In Illnau treffen sich die Fans von St. Pauli
Der FC St. Pauli aus der 1. Fussball-Bundesliga ist kein Verein wie jeder andere, wie man weiss. Das beweisen auch die Mitglieder vom Fanclub 9ZÄ10 St. Pauli.
Schon draussen auf dem Parkplatz ist klar: Hier trifft sich ein Fussball-Fanclub des FC St. Pauli, der aktuell in der 1. Bundesliga mitkickt. Denn an den Heckflügeln der Autos mit ZH-Nummern prangt so mancher Totenkopf, der als legendäres Erkennungszeichen der etwas anderen Fussballtruppe aus dem Hamburger Stadtteil St. Pauli gilt.
Eintritt ins Restaurant Hörnli in Illnau, das seit vergangenem Jahr offiziell seine Tore geschlossen hat – aber für gewisse Anlässe immer mal wieder offen ist. Wie an diesem Mittwochmorgen, wo sich ab 10 Uhr eine illustre Truppe zu Kaffee und Bier getroffen hat. Die Männer tragen alle einen Totenkopf – sei es auf dem Fussballschal, dem Pullover oder auf der Handyhülle. Willkommen bei «9ZÄ10 St. Pauli», dem grössten FC-St.-Pauli-Fanclub der Schweiz, in dem aktuell rund 70 Mitglieder, davon 7 Frauen, vereint sind.
Gemeinsam Spiele auf der Grossleinwand schauen
Der Sitz des am 19. Oktober 2020 gegründeten Vereins – 1910 ist das Gründungsjahr des FC St. Pauli – ist Nürensdorf (Bezirk Bülach). Die meisten Mitglieder stammen aus der Region Zürich und Winterthur. Auch aus dem Oberland, aus Effretikon oder Fehraltorf, sind viele dabei – deshalb trifft sich der Fanclub auch regelmässig hier im «Hörnli». Ansonsten vor allem im Restaurant Stadiönli bei der alten Kunsteisbahn in Zürich-Oerlikon, wo man zusammen auf Grossleinwand die Spiele des FC St. Pauli zusammen anschaut.
«Es geht nicht allein um den Fussball. Es geht viel mehr ums Soziale, die Gemeinschaft», erklärt Rolf Bänninger. Der 65-Jährige ist Präsident des Fanclubs, der offiziell beim FC St. Pauli registriert ist. «Man kennt uns inzwischen in Hamburg. Wir haben hervorragende Beziehungen zum Vorstand. Mit dem Präsidenten Oke Göttlich plaudern wir immer mal wieder.»
Denn pro Saison ist immer mal wieder eine Gruppe aus dem Fanclub vor Ort im Millerntor, der legendären Heimstätte des FC St. Pauli, die seit rund 30 Jahren bei jedem Heimspiel mit seinen 30’000 Plätzen ausgebucht ist. Weil sie offizieller Fanclub sind, bekommen Rolf Bänninger und seine Mitglieder immer mal wieder Heimspiel-Tickets, was auf dem freien Markt praktisch unmöglich ist.
Mit dem FC St. Pauli sei er das erste Mal im Februar 2008 in Berührung gekommen – als Fan des FC Zürich besuchte er damals das Uefa-Cupspiel gegen den Hamburger Sportverein (HSV). «Das war ein grottenschlechter Kick. In einer Bar danach trafen wir St.-Pauli-Fans, die uns einen Besuch bei ihrem Club schmackhaft machten», erinnert sich Rolf Bänninger, der früher Besitzer einer grossen Druckerei in Effretikon war.
An Tickets zu kommen, war auch für ihn schwer. «Ich war mit meiner Partnerin in der Haifisch-Bar am Hamburger Hafen. Dort sass ein Typ in einer FC-St.-Pauli-Jacke. Meine Partnerin meinte, ich soll doch diesen fragen. Ich überwand mich schliesslich. Der Mann war der Verantwortliche für die Ticketverkäufe», erzählt Rolf Bänninger, der kurz sein Handy zückt. Er lässt ein Filmchen laufen – vom Fanmarsch vor dem Derby gegen den HSV vom 23. Januar. Zu sehen sind Menschenmassen, begleitet von roten Pyrofackeln. «Es bleibt alles friedlich. Auch das ist der FC St. Pauli, Randale gibt es am Spieltag keine», so Rolf Bänninger, der beim Derby vor Ort war.
In der Runde im «Hörnli» sitzt auch Guy Devincenti (66) – natürlich im FC-St.-Pauli-Pullover. «Der Club übernimmt viel soziale Verantwortung in Hamburg und unterstützt finanziell zahlreiche Projekte in St. Pauli. Das gefällt mir», sagt er.
Auch der Verein «9ZÄ10 St. Pauli» lebt diese soziale Verantwortung. Beispielsweise mit dem Projekt «Die grüne Hölle», wo im März 2022 bei einem Waldstück in Kemptthal 5700 Bäume als Massnahme gegen den Klimawandel gepflanzt wurden – die Bäume wurden verkauft, ein Teil des Erlöses floss direkt in ein Sozialprojekt des FC St. Pauli. «Über unser Projekt gab es einen Bericht im offiziellen Magazin des FC St. Pauli», erinnert sich Bänninger. Und der Fanclub unterstützt als Sponsor die Aktion Duschbus, der vor Ort bei Bedürftigen wie Obdachlosen dafür sorgt, dass sie eine warme Dusche nehmen können.

Bei den Spielen sitzen die Schweizer Fans jeweils im Ballsaal – einem VIP-Bereich auf der Haupttribüne. «Wir gönnen uns an den Spieltagen einen gewissen Luxus. Wir fliegen nach Hamburg und übernachten in einem guten Hotel», verrät der Fanclub-Präsident.
«Die Stimmung an den Heimspielen am Millerntor ist einzigartig», erklärt Roger Müller aus Effretikon. Der 61-Jährige ist auch grosser Eishockeyfan und war lange beim EHC Illnau-Effretikon im Vorstand tätig. Vor und nach den Spielen werde die Geselligkeit gepflegt. «Auch mit vielen Hamburgern, die uns Schweizer inzwischen gut kennen.»
Der FC St. Pauli spiele noch wirklichen Fussball. Geordnet und direkt nach vorne. «Der Club hat kein Geld für grosse Stars. Aber hier in unserem Fanclub geht es nicht um die Spiele als solches. Es geht um die Freundschaften, die wir pflegen. Wir verbringen gerne Zeit zusammen», schwärmt Hans Bänninger (71), der wie viele in der Runde auch ZSC-Fan ist. Urs Fischer jetzt als Trainer – das wäre eigentlich optimal gewesen, analysiert Hans Bänninger. Doch der ex-FCZler steht bekanntlich neu beim Ligakonkurrenten Mainz 05 an der Seitenlinie.
«In diesem Jahr wird es schwierig, die Klasse zu halten», meint Robert Bammatter (64), «es fehlt vorne ein Goalgetter.» Denn die Paulianer schiessen einfach zu wenig Tore. «Der Fussball in Deutschland ist rauer als bei uns – aber gleichzeitig ist die Fankultur in Hamburg unglaublich friedlich. Das beeindruckt mich», erzählt der Adliswiler.
Eigentlich sei er seit Kindheit Fan des FC Bayern München, verrät Hans-Peter Felder (66). «Aber der FC St. Pauli hat einfach das gewisse Etwas. An den Spielen herrscht einfach eine einzigartige Stimmung unter den Fans.»
Zum Schluss bittet Präsident Rolf Bänninger, der eine offizielle Lizenz zum Verkauf von Fanartikel des FC St. Pauli besitzt, nach draussen auf den «Hörnli»-Parkplatz. Aus dem Kofferraum holt er eine Schablone und einen wasserlöslichen Spray. Schnell sprayt er den «Pauli-Totenkopf» auf den Asphalt.
Das ist es wieder: Der unübersehbare Hinweis, dass der Club unweit der legendären Vergnügungsmeile Reeperbahn etwas anders ist als die andern.