Was steckt hinter dem Abgang des Teamchefs?
Nach nur zwei Rennen gibt es beim Hinwiler Audi-Rennstall einen Führungswechsel. Die wichtigsten Fragen – und mögliche Antworten darauf.
Warum trennen sich der Hinwiler Rennstall und Teamchef Jonathan Wheatley?
Laut Team-Medienmitteilung sind es «persönliche Gründe», die am letzten Freitag zur Trennung geführt haben. Kurz vor 16 Uhr offizialisierte der Rennstall den Abgang von Wheatley, der sich in den Tagen zuvor gerüchteweise angekündigt hatte.
«Persönliche Gründe» – die Formulierung kann alles Mögliche bedeuten, ist ganz sicher nicht falsch (am Ende ist alles persönlich, was mit einer Personalie zusammenhängt) und lädt zu Spekulationen ein. Die schossen dann auch ins Kraut. Weil sich aber niemand der Beteiligten direkt dazu äusserte, blieb es bei den Gerüchten.
Diese Gerüchte drehen sich vor allem um zwei Dinge: Wheatley ziehe es zurück nach England, weil seine Frau Mühe damit gehabt habe, sich in der Schweiz zu akklimatisieren. Und: Es habe zwischen dem Teamchef und dem Audi-Formel-1-Projektleiter Mattia Binotto immer wieder Meinungsverschiedenheiten und ein Kompetenzgerangel gegeben. Da und dort ist gar von einem «Machtkampf» die Rede.
Und dann gibt es auch noch das Gerücht, dass Wheatley zu Aston Martin wechseln soll, wo er wieder auf Adrian Newey treffen würde. Mit dem legendären Design-Guru feierte Wheatley bei Red Bull grosse Erfolge.
Was stimmt? Vielleicht alles ein wenig. Die Doppelspitze mit Teamchef Wheatley und Audi-Projektleiter Binotto funktioniert nicht wie gewünscht, die Partnerin wird in der neuen Heimat nicht glücklich, die Option eines Wechsels zurück in die alte Heimat – und noch dazu zu einem Team, wo ein alter Wegbegleiter Mitinhaber ist – tut sich auf. Vorstellbar ist das ja durchaus. Ob Wheatley selber gegangen ist oder von Audi-Chef Gernot Döllner nach einer Krisensitzung am letzten Freitag per sofort gegangen wurde, wie deutsche Medien berichten, wissen nur die Direktbeteiligten.
Tatsache ist: Wheatleys Zeit in Hinwil ist zu Ende, nach nur etwas mehr als elf Monaten.
Was verliert Audi mit Wheatleys Abgang?
Das Gesicht des Rennstalls, eine Leitfigur und ein Symbol für den Wandel vom Mittelfeldteam zu einem mit Titelambitionen. Wenige Tage vor der Trennung verbreitete der Rennstall über Social Media die Botschaft «Mehr als ein Team» mit Bildern, auf denen unter anderen Wheatley Teammitglieder umarmt.
Netflix stellte ihn mit seiner empathischen Führungsphilosophie vor wenigen Wochen noch als Kontrapunkt zu alten Haudegen wie Flavio Briatore dar. Wheatley verkörperte Glaubwürdigkeit und Rennsportleidenschaft, sprach viel von Menschen, von Teamkultur – und er schaffte den kommunikativen Spagat zwischen ambitionierten Fernzielen und kurzfristiger Bescheidenheit. Kein Lautsprecher, sondern einer, der mit sanfter Stimme durchaus viel erreichte. Unter ihm legte Sauber in der zweiten Hälfte der letzten Saison eine Entwicklung hin, wie man sie in Hinwil schon länger nicht mehr gesehen hatte.
Aber: Audi verliert mit Wheatley auch Reibungspotenzial in der Führung. Bezeichnenderweise machte die Kommunikationsabteilung des Rennstalls das auch zum Hauptthema und leitete die Medienmitteilung mit den Worten ein, das Team werde «wesentliche Veränderungen in der Führungsstruktur vornehmen».
Wer ersetzt ihn?
Vorerst einmal Mattia Binotto, das ist kurzfristig die naheliegende und logische Lösung. Schliesslich ist er schon da und war vor Wheatleys Ankunft in Hinwil bereits Sauber-Teamchef und Audi-Projektleiter in Personalunion. Die Rolle ist für den 56-jährigen Italiener aber auch sonst kein Neuland. Von 2019 bis Ende 2022 war er bei Ferrari Teamchef und gleichzeitig noch Technikchef. Seine Zeit in Maranello ging ohne den erhofften Erfolg zu Ende, und manche sagen, er sei auch an der Ämterkumulation gescheitert.
Ob er nun beim Hinwiler Rennstall einen zweiten Anlauf nimmt und sich nicht nur um Entwicklung und Bau von Motor und Chassis kümmert, sondern als Teamchef auch noch den Rennbetrieb leitet und das Team repräsentiert? Ganz undenkbar ist das nicht. In der Medienmitteilung sucht man bezüglich Binottos Aufgabenbereich das Wort «interimistisch» jedenfalls vergeblich. Allerdings steht da auch: «Die zukünftige Struktur wird zu einem späteren Zeitpunkt definitiv festgelegt.»
Noch ist also nicht klar, ob Wheatley überhaupt eins zu eins ersetzt wird und es wieder eine Doppelspitze gibt oder ob Binotto künftig allein die volle Verantwortung trägt. Spekulationen, wer neben Binotto Teamchef werden könnte, gibt es natürlich bereits. Inaki Rueda wird als interne Möglichkeit genannt – der 47-jährige Spanier beerbte bei Sauber Ende 2024 Beat Zehnder als Sportdirektor. Rueda war vorher bei Ferrari Strategiechef und Sportdirektor – unter Teamchef Binotto.
In der Vorschau des Teams auf den GP von Japan von diesem Sonntag wird Binotto übrigens nicht als Teamchef, sondern weiterhin als «Head of Audi F1 Project» bezeichnet. Über die Vorgänge respektive seine neue Rolle verliert er im Communiqué kein Wort. Das dürfte sich in Suzuka ändern – zumindest wird er sich auf entsprechende Journalistenfragen vorbereiten müssen.