So soll die Ausbreitung der Quaggamuschel verhindert werden
Alarmierender Fund im See
Im Zürichsee sind an drei Stellen Quaggamuscheln aufgetaucht. Diese gefährden das Ökosystem und greifen Infrastrukturen an. Der Kanton Zürich ergreift erste Notmassnahmen, um eine Ausbreitung zu verhindern.
Die invasive Quaggamuschel hat den Zürichsee erreicht. Noch am Freitagmorgen wurden vor Richterswil einzelne Exemplare im Wasser gefunden. Bereits Anfang September hatte ein Team des Wasserforschungsinstituts Eawag im Zürcher Seebecken und vor Thalwil erste Muscheln entdeckt.
Jetzt hat der Kanton Zürich reagiert. Schiffe und Boote, die sich auf dem Zürichsee befinden, dürfen ab sofort nicht mehr in umliegende Seen wie Greifensee, Pfäffikersee und Türlersee transportiert und darin eingewassert werden. Stand-up-Paddel, Kanus, Ruder- und Schlauchboote sollen vor jedem Gewässerwechsel sorgfältig kontrolliert, mit heissem Wasser gereinigt und vollständig getrocknet werden. Das Gleiche gilt für Fischerei- und Tauchausrüstung.
Die Sofortmassnahme soll 2025 abgelöst werden durch eine Regelung, wonach im Kanton Zürich zugelassene Boote ausschliesslich in einem Heimgewässer verkehren dürfen. Später soll eine Melde- und Reinigungspflicht eingeführt werden, die bei jedem Gewässerwechsel zum Zug kommt. Es gelte, auch andere invasive Arten wie etwa das Schmalrohr abzuwehren. Die Wasserpflanze gibt es schon im Genfersee und in den Tessiner Seen. Sie bildet dichte Teppiche, welche die Wasserqualität beeinträchtigten.
Wo genau tauchten die Quaggamuscheln auf?
Die Eawag-Gruppenleiterin Alexandra Anh-Thu Weber und ihr Team haben die Muscheln – noch waren es jeweils nur zehn Stück – in einer Tiefe von etwa einem Meter gefunden, und zwar in unmittelbarer Ufernähe am Mythenquai, vor der Thalwiler Seeanlage Farb und vor dem Richterswiler Horn. Die Invasion ist gemäss der Spezialistin noch in einem frühen Stadium, die meisten Muscheln erst etwa ein Jahr alt oder jünger. Nur eine einzelne Muschel war grösser und älter als zwei Jahre.
Grund für Zuversicht gibt es laut Weber dennoch nicht. Dass der Zürichsee wieder Quagga-frei werden könnte, bezeichnet sie als «unrealistisch». Vielmehr geht die Evolutionsbiologin davon aus, dass sich die Tiere rasch vermehren und die heimischen Muscheln verdrängen werden. Dagegen könne man nichts tun. Die Schutzmassnahmen für den Greifen-, Pfäffiker- und den Türlersee befürwortet sie deswegen: «Man muss unbedingt die Seen schützen, die noch Quagga-frei sind.»
Sind die anderen Zürcher Seen wirklich noch Quagga-frei?
Im Greifensee, Pfäffikersee und Türlersee hat man kürzlich sogenannte eDNA-Proben genommen. Diese waren negativ. Laut Katharina Weber, Sprecherin der Baudirektion, wird nun das Monitoring in allen drei Seen verstärkt. Es ist geplant, in den kommenden Wochen weitere Proben zu nehmen.
Wie gelangte sie in den Zürichsee?
Vermutlich durch Boote oder Wassersportausrüstung aus anderen, bereits besiedelten Gewässern. Die Larven heften oft kaum sichtbar am Schiffsrumpf.
Warum ist die Quaggamuschel schädlich?
Quaggamuscheln sind nicht einheimisch und gefährden das lokale Ökosystem. Sie stammen ursprünglich aus dem Schwarzen Meer. Einmal in ein Gewässer eingeschleppt, vermehren sie sich rasant und bedrängen die einheimische Flora und Fauna. Dabei sind sie klein: Eine Muschel ist kaum grösser als ein Fingernagel. Sie wird drei bis fünf Jahre alt und kann viele verschiedene Farben haben.
Sie filtern Unmengen von Plankton aus dem Wasser. Jene Tiere, die Plankton fressen, haben weniger Nahrung. Die Folge: Sie verhungern. Und das bringt jene in Bedrängnis, die auf diese Tiere angewiesen sind: die Fische. Dazu kommen die Ausscheidungen der Muscheln. Sie düngen den Seegrund. Das begünstigt etwa die Fadenalgen, die ihrerseits wieder das Ökosystem verändern: Die Würmer im Seegrund ersticken unter dem immer dichteren Teppich von organischem Material.
Sind sie gefährlich für Menschen?
Nicht direkt, aber sie greifen die Infrastruktur an. Die Muschel kapert etwa Trinkwasserleitungen, Filteranlagen oder Wärme-/Kälte-Pumpen. Das hat man am Bodensee festgestellt. Inzwischen müssen die Trinkwasserfassungen auf der deutschen Bodenseeseite alle drei Monate statt wie zuvor einmal im Jahr gereinigt werden. Auch musste eine durch die Muscheln verstopfte Wasserleitung durch zwei breitere ersetzt werden.

Wie verbreitet ist die Muschel in der Schweiz?
Die ersten wurden 2014 in Basel entdeckt. Die Muschel wanderte bis 2016 rheinaufwärts zum Bodensee, der inzwischen stark betroffen ist. Bei Friedrichshafen zum Beispiel gibt es Stellen, an denen auf dem Seegrund praktisch nur noch Quaggamuscheln leben. 2023 wurden am Bodensee an vier Stellen über 15’000 Muscheln pro Quadratmeter gemessen, der Spitzenwert betrug 25’000 Muscheln pro Quadratmeter.
Die Muschel hat sich auch schon im Genfer-, Neuenburger-, Bieler- und Murtensee ausgebreitet. Vor einem Monat haben Taucher Quaggamuscheln im Zuger- und im Alpnachersee gefunden. Wie schlimm es werden kann, zeigt der US-amerikanische Lake Michigan, an dem die Stadt Chicago liegt. Dort stellt die Quaggamuschel unterdessen 90 Prozent der Lebewesen im See.
Hat der Kanton genug gegen die Einschleppung unternommen?
Der Kanton Zürich setzte auf Infokampagnen und Selbstkontrolle. Seit 2020 stellte er zum Beispiel bei Einwasserungsstellen am Zürichsee Plakattafeln auf mit dem Titel «Vorsicht blinde Passagiere». Auch per Flyer und Videos wurden die Schiffhalter aufgefordert, ihre Boote gründlich und mit heissem Wasser zu reinigen und vollständig auszutrocknen, bevor sie diese in andere Gewässer bringen. Das ist wie erwähnt in Zürcher Gewässern neu nicht mehr erlaubt.
Gemäss der Baudirektion ist fraglich, ob Verbote rechtzeitig hätten in Kraft treten können, um die Ausbreitung der Quaggamuschel im Zürichsee noch zu verhindern. Sie befindet sich seit einiger Zeit hier. Auch im Zuger- und Alpnachersee hat sich die Muschel ausgebreitet, bevor striktere Regeln umgesetzt werden konnten. Eine Melde- und Reinigungspflicht sei keine Garantie gegen Quaggamuscheln, hält die Baudirektion fest. Die Regeln müssten auch akzeptiert und konsequent eingehalten werden. Immerhin: Die Akzeptanz habe in letzter Zeit zugenommen. Der Fokus liege nun auf den kleineren Zürcher Seen. Dort sei das Risiko wiederum tiefer ist als im Zürichsee, weil da weniger Boote führen und keine motorisierten Schiffe oder Boote zugelassen seien.
Wie kann man die Quaggamuschel bekämpfen?
Das ist sehr schwierig bis unmöglich. Sie haben in hiesigen Gewässern kaum natürliche Feinde. Gemäss Eawag gibt es zwar (nicht einheimische) Fische, die Quaggamuscheln fressen. Das Problem ist aber, dass diese Fische auch andere Muscheln fressen würden. Die Forscher gehen davon aus, dass die Fische vor allem die im Zürichsee zahlreich vorkommenden Zebramuscheln fressen würden. Ausserdem breitet sich die Quaggamuschel bis in Tiefen aus, in die Fische nicht mehr gelangen.
Aus diesen Gründen konzentrieren sich die Behörden vor allem auf Prävention.
Haben es andere Kantone besser gemacht?
Vor allem die Innerschweizer Kantone gingen entschlossener ans Werk. So haben die Kantone Uri, Schwyz, Nid- und Obwalden bereits im Juli 2023 eine Schiffreinigungspflicht und kürzlich eine Meldepflicht bei Gewässerwechsel eingeführt. Luzern und Zug haben sich unterdessen angeschlossen. In Zug und Schwyz gilt gar ein Verbot zur Einwasserung von ausserkantonalen Schiffen, allerdings mit Ausnahme des Vierwaldstätter- und des Zürichsees. Trotzdem drang die invasive Muschel in zwei Seen ein.
Ist die Quaggamuschel wenigstens essbar?
Sie ist nicht giftig, aber sie ist zu klein – es ist schlicht zu wenig dran.