Wenn der Palliativmediziner zum Hausbesuch vorbeikommt
Palliative Care im Oberland
Andreas Weber vom mobilen Palliativteam des GZO Spitals Wetzikon besucht schwerkranke Menschen zu Hause. Doch dieser Patient aus dem Tösstal will ins Hospiz. Zu oft stürzt der ehemalige Sportler in seiner Wohnung.
Andreas Weber steht vor einem grossen Haus im Tösstal. In einem kleinen Tresor im Briefkasten findet der Arzt mit der richtigen Zahlenkombination den Schlüssel, um sich Zugang zum Gebäude zu verschaffen.
Die dreiteilige Serie befasst sich mit der umfassenden Betreuung in der letzten Lebensphase. Deren Bedeutung nimmt stetig zu. Ziel einer nationalen Strategie ist es, den Zugang zu Palliative Care für alle zu ermöglichen. Gemäss Schätzungen von Bund und Kantonen werden in Zukunft zwei Drittel aller Sterbefälle palliative Betreuung benötigen.
Im ersten Teil der Serie werfen wir einen Blick hinter die Türen der Palliativstation des Spitals Uster. Die Station wurde erst vor einem Jahr eröffnet. Erscheinungsdatum: 3. April 2024
Im zweiten Teil erzählt Marion Grau-Wurmitzer, wie sie ihren an Parkinson erkrankten Vater in den Heimen Uster würdevoll begleiten konnte. Erscheinungsdatum: 13. April 2024
Im dritten Teil nimmt uns der Palliativmediziner Andreas Weber mit zu einem Krebspatienten. Das mobile Palliative-Care-Team des GZO Spitals Wetzikon ist das erste seiner Art im Kanton Zürich, das zertifiziert wurde. Weber leitet das Team. Erscheinungsdatum: 16. April 2024
In welchem Zustand der Patient ist, weiss der Leiter vom mobilen Palliativteam des GZO Spitals Wetzikon nicht. Es handelt sich zwar um einen angemeldeten Besuch, doch der Mann, der im zweitobersten Stock lebt, ist schwer krank. Vor der Tür im Treppenhaus ist es still nach dem Klingelton. Der langjährige Palliativmediziner und ehemalige Rega-Arzt bleibt trotz der Anspannung ruhig.
Mobiles Palliative-Care-Team der GZO
Im Palliative-Care-Team der Gesundheitsversorgung Zürcher Oberland (GZO) arbeiten 15 Pflegefachfrauen und drei Ärzte. Andreas Weber hatte das mobile Palliative-Care-Team vor elf Jahren zusammen mit dem GZO Spital Wetzikon gegründet. Angefangen hatte er mit nur zwei Pflegenden im Team und leistete Pionierarbeit. Heute ist Palliative Care in aller Munde. Die Palliativmedizin setzt dort ein, wo Heilung nicht mehr möglich ist. Man verfolgt das Ziel, unheilbar kranke Menschen ganzheitlich zu unterstützen und für sie die bestmögliche Lebensqualität sicherzustellen. Das mobile Team steht den Menschen im Spital, zu Hause und auch im Pflegeheim zur Seite. (tbu)

Ein gross gewachsener Mann öffnet die Tür. Der 57-Jährige hat Krebs im Endstadium und möchte nicht mit Namen in die Öffentlichkeit treten. Wir nennen ihn Hanspeter Müller*.
Der Patient führt uns durch den schmalen Gang, an der Türschwelle zu einem grossen Raum hält er kurz inne und überwindet schliesslich vorsichtig das Hindernis. Der Holzboden knarrt. Müller lebt allein in dieser Wohnung, die einen heimeligen Charme ausstrahlt. Neben einem weissen Kachelofen setzen wir uns um einen Tisch.
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«Vor vier Jahren hatte ich ein Melanom», erzählt Müller. Erst habe es Entwarnung gegeben. «Alles gut, hiess es damals.» Das war im Jahr 2020. Doch letztes Jahr hatte Müller die Diagnose Krebs. Ableger davon fand man bereits in der Lunge, der Milz, der Leber und später gar im Kopf. «Ich habe das nüchtern betrachtet und habe mich darauf eingestellt, dass das Leben nicht mehr lange dauert», so Müller. «Vor dem Sterben habe ich keine Angst.»
Die Ruhe, die dieser Patient trotz seinem schweren Schicksal ausstrahle, sei selten und beeindruckend, sagt Andreas Weber. «Oft fällt es den Menschen viel schwerer, zu akzeptieren, dass das Leben bald zu Ende geht.» Das gelte besonders für diejenigen, die wie dieser Patient noch keine 80 Jahre alt seien. «Dann arbeiten wir oft mit Psychologen und Seelsorgern zusammen», so der Palliativmediziner.
Leben mit einer unheilbaren Krankheit
In der letzten Phase begleiten nun Andreas Weber und sein Team Hanspeter Müller aus dem Tösstal, dessen Leben sich nach der Diagnose schlagartig verändert hat. Der 1,89 Meter grosse Mann spielte früher Handball in der A-Liga und war nach der Aktivzeit oft in den Bergen unterwegs. In den letzten Monaten liessen seine Kräfte aber krankheitsbedingt immer mehr nach. Hinzu kamen starke Schmerzen. Worauf ihm der Arzt Schmerzpflaster mit Opioiden verschrieb.
Andreas Weber kontrolliert die Pflaster, welche alle drei Tage ersetzt werden müssen. Müllers Oberkörper ist von der Krankheit gezeichnet. Er bewegt sich aber noch selbständig in seiner Wohnung.
Am Stubentisch besprechen die beiden die nächsten Schritte. «Hatten Sie Schmerzen in letzter Zeit?», fragt Weber. «In der Nacht hat es wieder angefangen», sagt der Patient. Ausserdem verspüre er Schmerzen am Knie. «Ich bin in den letzten drei Tagen dreimal gestürzt.» Der Arzt entscheidet, die Medikation zu erhöhen. Die beiden einigen sich darauf, dass die Spitex künftig die Medikamente kontrolliert.
Lebensqualität nimmt ab
«Wie viele Punkte auf einer Skala von 1 bis 10 würden Sie Ihrer derzeitigen Lebensqualität geben?», fragt Andreas Weber. Vier, antwortet Müller. «Die Lebensqualität ist noch da, es ist nicht alles schlecht – ich bin noch gerne zu Hause.»
Das mobile Palliative-Care-Team sorgt dafür, dass Patienten möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden bleiben können, wenn sie das wünschen. Da der Mann aus dem Tösstal aber schon häufig gestürzt ist und es viele Schwellen in seiner Wohnung gibt, entscheidet er sich, bald in ein Hospiz zu zügeln, wozu ihm der Arzt auch riet.
Das sei aber die Ausnahme, sagt Weber. «Die meisten Menschen wollen bis zum Schluss zu Hause bleiben.» Dank der Arbeit von Ehrenamtlichen, Familie und Freunden gelinge das in den meisten Fällen. Dazu kommt die fachliche Begleitung durch die Spitex, den Hausarzt und Andreas Weber mit dem Team der GZO.
In einem Monat sind acht von zehn nicht mehr da, die ähnlich betroffen sind.
Andreas Weber
Leiter des Palliative-Care-Teams am GZO Spital Wetzikon
Andreas Weber kommt auf den Notfallplan zu sprechen, der bei schwerkranken Menschen individuell gestaltet wird. Wenn sich die Situation verschlechtert, wird dieser regelmässig angepasst. «Müdigkeit und Schwindel werden bei Ihnen vermutlich rasch zunehmen», meint der Arzt. Müller nickt. «Falls nun eine Komplikation dazukommt, zum Beispiel eine Hirnblutung, können wir das Sterben akzeptieren oder mit der Ambulanz ins Spital. Man wird damit aber nicht viel Lebenszeit gewinnen», führt Weber seine Gedanken weiter aus.
«Wie lange habe ich denn noch?», fragt Müller. «Ich kann es im Einzelfall nicht sagen, in einem Monat sind acht von zehn nicht mehr da, die ähnlich betroffen sind, zwei sind noch da – zu welcher Gruppe Sie gehören, weiss ich nicht.» Es ist still im Raum. «Haben Sie mit etwas anderem gerechnet?», fragt Weber.
«Nein, das passt mit dem überein, was mir die Spezialisten im Spital gesagt haben», so Müller. «Nicht die Lebensverlängerung steht im Vordergrund, sondern die Erhaltung der Lebensqualität. Stimmt das für Sie?», fragt Weber. «Auf jeden Fall», antwortet der Patient.
«Angenommen, Sie haben eine Lungenentzündung, möchten Sie in diesem Fall eine Behandlung mit Antibiotika?» Müller überlegt und antwortet: «Ja.» Der Arzt schreibt den Willen des Mannes mit dessen individuellen Wünschen detailliert nieder. «Die Erfahrung zeigt, dass im Notfall die Zeit fehlt, um diese wichtigen Fragen zu klären, darum ist dieses Dokument sehr bedeutend», sagt Weber.
«Was verleiht Ihnen diese Ruhe?», fragt Weber wie aus dem Nichts. «Sind Sie gläubig?» «Der Glauben spielt keine Rolle», sagt Müller. «Was denken Sie, was kommt nach dem Tod?», fragt Weber. «Keine Ahnung», meint der 57-Jährige. «Ich denke, es ist einfach vorbei.» Ob ihm das Angst macht, fragt der Arzt. «Nein, warum auch, ich hatte ein gutes und erfülltes Leben.»
Der palliative Weg
Der Arzt packt seinen grossen Lederkoffer und verabschiedet sich. Diesen platziert er im Kofferraum seines Microlino, der auf dem Parkplatz steht. «Für Hausbesuche ist dieses Fahrzeug ideal», sagt er.
Auf der Fahrt hallen die Worte des Patienten nach. «Wie lange habe ich denn noch?» Darauf angesprochen, sagt Weber: «Es ist wichtig, dass man ehrlich kommuniziert, die Prognose nicht beschönigt, aber dennoch der Hoffnung Platz lässt.»
Weber steuert das kleine Elektrofahrzeug durch die hügelige, kurvige Landschaft. «Es ist noch ein langer Weg bis zum Ziel, in der Schweiz gibt es noch viel zu tun», sagt er im Hinblick auf die Umsetzung von Palliative Care. Die Konzepte fänden zwar immer mehr Anklang in der Bevölkerung und auch in der Politik, aber die Finanzierung stecke vielerorts noch in den Kinderschuhen.
«Es ist klar, dass eine umfassende Betreuung mehr kostet als eine Spitex, aber diesen Ausgaben stehen grosse Einsparungen an anderer Stelle gegenüber, weil teure und unerwünschte Spitaleinweisungen vermieden werden können.»
Im Zürcher Oberland sei man in der guten Lage, dass die Gemeinden die Kosten, die nicht gedeckt seien, übernähmen. Aber es bestehe eine ungerechte Verteilung. «Die Gemeinden bezahlen den Aufpreis, und die Krankenkassen und der Kanton profitieren von den Einsparungen», so Weber.
Doch Besserung ist in Sicht. Der Zürcher Regierungsrat hat erkannt, dass der Zugang zu Palliative Care im Kanton Zürich nicht flächendeckend gewährleistet ist. Ende März hat er deshalb knapp 9,5 Millionen Franken für den Ausbau der Palliativpflege bewilligt. Vor allem in der Langzeitpflege und in der ambulanten Versorgung bestehen laut Regierung erhebliche Versorgungslücken.
Für den Palliativmediziner Weber ist es wichtig, dass die Lebensqualität in der letzten Phase des Lebens verbessert wird. «Wir Ärzte müssen mehr auf die Menschen zugehen, damit Patienten nicht wegen mangelnder Information auf der Intensivstation behandelt werden müssen, wenn sie das nicht wollen.»
* Name der Redaktion bekannt.