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Gesundheit

Ärztin aus Wetzikon gibt Einblick

Weniger Praxen, steigende Nachfrage: Kinderärzte im Oberland am Limit

Eine Studie des Universitätspitals Zürich zeigt auf, dass es im Oberland zu wenig Kinderärzte gibt. Weshalb das so ist – und welche Rolle das GZO dabei spielt.

Alexia Moser-Bracher freut sich auf ihre eigene Praxis, weiss aber auch, dass es im Oberland an Kinderärzten mangelt.

Foto: Remo Weber

Weniger Praxen, steigende Nachfrage: Kinderärzte im Oberland am Limit

Ärztin aus Wetzikon gibt Einblick

Eine Studie des Universitätspitals Zürich zeigt auf, dass es im Oberland zu wenig Kinderärzte gibt. Weshalb das so ist – und welche Rolle das GZO dabei spielt.

Es war ein harter Schlag für viele Eltern, als das GZO Spital Wetzikon Ende Oktober 2025 publik machte, dass es die Kinderarzt-Abteilung per Februar 2026 schliesst.

«Anstatt mit den Kinderärztinnen und Kinderärzten im GZO-Einzugsgebiet zu konkurrieren, wollen wir lieber gemeinsam mit ihnen ein Netzwerk aufbauen», sagte die Leiterin des Departements Frau und Kind, Alexandra Kochanowski, damals gegenüber dieser Redaktion. Ausserdem hätten auch wirtschaftliche Gründe den Entscheid beeinflusst.

Brisant ist: Im Oberland herrscht ein akuter Mangel an Kinderarztpraxen. Dies geht aus einer Studie der Universität Zürich und des Schweizerischen Gesundheits­observatoriums hervor, welche die Verfügbarkeit von Kinderärzten bis auf Gemeindeebene berechnet hat.

Die Erkenntnis war, dass im Zürcher Oberland in vielen Gemeinden nur rund halb so viele Kinderärzte vorhanden sind, wie es für die Betreuung eigentlich bräuchte. Einzig in den grossen Städten Zürich und Winterthur, sowie in vereinzelten Gemeinden der Goldküste, gibt es gemäss der Studie keine Unterversorgung.

Ist das Oberland für junge Ärzte zu unattraktiv?

«Die Ärztedichte ist in Städten generell höher. Ein Grund dafür ist, dass es bei der höheren Bevölkerungsdichte mehr Kinderärzte braucht», ordnet Gabriel Geiges von der Vereinigung Kinder- und Jugendärztinnen Zürich (VKJZ) die Studienergebnisse ein. Der Arzt führt selber eine Kinder- und Jugendarztpraxis in Rüti.

Faktoren wie schwierige Vernetzung der Praxen untereinander, wenig attraktive Infrastruktur oder lange Arbeitswege könnten ländliche Regionen benachteiligen. «Das Risiko oder die Verantwortung, auf dem Land etwas aufzubauen, ist vielen zu gross», sagt der Rütner Kinder- und Jugendarzt. «Viele junge Ärztinnen wohnen in urbanen Zentren und suchen dort Arbeit, auch weil sie zu Hause noch Verpflichtungen haben», erklärt Geiges. Die Bereitschaft, weit zu pendeln, nehme darum ab.

Geiges erhält in seiner Praxis in Rüti auch viele Anfragen aus St. Gallen oder Schwyz. Aus seiner Sicht deute dies darauf hin, dass das Problem nicht oberlandspezifisch sei, sondern von grösserer Tragweite.

Er kenne keine Zahlen, bemerke jedoch eine Bevölkerungszunahme in den vergangenen Jahren. Das sei eine weitere Erklärung für die höhere Auslastung von Kinderarztpraxen im Oberland. Mit der Schliessung der Kinderarzt-Abteilung des GZO gibt es nun noch eine Anlaufstelle weniger in der Region für Eltern und Kinder, was die Situation nicht weiter entspannt.

GZO: Reibungslose Umstellung

Entgegen der Ansicht von Geiges beobachtet das GZO keinen akuten Mangel im Oberland: «Die kinderärztliche Versorgung in der Region ist heute sehr gut aufgestellt», teilt das Regionalspital auf Anfrage mit. «Praxen nehmen neue Patientinnen und Patienten auf – zudem sind kürzlich neue Kinderarztpraxen hinzugekommen.» Das Spital schlussfolgert: «Das bestätigt unsere Entscheidung, die Kinderarzt-Abteilung am GZO zu schliessen.»

Wie das Regionalspital mitteilt, verlief die Umstellung reibungslos. «Wir konnten ein engagiertes Team aus externen Kinderärzten gewinnen. Sie kommen für die Wochenbettvisiten ins GZO und gewährleisten anschliessend eine wohnortnahe Weiterbetreuung in ihrer Praxis.» Ausserdem sei die Neonatologie-Abteilung (Frühgeborenen-Abteilung) des Universitätsspitals Zürich rund um die Uhr für das GZO zuständig und erreichbar, zum Beispiel in Notfällen.

Das GZO-Spital Wetzikon.
Das GZO Spital Wetzikon schloss Ende Februar seine Kinderarzt-Abteilung endgültig. Seither setzt es auf die Kooperation mit regionalen Kinderärzten.

Das Regionalspital schliesst seine schriftliche Antwort mit folgendem Fazit: «An der Betreuung und Begleitung in den Abteilungen des GZO hat sich nichts geändert, neu ist lediglich die Zusammenarbeit mit den Kinderärzten aus der Region.»

Fehlende Fachkräfte sind Hauptproblem

Doch selbst wenn es Praxen gibt – qualifiziertes Personal zu finden, gestaltet sich vielerorts schwierig. Ein Eindruck, den auch die Wetziker Kinderärztin Alexia Moser-Bracher teilt. Aus ihrer Sicht liege das vor allem am fehlenden Nachwuchs. «Viele Kollegen, die in den Ruhestand gehen, finden keine Nachfolger», erläutert sie die Situation.

Dieser Mangel sei vor allem bei den Assistenten besonders ausgeprägt. «Viele machen ihre Ausbildung im Spital und bleiben danach dort», stellt sie fest. Sie sieht die Ursache mitunter im Finanziellen: Die Arbeit in der Kinder- und Jugendmedizin sei im Vergleich zu anderen Disziplinen schlecht bezahlt.

Man müsste den Beruf aus finanzieller Sicht lukrativer machen. «Ansonsten werden wir zu wenige Nachfolger haben, die so eine Praxis übernehmen.» Angehende Kinderärzte müssten mehr auf die Arbeit in der Praxis sensibilisiert werden, denn in ihrem Beruf gebe es durchaus Situationen, die belastend sein können, so Moser-Bracher.

Die Arbeit sei nicht einfach fertig, wenn man heimgehe. «Häufig kreisen die Gedanken um ein Kind, man überlegt sich: ‹Kommt alles gut? Wird das Kind beim Spezialisten rechtzeitig aufgeboten?›» Sie habe darum grossen Respekt davor, allen gerecht werden zu können, sagt Alexia Moser-Bracher. Diese psychische Belastungen seien mitunter ein Grund, weshalb sich viele angehende Ärzte das Feld der Kinder- und Jugendmedizin nicht zutrauen.

Über 1000 Voranmeldungen

Alexia Moser-Bracher hat sich davon nicht abschrecken lassen und eröffnete am 1. April ihre eigene Kinderarztpraxis im Metropol Wetzikon. Über 1000 Voranmeldungen gingen bereits vor Praxisstart ein. «Die ersten drei Wochen sind wir praktisch voll», sagt Moser-Bracher. Aufgrund der grossen Nachfrage habe das Team bereits vor der geplanten Eröffnung der Praxis einzelne Patienten behandelt.

Ein Plüscheisbär auf der Theke einer Kinderarztpraxis.
Dieser Eisbär würde in manchen Oberländer Gemeinden vergebens auf eine Behandlung warten.

«Ich weiss von anderen Praxen, die derzeit keine neuen Kinder mehr aufnehmen können. Die ersten zwei Monate werden vermutlich turbulent.» Das habe auch mit der Schliessung am GZO zu tun, vermutet sie. Denn die Kinder, die zuvor vom GZO betreut wurden, müssten jetzt auf die verbleibenden Kinderarztpraxen verteilt werden und kämen zu den restlichen Patienten dazu.

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