Greifensee und Pfäffikersee sind für Anfang Juli aussergewöhnlich warm
In den Oberländer Seen lagen die Temperaturen diese Woche immer über 25 Grad. Doch was heissen die steigenden Wassertemperaturen eigentlich für die Natur?
«36 Grad, und es wird noch heisser» – das Lied der Berliner Musikband 2raumwohnung beschreibt die derzeitige Hitzewelle in der Schweiz sehr treffend. Die heissen Sommertage laden ein, viel Zeit im und am Wasser zu verbringen. Die heisse Luft drückt nicht nur auf unsere Schweissdrüsen, sondern lässt auch die Wassertemperaturen in den Seen und Flüssen steigen. Was sich beim Sprung ins Wasser angenehm anfühlt, birgt auch gewisse Gefahren. Doch was für Auswirkungen hat die steigende Wasserwärme eigentlich genau auf die Natur?
Sämtliche Wassertemperaturen von Mittellandseen liegen nahe an Rekordwerten – und so auch im Oberland. Während der ganzen Woche sanken die Temperaturen des Wasserthermometers im Greifen- und im Pfäffikersee nicht unter 25 Grad Celsius.
«Im Greifensee erwarten wir am Donnerstag deutlich über 28 Grad in den obersten Wasserschichten. Das ist aussergewöhnlich», sagt Andri Bryner. Er ist Hydrologe und Medienbeauftragter am Wasserforschungsinstitut Eawag. Selbst im Hitzesommer 2003 seien im August im See Höchsttemperaturen von knapp über 27 Grad gemessen worden. Auch die Flüsse seien aktuell sehr warm.

Die hohen Temperaturen haben Auswirkungen auf die Mikrobiologie, wie Bryner erklärt. Zum Beispiel würden sich in der Nähe von einmündenden Bächen oder einer Einleitung einer Kläranlage Krankheitserreger oder Entenflöhe in warmem Wasser eher halten und im ungünstigsten Fall ausbreiten können.
Parasiten wie Entenflöhe beispielsweise würden bei einer Wassertemperatur ab 24 Grad schwärmen. Dann ist das Risiko höher, dass die Larven der Saugwürmer bei Menschen nach dem Baden einen juckenden Hautausschlag auslösen. Je nach Verhältnissen wie zum Beispiel der Nährstoffkombination im Gewässer würden Massenvermehrungen aber auch schon bei relativ tiefen Temperaturen auftreten, erklärt Bryner weiter.
Auch Bakterien vermehren sich bei höheren Temperaturen grundsätzlich stärker. Dies bestätigt Isabelle Rüegg von der Baudirektion des Kantons Zürich. Aber auch hier betont sie: «Voraussetzung für verstärktes Bakterienwachstum ist nicht allein die Temperatur, sondern vor allem das Nährstoffangebot im Wasser.»
So begünstigen die warmen Wassertemperaturen auch das Wachstum der Cyanobakterien – besser bekannt als Blaualgen, die teils giftig sind. Wie sich das warme Wasser zum Beispiel auf die Verbreitung von toxischen Blaualgen, die vor allem für Hunde und Kleinkinder eine Gefahr darstellen, auswirkt, erforscht die Eawag aktuell. «Die Tendenz ist klar steigend, aber es spielen noch andere Faktoren wie der Sauerstoff im Wasser mit», erklärt Bryner.
Eine künstliche Durchmischung oder das Einblasen von Luft an einer tiefen Stelle könne das Problem nur sehr lokal verbessern. Solange ausreichend oder eher zu viele Nährstoffe im See sind, werden die Algen weiterhin mit Wärme und Licht wachsen.
Forellen kämpfen mit Wasserwärme
Momentan sind laut der Baudirektion keine Massenvorkommen von Blaualgen im Greifen- oder im Pfäffikersee bekannt. «Kleinräumige temporäre Ansammlungen können aber jederzeit auftreten», meint Rüegg.
Wichtig für Seeausflügler ist darum, unbedingt auf Warnschilder um den See zu achten. Eine Messung toxischer Blüten von Blaualgen ist laut Bryner aufwendig und kann bisher nicht einfach online gemacht werden wie beispielsweise eine Temperaturmessung. «Die Eawag forscht aber an Modellen, wie die Blüten vorhergesagt werden können.»

Während Bakterien und Parasiten sich im warmen Wasser wohlfühlen, machen die hohen Temperaturen vor allem den einheimischen Fischen zu schaffen. In sechs Metern Tiefe ist der See gerade noch 13 Grad kühl. «So bleibt als Lebensraum für die Fische nur eine ganz dünne Schicht übrig, die ausreichend Sauerstoff hat und doch nicht zu warm ist», erklärt Bryner. «Kälte liebende Arten wie vor allem die Forellen oder Äschen leiden sehr.»
Für sie seien Temperaturen über 24 Grad lebensbedrohlich. «Die Fische sind bei hohen Wassertemperaturen anfälliger für Parasitenbefälle oder sterben, wenn sie kein Kaltwasser zum Beispiel von Seitenbächen oder zuströmendem Grundwasser finden.»
Wie Rüegg erklärt, sind hohe Wassertemperaturen in Flüssen für Fische sogar meist problematischer als in Seen. «In Seen können die Fische in tiefere Schichten abtauchen, wo es in der Regel kühler ist, was in einem Fluss nicht möglich ist.»
Kalte Winter ein Muss
Im Gegensatz zu den einheimischen Fischsorten sind invasive Arten wie exotische Aquarienfische, die das Ökosystem im See stören können, an warme Wassertemperaturen gewöhnt. Bryner erklärt, nach einem so heissen Sommer sei es dann umso wichtiger, dass es in den kommenden Wintern wieder richtig kalt werde, sodass eine potenzielle Ausbreitung zum Erliegen komme.
Für den Menschen sind die hohen Temperaturen im Wasser vielleicht weniger eine Abkühlung, aber noch lange keine Gefahr. «Solange das Wasser klar ist und keine grossen Ansammlungen von Enten in Sicht sind, ist das Baden an den offiziellen Badestellen problemlos», meint Bryner. Nur an kleinen Flüssen, wie zum Beispiel der Töss, unterhalb von Kläranlagen ist bei diesen Temperaturen wegen der potenziellen Bakterienausbreitung und der tiefen Wasserstände Vorsicht angebracht.
Die gute Nachricht bei hohen Wassertemperaturen ist, dass sich Schadstoffe im Wasser wie Pestizide oder andere Chemikalien durch die Hitze kaum beeinflussen lassen. Bryner erklärt, dass die Dynamik der Schadstoffe im Wesentlichen von anderen Faktoren abhänge. «Bestenfalls werden sie sogar leicht schneller abgebaut, weil biochemische Prozesse bei Wärme schneller ablaufen.»