Warum Sie eben doch im Zug telefonieren sollten
Menschen, die im Zug telefonieren, können nerven. Doch es gibt eben einen guten Grund, um es trotzdem zu tun. Mit Respekt, versteht sich.
Ja, ich bin eine der ekligen Personen, die im Zug telefonieren. Da ich grundsätzlich laut bin, zügle ich mich aber im ÖV bewusst. Denn auch wenn die SBB das Telefonieren (noch) nicht verbannt haben, möchte ich nicht von meinen Mitpassagieren hingerichtet werden.
Wenn Blicke töten könnten, wäre ich schon lange abgekratzt – auch wenn ich mein Gespräch so leise wie nötig führe. Und dass «20 Minuten» die Printausgabe einstellt, spielt mir in die Karten: Es hindert die Fahrgäste daran, mich auf einem Zeitungsscheiterhaufen zu verbrennen und meine verkohlten Überreste als warnende Galionsfigur an die S26 zu schnallen – Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich gerade noch davongekommen bin.
Aber eben, mich hält kaum etwas davon ab, die Mitreisenden «mit meiner Geheimsprache zu belästigen», wie ein hässiger Gast mir mal vorgeworfen hatte – die meisten würden dazu auch einfach Spanisch sagen. Während andere durch ihr Handy scrollen, verbringe ich meine Pendelzeit am liebsten im Gespräch mit meinen Liebsten. Und das sind meine Eltern.
Ich telefoniere täglich mit ihnen. Meine Mutter würde mir zwar widersprechen und behaupten, dass ich sie vergesse. Doch das stimmt natürlich nicht. Ich bin manchmal einfach anderweitig beschäftigt. Oft, weil ich von der Meute mit den brennenden Zeitungen davonrennen muss.
Die Telefonate mit meiner Mutter geniesse ich sehr. Sie erzählt mir von ihrem Tag, dann wirft sie mir vor, dass ich zu ungesund esse, und schliesslich erzählt sie mir den neusten Familientratsch. Im Hintergrund berichtet mein Vater stolz von seiner neusten Karateverletzung, worauf ich ihm natürlich über meine Mutter die Leviten lese – Eltern zu erziehen, ist so schwierig. Ich liebe es. Und meine Eltern auch.
Doch kommen wir zum «Warum Sie eben doch im Zug telefonieren sollten», wenn Sie nicht bereits wie ich sind: das Pflegen der Kontakte. Wir alle haben doch diese eine Person, bei der man sich schon lange wieder mal melden wollte. Im Zug hat man Zeit dafür. Sollte das Gespräch nicht so verlaufen, wie man es sich wünscht, dann kann man immer noch sagen: «Du, sorry, aber ich chum ezd dänn is … kchchch.» Und schon ist das Telefonat beendet.
Sollte die Person wirklich zurückrufen, wissen Sie, dass Sie tatsächlich vermisst worden sind. Ist doch irgendwie schön. Doch glauben Sie mir, niemand ruft bei einem eigenartigen Telefonat zurück. So oder so hat man die zwischenmenschliche Pflicht mit Bravour erfüllt.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich propagiere hier nicht für ein lautes Zugabteil. Ein Telefonat per Lautsprecher ist darum absolut daneben. Ich verstehe auch, dass man Hemmungen hat, immerhin sind wir in der Schweiz manchmal so zuvorkommend, anständig und ruhig, dass wir leicht mit Robotern verwechselt werden könnten. Dafür sind wir doch einfach nur Menschen, die hin und wieder mal ein bisschen schwatzen wollen.
Was? Sie meinen, man könnte auch einfach das Gegenüber anquatschen? Also das geht mir dann wirklich zu weit.