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Kultur

Legendäres Grandhotel

Was einen Ustermer mit einem Hotelbrand im Engadin verbindet

Fast 40 Jahre nach dem Feuer im «Waldhaus Vulpera» sucht der aus Uster stammende ehemalige Hoteldirektor im Film «Herbstfeuer» nach Antworten.

Der Ustermer Rolf Zollinger an dem Ort, wo früher einmal das Grandhotel Waldhaus Vulpera stand.

Foto: Diana Ulrich

Was einen Ustermer mit einem Hotelbrand im Engadin verbindet

Legendäres Hotel

Fast 40 Jahre nach dem Feuer im «Waldhaus Vulpera» sucht der aus Uster stammende ehemalige Hoteldirektor im Film «Herbstfeuer» nach Antworten.

Es ist der frühe Morgen des 27. Mai 1989, als der damalige Hoteldirektor Rolf Zollinger von dem Geräusch von Steinen, die jemand an die Fensterscheibe seines Schlafzimmers wirft, geweckt wird. «Unsere Hausglocke hatte damals nicht funktioniert», erinnert sich der mittlerweile 80-jährige Ustermer an diesen Tag.

Vor der Tür steht ein Mitarbeiter des Hotels, der Anlass für das unsanfte Wecken ist keine Lappalie: Das Hotel brennt. Und es ist nicht irgendein Hotel – sondern das altehrwürdige «Waldhaus Vulpera» im Unterengadin mit einer zu diesem Zeitpunkt fast 100-jährigen Geschichte. Viele berühmte Personen logierten bereits dort, darunter der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt, der damalige deutsche Reichskanzler Kurt von Schleicher und die niederländische Königin Wilhelmina.

Und nun steht das Gebäude in Flammen. Die Feuerwehr, Zollinger und seine Mitarbeiter versuchen, zu löschen und vor allem wertvolle Gegenstände vor den Flammen zu bewahren. «Ich dachte damals die ganze Zeit: ‹Wach auf, das träumst du nur›», erinnert sich der ehemalige Hoteldirektor heute.

Doch das Erlebte ist real. Und nicht nur das: Im Lauf des Tages wird immer deutlicher, dass der Bau nicht mehr zu retten ist. Die Gebäudeversicherung war damals offenbar ähnlicher Meinung. Nachdem das Feuer gelöscht worden war, gab sie den Auftrag, die Überbleibsel des einst so spektakulären Baus komplett abbrennen zu lassen.

Sogar Friedrich Dürrenmatt steht unter Verdacht

Heute – fast 40 Jahre später – hat der Brand den Wahlbündner Zollinger noch immer nicht losgelassen. Und nicht nur gedanklich, sondern auch physisch blieb er nah am Ort des Geschehens, in Graubünden. Und das, obwohl der gebürtige Ustermer zuvor viel herumgekommen war: Nach seiner Kochlehre in St. Moritz arbeitete er in Genf, Zermatt, Schweden und für längere Zeit in England, wo er auch seine Frau Sally kennenlernen sollte.

1975 kehrte er in die Schweiz zurück, zunächst nach Andermatt. 1981 begann seine Tätigkeit als Hoteldirektor im Grandhotel Waldhaus Vulpera. Acht Jahre später ist der imposante Bau des St. Moritzer Architekten Nicolaus Hartmann Geschichte. Und genau das ist und bleibt das grosse Trauma in Zollingers Leben – und der in diesem Jahr erschienene Film «Herbstfeuer», in dem der Brand aufgearbeitet wird, ist vielleicht seine Bewältigungsstrategie.

Zum Film später mehr, wir bleiben im Jahr 1989. «Damals war schnell klar, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit Brandstiftung gewesen sein muss», erzählt Zollinger im Gespräch mit dieser Redaktion. Doch über die Täterschaft lässt sich nur spekulieren. Schon damals kursierten viele Gerüchte und Theorien – und auch Zollinger hatte bereits kurz nach dem Brand seine ganz eigene Version: «Ich dachte damals, der Dürrenmatt wars!»

Dass Zollinger den berühmten Autor verdächtigt, hat einen Grund: Nur sechs Wochen vor der Tragödie im «Waldhaus Vulpera» erschien Friedrich Dürrenmatts Roman «Durcheinandertal», in dem das literarische Pendant des Hauses abbrannte. Die Polizei überprüft Dürrenmatt, er kann es nicht gewesen sein. «Als ich mich am Telefon bei ihm entschuldigte, hat er nur laut gelacht», erinnert sich der mittlerweile ergraute Herr.

Auch der Hoteldirektor selbst gerät irgendwann ins Visier der Ermittler, «aus Routine», wiegelt er ab. Doch im Tal ist er für viele der Schuldige, auch wenn die Polizei am Ende niemanden dingfest machen konnte. Viele glaubten, dass sowohl er als auch der Besitzer des Hotels sich an der Versicherungssumme bereichern wollten – das Hotel war bereits damals dringend sanierungsbedürftig, der alte Glanz längst verblasst.

Am Ende führten die Ermittlungen nirgendwohin, zwei Jahre später wurden sie eingestellt. Doch für Zollinger bleibt die Frage nach dem Warum. «Das hat mich auch Jahrzehnte später nicht losgelassen.»

Finden Zollinger und der Kommissar den Täter?

Dieses «Nicht-loslassen-Können» entgeht natürlich auch seiner Familie nicht. «Irgendwann hat mich mein Göttibub gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könne, mit ihm einen Dokumentarfilm über das Geschehene zu drehen. Der Göttibub ist Roman Vital, Filmemacher aus Arosa.

Zollinger willigt ein, das war im Jahr 2021. Bis zum Filmdreh sollten noch weitere zwei Jahre vergehen. Erstmals gezeigt wurde der Film in Scuol, ganz in der Nähe des ehemaligen Hotels.

Im Film, der ganze 114 Minuten lang ist, sieht man Zollinger mit Peter Lang, dem pensionierten Kommissar der Kantonspolizei Graubünden, nach dem Täter suchen. Sie kehren an den Ort des Geschehens zurück, kämpfen sich durch alte Polizeiakten, analysieren Fotos. Selbst einen Wünschelrutengänger heuert Zollinger an, nur um die Wahrheit endlich ans Licht zu bringen.

Rolf Zollinger mit dem Kommissar
Der pensionierte Kommissar Peter Lang (links) und Rolf Zollinger auf der Suche nach der Wahrheit.

Oft wird es emotional. Zollinger ist überzeugt davon, dass der oder die Brandstifter sich persönlich an ihm rächen wollte(n). «Wenn jemand eine Wut auf mich hat, dann kann man es anders ausdrücken, als ein Zündholz zu legen», sagt er zu Beginn des Films.

Der Kommissar geht nüchterner vor. Er sucht nach Widersprüchen in den Zeugenaussagen von damals, trifft gemeinsam mit Zollinger in den Fall Involvierte oder begibt sich an für den Fall relevante Orte. Immer wieder muss er den ehemaligen Hoteldirektor, der sich zu vergaloppieren droht, zurückpfeifen. «Das sind jetzt die Schlüsse, die du daraus ziehst, Rolf.»

Selbst Brandstiftung schliesst Lang als Ursache nicht aus, der Grund könnten Mängel in der Wartung der Elektronik gewesen sein, die damals schon vorlagen. Irgendwann fragt er Zollinger ganz direkt: «Hast du etwas mit dem Feuer zu tun, Rolf?» Der verneint.

Kein Krimi, sondern eine Geschichte über nicht überwundende Traumata

Am Ende des Films gibt es klare Tendenzen in Richtung Täterschaft – und das, obwohl Regisseur Roman Vital bewusst keine Kriminalgeschichte kreieren wollte. «Es ging mir um die Frage, warum es dem Hoteldirektor über all die Jahre nicht gelungen ist, das einschneidende Ereignis loszulassen», schreibt er auf Anfrage. «An seiner Geschichte wird sichtbar, welchen Stellenwert Wahrheit für unser Dasein hat.»

Rolf Zollinger scheint der Wahrheit durch seine persönlichen Ermittlungen ein grosses Stück näher gekommen zu sein. Ob dies für ihn wirklich eine Belohnung darstellt, steht aber auf einem anderen Blatt. «Is it really a good idea, after all this time?», fragt seine Frau Sally im Film gleich zweimal.

Rolf und Sally Zollinger, Vulpera. Field Spaniels Holly and Phoebe. Grandhotel Waldhaus Vulpera. Kurpark Vulpera.
Rolf und Sally Zollinger in Vulpera mit ihren beiden Hunden am Standort des abgebrannten Grandhotels.

Der Film «Herbstfeuer» ist am 14. April im Qtopia in Uster zu sehen, Rolf Zollinger wird ebenfalls vor Ort sein. Weitere Informationen finden sich hier.

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