Von den Kesselflickern zu den Sanitär-Brüdern
Die Schaukelbadewanne sticht einem sofort ins Auge. Sie steht auf dem Dachboden über der Werkstatt der Gebrüder Kessler AG in Grüningen. Ernst Kessler, Mitinhaber der Sanitärfirma, hat die Wanne nach alten Plänen rekonstruiert und nun mit anderen historischen Objekten zu einer Ausstellung arrangiert. Das kleine Museum wirft ein Schlaglicht auf die 125-jährige Firmengeschichte. Zu sehen gibt es unter anderem alte Badezimmerarmaturen, Wasserleitungen und Werkzeuge, die noch ohne Strom funktionieren. Alle Exponate hat der älteste der drei Kessler-Brüder vor der Müllkippe gerettet und sorgfältig in Stand gesetzt, um sie den interessierten Besuchern zu zeigen.
An den Gegenständen lässt sich nicht nur der technologische Wandel ablesen, sondern auch der Wandel des Berufsbildes. « Früher wurde noch alles geflickt, auch Pfannen und Töpfe » , sagt Ernst Kessler. Deshalb bezeichnete man die Spengler auch als Kesselflicker. Später kam der Begriff Installateur dazu, aus welchem sich der heutige Sanitärinstallateur als eigener Beruf entwickelte.
Auf Umwegen zur Sanitärfirma
Ihren Anfang nahm die Familiengeschichte jedoch nicht mit Pfannen und Kesseln, sondern mit Käse. So war es Heinrich Kessler, der mitten im Stedtli Grüningen eine Käsehandlung betrieb, aber auch Eier, Velos und vieles mehr verkaufte. Seine Söhne mussten sich zuerst zum Käser ausbilden lassen, bevor sie sich einem anderen Beruf zuwenden durften. Sohn Gustav handelte zwar weiter mit Käse, gliederte dem Geschäft aber 1896 eine Spenglerei an und gab 1906 den Käsehandel ganz auf. Sein Sohn Ernst Alfred Kessler wiederum erlernte den Spenglerberuf und übernahm 1924 das Geschäft, das nun eine Spenglerei und einen Sanitärteil umfasste. Nur zwei Jahre später sei Vater Gustav den « Spengler-Tod » gestorben, als er bei der Montage einer Regenrinne vom Dach stürzte, berichtet Ernst Kessler.
Ernst Alfred führte das Geschäft 40 Jahre lang weiter und baute vor allem den Sanitärbereich aus. « Die Wasserversorgung wurde im Stedtli erst in den zwanziger Jahren ausgebaut, es entstanden Hauszuleitungen und Badezimmer in den Wohnungen » , ist im Jahrheft Nr. 33 der Heimatschutzgesellschaft Grüningen nachzulesen. Im Jahr 1966 übergab Ernst Alfred Kessler das Geschäft seinem im Betrieb tätigen Sohn Ernst Oswald.
Ein Unglück kommt selten allein…
Wenige Jahre später ereilte die Familie ein schwerer Schicksalsschlag: Ernst Oswald Kessler verstarb 47-jährig an einem Herzklappenfehler und seine Witwe Balbina stand mit den vier Kindern Ernst, Doris, Marcel und Markus alleine da. « Ich war damals noch in der Lehre, und es war dann mein Grossvater, der mit 74 nochmals in die Überhose stieg und das Geschäft gemeinsam mit meiner Mutter weiterführte » , sagt Ernst Kessler.
Doch das sollte nicht das einzige Unglück bleiben. Ernst erkrankte an einem bösartigen Krebs, der ins Hirn streute. Erneut hielt die ganze Familie zusammen. Marcel stieg ins Geschäft ein, und als später Markus dazu kam, gründeten die Brüder die heutige Gebrüder Kessler AG. Während in den 90er Jahren Werkstatt und Betrieb nach Binzikon verlegt wurden, blieb das Haushaltswarengeschäft im Stedtli und fest in der Hand von Mutter Balbina Kessler. Sie verkaufte Pfannen, Nägel, Schrauben, Petrollampen, Guetzliformen und vieles mehr.
« Balbina war das eigentliche Familienoberhaupt und hat immer dafür geschaut, dass es allen gut geht » , sagt Markus Kessler heute. Sie sei für die Administration, den Haushalt und die Kinder zuständig gewesen und habe immer das gemeinsame Mittagessen gekocht. An diesen Mittagstischen halten die Brüder und ihre Familien bis heute fest, was auch den starken Familienzusammenhalt erklärt.
« Gewandelt haben sich nicht nur die Materialien, sondern auch die Kundschaft .»
Ernst Kessler, Mitinhaber Gebrüder Kessler AG
Während sich Ernst Kessler heute vermehrt in der Werkstatt aufhält und das Museum betreut, stellen sich Marcel und Markus den neuen Herausforderungen in der Sanitärbranche. « Gewandelt haben sich nicht nur die Materialien, sondern auch die Kundschaft » , sagt Markus Kessler. Während man früher mit Eisen, Blei und Kupfer schraubte, goss und lötete, werden heute vor allem Kunststoffwerkstoffe, teils in Verbindung mit Edelstahl und Aluminium, mit schnellen Steck-, Press- oder Schweissverbindungen verarbeitet.
Badezimmer als Wellness-Oase
Gestiegen seien vor allem die Ansprüche an die Badezimmer. Während man früher ein bis zwei Modelle eines Wasserhahns zur Auswahl hatte und überhaupt froh war, ein Bad zu haben, betrachten viele das Bad heute als Wellness-Oase. Bei der Umsetzung von Kundenwünschen stehen langlebige Materialien, ein guter Unterhalt und ein möglichst geringer Reinigungsaufwand im Vordergrund, sagt Markus Kessler. « Daher machen wir auch auf Problempunkte wie Verkalkung, mangelnde Flexibilität von Unterputzsystemen oder die heute geringere Spülwassermenge aufmerksam. »
Gerade bei den Toiletten habe es viel Innovation gegeben. Heute werde in der Sanitärtechnik viel Wert auf einen nachhaltigen Einsatz von Ressourcen gelegt, sprich: Wassersparen und Energieeffizienz. Auch die Sicherstellung der Wasserqualität und Hygiene sei ein zentrales Thema.
« Vielleicht werden wir uns ein bisschen verkleinern, aber die Verankerung im Dorf bleibt bestehen. »
Urs Kessler, Mitarbeiter Gebrüder Kessler AG
Ebenfalls im Geschäft engagiert sind Peter und Urs Kessler, die Söhne von Ernst. Weiter kann auch Lukas, der Sohn von Markus, dazukommen. Alle sind ausgebildete Sanitär-Installateure, Meister oder Techniker, und wollen das Geschäft, wenn die Zeit gekommen ist, im Sinne der Familie weiterführen. « Vielleicht werden wir uns ein bisschen verkleinern, aber die Philosophie und der Fokus auf die Verankerung im Dorf bleiben bestehen. »
(Martina Gradmann)
Sanitärtechnik im Wandel
Das private Museum über die Geschichte der Sanitärfirma Gebrüder Kessler AG befindet sich auf dem Dachstock über der Werkstatt in der Binzikerstrasse 82, Grüningen. Wer sich die Ausstellung ansehen will, wendet sich an Mitinhaber Ernst Kessler unter info@kessler-gk.ch. zo