oberländer Filmschaffende drehen Kurzfilm über Tabuthema
Film aus der Region
Drei Filmschaffende vereinen sich in Wetzikon und sprechen mit der mentalen Gesundheit ein oftmals totgeschwiegenes Thema an. Sie bringen dabei ihre persönlichen Erfahrungen ein, die nicht immer schön sind.
Eines Tags erhielt die Filmproduktionsfirma Visure GmbH aus Wetzikon eine Anfrage der anderen Art – kein Werbefilm wie normalerweise. Wie wäre es, einen persönlichen Kurzfilm über Suizid, Depressionen und Therapie zu drehen?
Das Drehbuch zur schweren Kost lag bei: ein autobiografisches Werk, das sich auf eine düstere Etappe im Leben einer jungen Frau bezieht. Diese Frau ist Sara Ackermann. Der Kurzfilm, der dabei entstand, heisst «Run Away». Wegrennen.
Die heute 30-jährige Wallisellerin hat Schauspiel studiert und ist die Protagonistin im Kurzfilm. So spielt die Schauspielerin nicht nur eine Rolle, sondern verarbeitet ihre eigene Geschichte. Denn als Jugendliche litt sie unter starken Depressionen.
«Es gibt Personen, die dir sagen, du sollst einfach damit klarkommen. Aber eine Depression frisst dich von innen auf», sagt die Protagonistin und versucht, die psychische Krankheit zu beschreiben. «Eine unendliche Traurigkeit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.» Am Ende des Tags sei man erschlagen davon. Selbstverletzungs- und Suizidgedanken plagten sie.
Tagebücher von damals für den Film von heute
Die Protagonistin hatte trotz ihrer dunklen Erfahrungen nie Hemmungen, über ihre Probleme zu sprechen – sie kenne aber genügend Menschen, die es nicht könnten. Auch wenn Depressionen in der Gesellschaft ein heikles Thema sind, so sprechen immer mehr Leute über die mentale Gesundheit.
Ackermann ist eine davon, die mit «Run Away» das Schweigen brechen will. Und tatsächlich ist es erstaunlich, wie leicht es ihr fällt, ihre Gefühle zu teilen. Im Film fliessen sogar Ackermanns Tagebucheinträge aus ihrer dunkelsten Zeit hinein. Diese hat sie in all den Jahren behalten. Das gehöre schliesslich zu ihrer Person.
Zusammen mit ihrer ehemaligen Studienkollegin Christina Spaar aus Winterthur erarbeitete die Protagonistin das Drehbuch dazu. «Zum Glück hat sie die Tagebücher aufbewahrt, das hat geholfen», sagt Spaar, die auch die Regie führte.
«Wir hatten keinerlei Berührungspunkte mit dem Thema. Trotzdem haben wir es als wichtig empfunden», erzählt Janis Wolf, Kameramann bei «Run Away» und Mitgründer der Produktionsfirma Visure GmbH.
Auch wenn sich Visure nicht bloss auf Werbe-, Image- oder Veranstaltungsfilme begrenzt und gerne mal andere Formate dreht, standen Wolf, Tonmann Timo Hämmig und Colin Weuste, Schnittmeister, vor einer Herausforderung.
«Die Vision von Sara und Christina zu übersetzen, war sehr spannend. Sie hatten Bilder im Kopf, und wir mussten diese vor die Kamera bringen», sagt der Kameramann.
Düster sollte es sein. «Das ist aber einfacher gesagt als eingestellt», sagt der 26-Jährige. Deshalb orientierten sie sich an Referenzbildern, erarbeiteten die Farbtöne des Films und nahmen sich den Raum, um zu experimentieren.
Ein Lied als Spiegel
Schon seit sechs Jahren spielt Ackermann mit der Idee vom Film, der ein Sprachrohr sein sollte, für die, die sich nicht trauen, etwas zu sagen.
Ihr Ziel war es stets, das Publikum in eine so beklemmende Position zu versetzen, dass sie am eigenen Leib spüren können, was in einer depressiven Person vor sich geht.
Durch Zufall stiess sie auf ein Lied, das nicht nur die Depression sehr gut widerspiegelte, sondern die Protagonistin inspirierte: So beklemmend musste auch der Film werden. Das Lied heisst «Sugarbread», Zuckerbrot, von Soap&Skin. Ein Stück, das an Düsterheit kaum zu übertreffen ist.
Die Regisseurin findet es eine passende Quelle: «Das ist wirklich ein Lied, das durch Mark und Bein geht.» Irgendwie musste dieses Lied im Kurzfilm integriert werden.
Doch an die Rechte für diesen Song zu kommen, war schwieriger, als einen eigenen Soundtrack zu komponieren. Deshalb holte die Filmcrew Luke Egli ins Boot, ein junger Wetziker Komponist.
«Das war eine sehr inspirierende Zusammenarbeit. Wir zeigten ihm das Lied, und er kreierte etwas Neues. Meine Tagebuchauszüge dienten als Songtext», sagt Ackermann. Egli sollte Lieder machen, die in die Seele schneiden. «Wir sassen im Auto, hörten Lukes Musik, und der Bass drang durch den ganzen Körper.»
Aus der eigenen Tasche bezahlt
Für das Filmprojekt vereinten sich Können, Kunst und Charakter. Nicht zu vergessen Arbeit. Und das nicht wenig. Zwei Jahre arbeitete die Crew am Film. Nicht umsonst, aber gratis. Von jeglichen Stiftungen erhielt sie Absagen für eine Finanzierung.
«Ich schrieb irgendwann Versicherungen an. Ich dachte, wenn es um mentale Gesundheit geht, könnte jemand Interesse haben, das zu unterstützen», sagt der Kameramann. Doch auch dort gerieten sie in eine Sackgasse.
Also finanzierten sie den Film selbst – mit einem Zustupf aus dem Umfeld. 2500 Franken für Materialkosten und Spesen. Das Equipment nahmen die Profis von Visure mit. «Wir machten das Projekt eigentlich alle in unserer Freizeit», sagt der 26-Jährige. Und das waren viele, viele Stunden Arbeit.
Die ganze Filmcrew schaut mit Stolz auf die intensive Zeit zurück. «Es war mein Herzenswunsch, diesen Film zu machen. Ich denke, es ist uns gut gelungen», sagt Sara Ackermann. Die Personen, die den Film schon an Festivals gesehen hätten, hätten definitiv etwas gespürt.
«Run Away», 2023, 8 Minuten
Christina Spaar (Drehbuchautorin, Regisseurin), Sara Ackermann (Drehbuchautorin, Schauspielerin), Luke Egli (Komponist), Janis Wolf (Kameramann, Farbbearbeitung), Timo Hämmig (Audio), Colin Weuste (Licht, Schnitt)
Der Film wurde schon an Festivals gezeigt wie am Cultur’halle Filmfestival in Genf. An Onlinefestivals, wie am The Monthly Film Festival, gewann «Run Away» Auszeichnungen wie etwa Editor of the Month und Audience Award. Am 3. Oktober feierte der Film seine Premiere im Kino Rex in Pfäffikon. Die Vorstellung war ausgebucht. Wer trotzdem Interesse am Screening hat, kann sich auf visure.ch oder auf run-away-film.com melden.
Fühlen Sie sich überfordert oder haben Sie Suizidgedanken? Sie sind nicht allein.
Es gibt Menschen, die Ihnen zuhören und Ihnen in dieser schweren Zeit helfen können.
Dargebotene Hand: Kostenlos und anonym. Rufen Sie 143 an oder besuchen Sie www.143.ch. Erfahrene Beraterinnen und Berater stehen Ihnen rund um die Uhr zur Seite, um Sie zu unterstützen, auch bei drängenden Suizidgedanken.
Pro Juventute: Für Kinder und Jugendliche, kostenlos und vertraulich unter 147 erreichbar. Die Nummer erscheint nicht auf der Telefonrechnung. Mehr Informationen unter www.147.ch.
Bitte zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen. Ihre Gefühle sind wichtig, und es gibt Wege, gemeinsam durch diese schwierige Zeit zu gehen. (zo)