Wenn die Stadt die Grabfelder aufhebt, bleiben nur die Erinnerungen
Wie Dübendorf mit dem Tod umgeht
Immer wieder muss Dübendorf auf dem Friedhof ganze Grabfelder auf einmal aufheben. Das gehört zum Zyklus, kann aber für Hinterbliebene schmerzhaft sein. Was die Friedhofsgärtner und Kirchen tun, um die Pietät gegenüber den Verstorbenen zu wahren.
Es ist ein sonniger Frühlingstag, auf dem Friedhof Wil in Dübendorf blühen Sträucher und Bäume, während der grosse Brunnen vor sich hin plätschert. Aber auf einem der Grabfelder, in dem rund 20 Jahre zahlreiche Steine an die dort vergrabenen Toten erinnerten, herrscht Leere.
Die Friedhofsgärtner haben die Wegplatten, Grabsteine, den Schmuck, alle Andenken und Pflanzen entfernt und lockern mit einer Maschine die Erde. «Wir haben nur etwa 20 Zentimeter tief gegraben, um den Grabschmuck wegzunehmen», sagt Martin Meienberg, der leitende Friedhofsgärtner. «Das, um die Grabruhe der Verstorbenen möglichst wenig zu stören.» Die Toten liegen tiefer in der Erde. Ihre Überreste werden nicht beziehungsweise nie entfernt. «Alle Verstorbenen bleiben auf dem Friedhof», präzisiert Meienberg. Eine solche Grabfeldaufhebung gehört zum Zyklus des Friedhofs. Etwa einmal im Jahr findet eine statt.
Meienberg und sein Team strengen sich an, um die Würde der Verstorbenen zu wahren. Nachdem die kantonale Frist von 20 Jahren abgelaufen ist, müssen sie die Gräber zwar aufheben. Aber auf dem Feld bleibt noch länger Ruhe. Sie lassen – buchstäblich – Gras darüber wachsen. Für nochmals mindestens fünf Jahre, wie Meienberg erklärt.
«Auch nach all dieser Zeit haben sich die Gebeine nicht vollständig zersetzt», so der Friedhofsgärtner. Aus diesem Grund wird eine neu verstorbene Person rund 50 Zentimeter über dem letzten Verstorbenen beigesetzt. Bis zu drei Särge können also sozusagen übereinander in einem Grabfeld beigesetzt werden.
Eine letzte Feier zum Abschied
Um den Hinterbliebenen eine letzte Möglichkeit für den Abschied zu geben, führen die Evangelisch-reformierte Kirche Dübendorf-Schwerzenbach und die Römisch-katholische Kirche Dübendorf bei Grabfeldaufhebungen seit einigen Jahren eine Gedenkfeier durch. So auch bei dieser: Bevor die Grabsteine entfernt werden, versammeln sich rund 50 Personen auf dem Friedhof. Sie sind in Begleitung zweier Pfarrer, eines Klarinettisten und der Friedhofsmitarbeiter.
«Die Nachfrage ist gross», sagt Yvonne Mausser, Sachbearbeiterin Tiefbau bei der Stadt, die für das Friedhofswesen verantwortlich ist. «Die Angehörigen sind auch nach über 20 Jahren noch dankbar, wenn die Kirchen eine Feier für den Abschied organisieren.»
Andächtig und mit ernsten Gesichtern steht die Gruppe eine Woche vor der Aufhebung an einem verregneten Frühlingstag vor dem Grabfeld. Die Pfarrer lesen abwechslungsweise aus der Bibel vor, predigen tröstende Worte oder verteilen Weihrauch um die Gräber herum. Währenddessen streift der Friedhofskater Simba um ihre Beine herum. «Er ist oft da, wenn die Leute Trost brauchen», sagt Mausser. «Als würde er ihre Trauer spüren.»
Die Steine werden entfernt, die Ruhe bleibt
Nach der Gedenkfeier können die Anwesenden den Grabschmuck, Erinnerungsstücke oder die Bepflanzung nach Hause nehmen. «Für die Abholung der Grabsteine sind die Angehörigen selbst verantwortlich», erklärt Meienberg. Die nicht abgeholten Steine würden zu Recyclingkies zerkleinert und anderswo wiederverwendet, wie zum Beispiel im Strassenbau. Nicht abgeholter Grabschmuck werde entsorgt.
Später hält die Versammlung Andacht bei den Nischengräbern. Auch diese müssen nach 20 Jahren geleert werden. Die Urnen können abgeholt werden. So tut es zum Beispiel eine Frau, die ihren Ehemann vor über 20 Jahren verloren hat.
Wird eine Urne nicht abgeholt, wird die Asche in das Gemeinschaftsgrab gegeben, die Gefässe selbst werden entsorgt. Auch dort werden an diesem Tag Gräber aufgehoben, indem die Inschriften am Denkmal entfernt werden. Etwas weiter hinten liegen die Kindergräber. Sie bleiben.
Während die Besucher nach der Gedenkfeier weiterziehen, bleibt die Zeit auf dem Grabfeld 7.0 stehen. Wo jetzt noch brache Erde ist, wird in wenigen Wochen Gras stehen. Und eine einzige Osterglocke, die von den Friedhofsgärtnern verschont wurde.