Warum dauerte es so lange, bis Muriel Furrer gefunden wurde?
Tragödie ohne Zeugen
Ein schwerer Unfall in einem kurvenreichen Waldstück. Eine Bergung, die spät kam. Der Tod der Egger Rad-Juniorin an der WM in Zürich wirft auch Tage danach Fragen auf.
Am Sonntag schien an der Rad-WM endlich die Sonne – und trotzdem lag ein Schatten über dem Sportfest. Der tragische Tod der 18-jährigen Nachwuchsfahrerin Muriel Furrer am Freitag hat längst nicht nur Radsportfans erschüttert.
Es bleiben drängende Fragen: Wie kann es sein, dass eine Teilnehmerin lebensgefährlich stürzt, ohne dass dies gleich bemerkt wird? Weshalb fuhr das Feld der Teilnehmerinnen mit dem ganzen Begleitpulk auf einer zweiten Runde an der Unfallstelle vorbei, ohne auf die Schwerverletzte aufmerksam zu werden?
Und schliesslich: Warum wurde Muriel Furrer mutmasslich erst nach über einer Stunde von der Rettungsflugwacht ins Unispital geflogen, wo sie dann am Freitag einem Schädel-Hirn-Trauma erlag?
Die Organisatoren des Radsport-Weltverbands UCI und das lokale Organisationskomitee verweisen bei all diesen Fragen auf die Staatsanwaltschaft und die Kantonspolizei, die die Vorgänge untersuchen. Diese haben bis am Sonntagabend keine neuen Erkenntnisse bekannt gegeben.
Sie fehlte schon bei der Zwischenzeit
Eine Rekonstruktion des Geschehens vom Donnerstag gibt aber Hinweise darauf, was passiert sein könnte.
Um 10 Uhr startet in Uster das Feld der U-19-Juniorinnen aus der ganzen Welt. Muriel Furrer trägt die Startnummer 84. Es ist ihr letztes Rennen in dieser Saison und gleichzeitig der Höhepunkt.
Das Rennen führt über 73,6 Kilometer von Uster einmal über den Greifensee Loop und dann zweimal über den City Circuit der Radweltmeisterschaften in Zürich. Furrer wohnt keine zehn Kilometer entfernt vom Start in Egg. Sie kennt die Strecke gut.

Nach einer guten Stunde, um 11.09 Uhr, überqueren die vordersten Fahrerinnen zum ersten Mal die Ziellinie auf dem Sechseläutenplatz in Zürich. Die Auswertung des Weltradsportverbands zeigt im Nachhinein, dass Muriel Furrer schon dort fehlt: Ihr Transponder wird auf der Ziellinie nicht registriert.
Der Transponder ist ein Chip, den Furrer wie alle anderen Teilnehmerinnen zur Zeitmessung trug.
Fröhliche Siegerehrung
Nach der zweiten Runde trifft um 11.54 Uhr Cat Ferguson, die Siegerin des Rennens, am Ziel ein. Kurz darauf findet bereits die fröhliche Siegerehrung statt. Von einem Unfall ist nicht die Rede.
Kurz darauf, um 12.15 Uhr, starten die Teilnehmer eines Paracycling-Rennens, das ebenfalls auf dem City Circuit durchgeführt wird. Offensichtlich ist der Rennleitung nicht bekannt, dass sich ein Unglück ereignet hat, sonst hätte sie das Rennen auf derselben Strecke kaum gestartet.
Erst als die Paracycling-Rennfahrer um etwa 12.45 Uhr ein Waldstück zwischen Zumikon und Küsnacht passieren, gibt es Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Fernsehbilder zeigen Streckenposten, die den Teilnehmern signalisieren, ihr Tempo zu reduzieren. Auf der Strasse stehen Polizeiautos und eine Ambulanz.

Später wird klar: An dieser Stelle liegt Muriel Furrer schwer verletzt im Unterholz. Die Unfallstelle befindet sich ungefähr bei Kilometer 37 des Rennens.
Ein Abgleich der Start- und Zwischenzeiten zeigt, dass das Feld der Fahrerinnen zwischen 10.55 Uhr und 11.05 Uhr die Stelle passiert haben muss.
Schnelle Versorgung ist lebenswichtig
Erst um 12.52 Uhr landete ein Helikopter der Rega neben der Unfallstelle, um Furrer ins Spital zu fliegen, wie die NZZ berichtete. Es dürften also rund zwei Stunden zwischen Unfall und Bergung vergangen sein. Dabei ist bei einem Schädel-Hirn-Trauma eine schnelle Versorgung überlebenswichtig.
Später sagt Olivier Senn, der WM-Rennleiter, in einem Interview auf SRF, seines Wissens habe niemand den Sturz gesehen. Wer die Verunfallte doch entdeckte und wann diese Person Alarm schlug, konnte Senn nicht sagen. Nur dies: «Ab der Alarmierung hat alles hervorragend funktioniert.»
Aber: Wie konnte es sein, dass keine der 119 anderen Teilnehmerinnen den Unfall bemerkte? Und auch niemand im grossen Begleittross?
Auch dafür geben die Zwischenzeiten Hinweise: Am Sechseläutenplatz bei der ersten Zeitnahme vergehen zwischen der Durchfahrt der ersten und der letzten Fahrerin 24 Minuten. Das Feld ist also weit auseinandergerissen. Die Teilnehmerinnen sind teils in Gruppen unterwegs, teils aber auch einzeln. Die Abstände betragen wenige Sekunden bis Minuten.
Rennstrecke ist eng und kurvenreich
Die Unfallstelle befindet sich auf der Schmalzgruebstrasse. Diese führt kurvenreich abwärts durch dichten Wald. Die Sicht reicht deswegen zum Teil nur wenige Dutzend Meter bis zur nächsten Kurve.
Streckenposten sind dort am Donnerstag gemäss Fernsehbildern nur wenige platziert.
So reichen unter Umständen schon wenige Sekunden Abstand, dass eine Fahrerin, die allein unterwegs ist, unbemerkt stürzen und neben der Strecke liegen bleiben kann – wegen des dichten Unterholzes unsichtbar für nachfolgende Teilnehmerinnen und Begleitpersonen.

Hätte aber die Rennleitung dank der heute üblichen technischen Hilfsmittel nicht früher feststellen müssen, dass eine Fahrerin fehlt?
Laut Radsportfachleuten fahren zwar viele Athletinnen und Athleten mit GPS-Trackern. Diese Velocomputer geben aber die Position nicht in Echtzeit weiter an die Team- oder Rennleitungen. Solche Systeme wären schwer und teuer, sie sind im Radsport nicht üblich.
Ohne Funk unterwegs
Bei Nachwuchsrennen haben die Athletinnen und Athleten auch keine Funkgeräte dabei, wie man sie etwa von der Tour de France her kennt. Bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sind sie ohnehin nicht erlaubt.
Falls Muriel Furrer also einen GPS-Tracker bei sich hatte, kann er jetzt erst von den Untersuchungsbehörden ausgewertet werden. Damit bleibt vorderhand unklar, wann genau sich der Unfall ereignete. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat noch nicht bekannt gegeben, wann sie über den Unfallhergang informiert.
Viele quälende Fragen zum Tod von Muriel Furrer – sie bleiben offen.