Was darf die «Energiestadt» kosten?
«Da machen wir nicht mit», bringt es Dölf Conrad, Gemeindepräsident von Wildberg, ohne Umschweife auf den Punkt. «Das Energiestadt-Label ist ein Papiertiger!». Für ihn scheint wichtiger, dass «jeder im Kleinen» seinen Energiebedarf überdenkt. Er würde sich von anderen Gemeinden wünschen, dies ebenso «ganzheitlich zu sehen»: sich vehement für den Halbstundentakt einzusetzen und sich gleichzeitig «Energiestadt» zu nennen, passen für Conrad nicht zusammen.
Auch ohne Label proaktiv
Der Gemeinderat von Wila hat das Traktandum, ob das Label Energiestadt zu beantragen wäre, schon mehr als einmal geprüft. Gemeinderat Sandro Turcati, zuständig für die Energiefragen in der Gemeinde, kann sich erinnern, dass schon sein Vorgänger das Energielabel auf den Tisch brachte – und sein Vorgänger davor. Immer wieder entschied man sich aus Kostengründen dagegen. «Dass das Energielabel einen gewissen Klang hat, ist unbestreitbar», sagt Turcati, «ist aber auch mit Aufwand verbunden.»
Das heisst nicht, dass Wila in Energiefragen untätig wäre. Die Gemeinde unterstützt die Aktivitäten der Nachbargemeinden (wie jüngst den Elektromobilitätstag in Turbenthal) und hat einen Wärmekataster erstellen lassen, woraus für alle Gebäude ersichtlich ist, wo mehr oder weniger Wärme und aus welcher Energiequelle benötigt wird. Die Gemeinde informiert zudem über Energieprogramme des Bundes oder des Kantons. Turcati erinnert die Bewohner daran: «Das Bauamt berät gerne alle Interessierte, insbesondere wer einen Umbau plant.»
«Das Energiestadt-Label ist ein Papiertiger!»
Dölf Conrad, Gemeindepräsident Wildberg
Zu gross für Schlatt
Gemeindeschreiber Peter Lehmann macht deutlich, dass es für einen Ort von Schlatts Grösse nicht infrage kommt, sich ein teures Label zu leisten. «Die Zertifizierung ist schlicht zu teuer.» Energieberatungsstellen gebe es reichlich, dazu brauche die Gemeinde kein Info-Büro zu betreiben. Natürlich sei man in laufenden Prozessen ständig bestrebt, Energiesparmassnahmen umzusetzen. Der Trägerverein der «Energiestädte» wirbt bei den Gemeinden mit den Argumenten der Standortförderung und des Imagegewinns. Lehmann dagegen hält das Label für unwesentlich fürs örtliche Gewerbe oder die Einwohnerschaft. Eine «Energiestadt» zu werden, hat man daher in Schlatt nie in Erwägung gezogen.
«Lebensqualität verbessern»
«Willkommen in unserer Energiestadt», schreibt Zell nicht ohne Stolz auf der Website. «Als eine von 400 Schweizer Energiestädten setzen wir auf Energieeffizienz, erneuerbare Energien und sinnvolle Mobilität», ist auf zell.ch weiter zu lesen. Einer Energiestadt ist eine Solar-Energiefläche pro Anzahl Einwohnern vorgeschrieben. Mit der Photovoltaikanlage (55 kWp Leistung), die Zell auf der Turnhalle in Rikon betreibt, und der Anlage auf dem Dach der neuen Mehrzweckhalle in Kollbrunn (150 kWp) übertrifft die Gemeinde bereits die verlangten Ziele.
Gleichzeitig ruft Zell die Bewohner auf, das ungenutzte Potenzial auf den eigenen Dächern zu nutzen. Aber ist die Idee der «Energiestadt» im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen, seit Zell 2011 das Label erhielt? Gemeindeschreiber Erkan Metschli-Roth: «Wir haben sichtbar gemacht, dass wir eine Energiestadt sind – auf unserem Briefpapier, auf der Ortseingangstafel, um nur zwei Beispiele zu nennen –, und ich glaube, der Gedanke wird von unserer Bevölkerung breit mitgetragen.» Geschaffen wurde zudem eine Energiekommission, die aus Vertretern der Bevölkerung besteht.
«Ich glaube, der Gedanke wird von unserer Bevölkerung breit mitgetragen.»
Erkan Metschli-Roth, Gemeindeschreiber Energiestadt Zell
Nicht fehlen darf auf Zells Website einen Link zu Förderungsmitteln für Solaranlagen, Kontakte für Gebäudesanierungen und allgemeine Energie-Spartipps. Eine Agenda listet Anlässe zum Thema Energie: etwa den Info-Abend «Energetisch modernisieren», der am 30. Oktober gemeinsam von den Energiekommissionen Zell und Turbenthal durchgeführt wird. «So reduzieren wir den Energieverbrauch, sparen Geld und verbessern Ihre Lebensqualität», gibt sich Zell auf der Website vom Nutzen der Zertifizierung weiterhin überzeugt.
«Energetische Entdeckungstour»
«Herzlich willkommen» geheissen wird man auch an der Internetadresse der Energiestadt Turbenthal. Eingeladen wird auf eine «energetische Entdeckungstour». Der Kalender lädt am 5. November zum «Repair-Café» der Energiekommission ein. Öffentlich einsehbar sind auf der Website die Geoinformationen zu erneuerbaren Energien. Die «Botschafterin» Gabriella Pfaffenbichler lässt sich zitieren: «Ich lade mein Auto zu Hause: Seit über einem Jahr benutze ich fast täglich unser Elektroauto.» Unter Zukunftsvisionen eingereiht ist das Vorzeigeprojekt des Wärmeverbunds Stiftung Schloss Turbenthal, befeuert mit Turbenthaler Holz.
Als Gründe für den Verzicht führen die angefragten Gemeinden übereinstimmend die mangelnde Grösse im Verhältnis zur Kostenhöhe an. Wobei der Trägerverein freilich argumentiert, dass sich kluges Energiemanagement langfristig auszahle. «Die Zertifizierung kostet aber bringt nichts», ist Wildbergs Gemeindepräsident überzeugt. Bleibt die Frage: Von welchen Kosten ist überhaupt die Rede?
Zertifizierung und Mitgliedschaft kosten
Der Betrag für die Zertifizierung beläuft sich, je nach Grösse der Gemeinde, zwischen 18’000 und 24’000 Franken (darin sind Leistungen wie Beratung, Standortbestimmung, Potenzialanalyse, Erarbeitung von energiepolitischen Zielsetzungen, Aktivitätenprogramm eingeschlossen). Für die Rezertifizierung (im Zyklus von 4 Jahren) ist mit 8000 bis 12’000 Franken zu rechnen. Im Fall von Zell beliefen sich die Initialisierungskosten auf 43’000 Franken. Vier Jahre danach kostete die Rezertifizierung 15’000 Franken. Die nächste Erneuerung des Labels steht 2019 mit Kosten in derselben Höhe an.
«Seit über einem Jahr benutze ich fast täglich unser Elektroauto.»
Gabriella Pfaffenbichler, Präsidentin Primarschulpflege Turbenthal
Nicht kostenlos ist die Mitgliedschaft im Trägerverein (Voraussetzung für den Erhalt des Labels): bis 1000 Einwohner 600 Franken; 1000 bis 5000 Einwohner 1300 Franken; über 5000 Einwohner: 2600 Franken. Die öffentlich-rechtlichen Körperschaften können sich auch als Gemeindeverbund zertifizieren lassen, um diese Kosten aufzuteilen. Der Gegenwert dieser Gebühr sind Dienstleistungen, die mit 1600 Franken bewertet werden.
Kleingemeinden mit niedrigem Budget steht offen, auch ohne Zertifizierung am Programm teilzunehmen. Seit dem Jahr 2014 profitieren 275 Kleingemeinden von diesem Angebot. Der Bund und mehrere Kantone gewähren finanzielle Unterstützungsbeiträge. (Roland Schäfli)