Von Bauma auf den Weltmarkt
100 Jahre Wolfensberger AG
Warum sind Schachtdeckel rund? Und wo findet man Bauma im Zoo Zürich? Antworten gibt die Wolfensberger AG.
100 Jahre ist es her, als Jakob Wolfensberger aus Zürich nach Lipperschwendi bei Bauma zieht und in der Finsternau eine kleine Giesserei mit zwei Angestellten aufbaut. Sein wichtigstes Produkt sind Bremsklötze aus Grauguss für die SBB und die Zürcher Strassenbahn. Grauguss ist ein Eisenwerkstoff, der einen hohen Anteil an Grafit (Kohlenstoff) aufweist und dadurch seine charakteristische graue Farbgebung annimmt.
Der Werkstoff ist hart und spröde, weist aber eine gute Wärmeleitfähigkeit, vorteilhafte Dämpfungseigenschaften und eine ausgezeichnete Druckfestigkeit auf. Die daraus gegossenen Bauteile haben einen sehr geringen Verschleiss – ein ideales Material für Bremsklötze, die alles dürfen, nur nicht kaputtgehen.
Wolfensberger gilt als fleissig und ideenreich, aber auch als hart und stur. Und er hat einen potenten Unterstützer. Jacques Jucker, früherer Schuldkamerad und Besitzer der Weberei Grünthal in Juckern, hilft ihm, im Jahr 1926 die ehemalige Walzmühle in Bauma zu kaufen. Wolfensberger beschäftigt zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Angestellte.
> > Lesen Sie hier das Interview mit Wolfensberger-Eigentümer André Masuhr.
Das Areal an der Bäretswilerstrasse ist bis heute Standort der Giesserei, das heutige Werk 1. Jucker sollte seinem Schulfreund auch in der Folge immer wieder Darlehen gewähren, wenn es eng wird.
1929 beginnt Wolfensberger, für die bekannte Traktorenfabrik Bührer in Bäretswil und Hinwil zu produzieren, er stellt Gussrahmen, Hinterachsen, Wasserkühler und Stollenräder her.
Erfolg mit der Wolf-Schwinge
In den 1930er Jahren erfindet er die sogenannte Wolf-Schwinge. Die Waschzentrifuge, die vielen Hausfrauen das Trocknen der Wäsche erleichtert, wird zum Erfolg. Noch heute sieht man sie ab und zu in Gärten stehen – formschön und zweckentfremdet als Blumentopf. In Kombination mit der Zentrifuge sorgen Armaturen wie Wasserhähne, Ventile und Rohre für Umsatz.

Auch die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg können den Unternehmergeist von Jakob Wolfensberger nicht bremsen. Noch im Krieg baut er 1943 ein neues Ofenhaus mit Setzboden und Lagerplatz, das heute als älteste Bausubstanz im Werk 1 noch vorhanden ist.
Auf den Rohstoffmangel im Krieg reagiert er, indem er den gebrauchten Sand sieben lässt und so Eisen zurückgewinnt. Wegen Mangel an Kohle schafft er einen Elektro-Lichtbogen-Ofen an. Mittlerweile 50 Mitarbeitende stellen im Recyclingverfahren Schachtdeckel und Bremsklötze her.

Per 1. Januar 1946 wird die bisherige Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Wolfensberger AG, Eisengiesserei, Bauma. Die Auftragsentwicklung ist erfreulich, und Wolfensberger sucht dringend nach Mitarbeitern: Im Jahr darauf kommen die ersten Gastarbeiter aus Italien nach Bauma.
Wohnungen für die Angestellten und eine zweite Säule
Wegen der Wohnungsknappheit beginnt der Patron, Häuser für seine Angestellten zu bauen. Früh führt er auch eine zweite Säule für seine Angestellten ein. «Wir wissen auch, dass einer seiner Angestellten ein Kind mit einer Behinderung hatte und Wolfensberger ein Drittel der Kosten für die Pflege übernahm», sagt der Historiker Wolfang Wahl, der eine Biografie über Jakob Wolfensberger verfasst hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg lässt er viele Hilfspakete nach ganz Europa schicken oder nimmt Ferienkinder aus dem Ausland auf.

Jakob Wolfensberger ist ein Patron alter Schule: grosszügig, wenn er es sich leisten kann, aber unnachgiebig im Geschäftsleben. Widerspruch duldet er nicht, auch nicht von seinen fünf Söhnen und drei Töchtern. Die Töchter müssen allesamt Handarbeitslehrerinnen werden, die Söhne in die Firma einsteigen.
1954 wird die Produktion teilweise mechanisiert: Die «Standbahn» wird eingeführt, eine Art Fliessband und eine Pionierleistung in der Branche. Drei Jahre später kommt ein nächster wichtiger Schritt: Wolfensberger richtet ein analytisches Labor ein. Damit kann eine erstklassige Qualität gewährleistet werden.
1963 wird die erste Induktionsofenanlage installiert. Sie läutet das Ende des mit Koks beschickten Kupolofens ein. Aus dem Gewerbebetrieb ist in der Zwischenzeit eine moderne Industrieunternehmung mit 150 Mitarbeitenden geworden.
Die Söhne modernisieren und spezialisieren das Familienunternehmen – zum Missfallen des Patrons. Heute ist klar, dass die Abkehr von der Massenproduktion und die Entwicklung des Spezialgusses das Überleben der Wolfensberger AG bis in die Gegenwart sichern.
Auch als längst seine Söhne am Ruder sind, lässt sich der Gründer immer wieder in den Produktionshallen blicken. «Wenn die Arbeiter von Weitem das ‹Tock, tock, tock› seines Gehstocks hörten, sind sie vor Schreck erstarrt», erzählt Historiker Wahl. 1971 stirbt Jakob Wolfensberger.
Stahlguss und neue Produktionsverfahren
1978 beginnt eine neue Ära in der Wolfensberger AG: der Stahlguss. Stahl ist eine Legierung aus Eisen, Kohlenstoff und weiteren Metallen. Diese Legierungselemente verleihen dem Stahl verschiedene Eigenschaften wie Härte, Korrosionsbeständigkeit und Wärmeleitfähigkeit.
1984 wird das sogenannte Unicast-Verfahren in Lizenz eingeführt. Das Verfahren erlaubt es, mithilfe von keramischen Formen beispielsweise Düsenringe für Turbolader von Schiffsdieselmotoren oder Retarder für Nutzfahrzeugbremsen extrem exakt zu giessen.
Wolfensberger entwickelt das Verfahren weiter und perfektioniert es zu Exacast. Es bietet die Möglichkeit, bei gleicher Präzision Formen bis zu 400 Kilogramm herzustellen, sowohl in kleinen Losgrössen als auch als Serienteile bis zu 30’000 Stück pro Jahr. Das Exacast-Verfahren ist so präzise, dass auf eine mechanische Weiterbearbeitung nach dem Guss weitgehend verzichtet werden kann.
Im Jahr 1997 wird die Wolfensberger Beteiligung AG gegründet. Dadurch lassen sich die Beteiligungen (Giesserei, Verschleisstechnik) und die Liegenschaftenverwaltung besser trennen. 2003 entsteht das Werk 2 für Zerspanungstechnik an der Bliggenswilerstrasse in Bauma, einige 100 Meter vom Werk 1 entfernt. Beim Zerspanen beziehungsweise der Zerspanung werden Werkstücke erzeugt, indem überschüssiges Material in Form von Spänen von einem Rohteil abgetragen wird. Die wichtigsten zerspanenden Verfahren sind das Drehen, Bohren, Fräsen und Schleifen.
2008 erzielt die Wolfensberger AG ihren Höchstumsatz von 82 Millionen Franken, sie beschäftigt mehr als 300 Mitarbeitende.
Die Gründerfamilie zieht sich zurück
2017 gibt die Gründerfamilie die Firma in neue Hände, zuerst in eine Beteiligungsgesellschaft in München, ehe im Jahr 2021 der deutsche Industrielle André Masuhr das Unternehmen erwirbt. Masuhr ist ein Spezialist für Prozessoptimierung und Automatisierung. Als Werk 3 wird die Wolfensberger GmbH in Neunkirchen im deutschen Bundesland Saarland gegründet. Hier lässt der neue Besitzer Gussteile putzen, strahlen, schweissen, prüfen, sortieren, montieren und verpacken.
Aktuell beschäftigt die Wolfensberger AG in Bauma rund 190 Mitarbeitende und ist damit eine der grössten Giessereien der Schweiz. Die Firma bildet weiterhin Lernende zu Polymechanikern, Produktionsmechanikern und Gusstechnologen aus, damit sie auch in einem herausfordernden Umfeld eine Zukunft hat.
Und weil Sie bis hierher durchgehalten und gelesen haben, haben Sie sich auch die Antworten auf die beiden eingangs gestellten Fragen verdient.
Warum also sind Schachtdeckel rund? Das hat mehrere Gründe. Einerseits kann ein runder Schacht den seitlichen Druck des Erdreichs besser abstützen. Ausserdem ist ein runder Kanaldeckel immer grösser als der Schacht und kann deshalb nicht in diesen hineinfallen, wenn er verrutscht. Und: Einen runden Deckel kann man rollen und muss ihn nicht tragen.

Wieso findet man Bauma im Zoo Zürich? Der frühere Zoodirektor Alex Rübel hatte die Idee, den Zoo zoogeografisch zu organisieren und die Tiere, so gut wie möglich, gemäss ihren natürlichen Vorkommen auf den Kontinenten auch im Zoo zu platzieren. Seither zeigen halbrunde Reliefplatten den Zoobesuchenden, auf welchem Erdteil sie sich gerade aufhalten. Die ersten Platten hatte noch die Giesserei Oederlin in Rieden AG gegossen, die 2015 stillgelegt wurde. Seither kommen neue Platten oder auch Nachgüsse aus Bauma. Die Platten werden aus rost- und säurebeständigem Stahl hergestellt, die Legierung enthält auch Chrom, Nickel und Molybdän.
