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Vom Schuldenmachen und klugen Investieren

Schulden sind nicht per se schlecht, sagt Usters Finanzvorsteher Cla Famos – aber sie müssen massvoll sein und Mehrwert schaffen.

«Mit Schulden wird oft Mehrwert geschaffen», sagt Cla Famos und sieht Analogien zum Orakel von Delphi.

Bildkombo: ZOM/Pixabay

Vom Schuldenmachen und klugen Investieren

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Schulden sind nicht per se schlecht, sagt Usters Finanzvorsteher Cla Famos – aber sie müssen massvoll sein und Mehrwert schaffen.

Zu hohe Schulden haben schon viele um den Schlaf gebracht. Schon im alten Griechenland warnte das Orakel von Delphi die Menschen vor den Tücken der Überschuldung: «Bürgschaft bringt Unheil!» war einer von drei Sprüchen auf einer Eingangssäule zum Apollo-Tempel. Delphi war zwar kein Finanzorakel – trotzdem trifft es hier ins Schwarze: Dass wir uns als Private wie auch als Gemeinwesen nicht überschulden sollten, dem werden wohl alle zustimmen.

Natürlich: Am besten macht man gar keine Schulden. Aber so einfach ist es meistens nicht. Denn Schulden sind eben auch ein gutes Mittel, um Vermögen aufzubauen: Ein Ehepaar, das für ein Haus spart, nimmt sinnvollerweise eine Hypothek auf. Denn sonst könnten sie das Haus vielleicht erst beziehen, wenn sie es gar nicht mehr bräuchten. Und zudem erhalten sie mit dem Haus ja auch einen realen Gegenwert.

Gleiches gilt für staatliche Stellen. Auch sie schaffen mit Schulden oft Mehrwert in Form von Infrastrukturen, Strassen, Tunnels oder Gebäuden. Richtig eingesetzt, ermöglichen Investitionen langfristigen Wohlstand und finanzielle Sicherheit.

Wer in der Antike vor der besagten Säule in Delphi stand, las noch einen zweiten Spruch, den berühmtesten von den dreien: «Gnoti sauton – erkenne dich selbst!» Wie recht das Orakel doch auch hier hat: Nur wer sich nicht selbst überschätzt, entgeht der Gefahr, sich in zu grosse Schulden zu stürzen.

Die Gefahr von Schulden lauert in der Überschuldung, und diese Gefahr ist sehr real. Als Finanzvorstand der Stadt Uster habe ich in den letzten zwölf Jahren sehr konkret mit diesem Thema zu tun gehabt. Denn die Stadt Uster hat in den letzten Jahren ihre Verschuldung markant erhöht.

Aber sie hat dabei auch neue Infrastruktur und Werte aufgebaut: Das Hallenbad erstrahlt in neuem Glanz, das Stadthaus West wurde renoviert und aufgestockt, und schon bald wird das Kultur- und Kongresszentrum das Zeughausareal zu einem hoffentlich pulsierenden gesellschaftlichen Treffpunkt machen. Das alles sind Werte, die den Standort Uster in seiner Attraktivität stärken und dank höheren Steuereinnahmen dann auch finanzierbar sind.

Klug gehandhabt, können Schulden somit einer Stadt auch einen Mehrwert bringen. Aber wie viele Schulden kann sich eine Stadt genau leisten? Dazu gibt es zwar verschiedenste Kennzahlen – aber eine genaue Grenze kann niemand exakt ziehen.

Und genau deshalb sind Schulden auch so gefährlich. Ob sie zu hoch waren, weiss man oft erst, wenn es schon zu spät ist, wenn die Überschuldung von aussen festgestellt wird und die Banken oder Gläubiger ihr Geld zurückfordern.

Gerade deshalb ist es so entscheidend, vorsichtig und massvoll vorzugehen und Sicherungen einzubauen. Die Schweiz steht nicht zuletzt deshalb wirtschaftlich so gut da, weil sie 2003 per Volksabstimmung eine Schuldenbremse in die Verfassung eingefügt hat (Art. 128 BV) – das grosse Verdienst von alt Bundesrat Kaspar Villiger.

Sie fragen sich nun sicher: Was war denn der dritte Spruch des Orakels von Delphi? Nun – auch der passt hervorragend: «Nichts im Übermass!» Schulden sind ein gutes Mittel für den Vermögensaufbau und können helfen, wertvolle Infrastrukturen aufzubauen. Aber im Übermass führen sie Private wie ganze Staaten in den Ruin. Wann das Übermass beginnt, das sagt uns das Orakel wohlweislich nicht (sonst wäre es wohl kein so berühmtes Orakel geworden!), sondern überlässt es unserer Lebensklugheit.

Im Privaten können wir mit vorsichtigen Haushaltbudgets und einer konsequenten finanziellen Zurückhaltung unser Schicksal selbst bestimmen. In unserer politischen Gemeinde haben wir da nur einen begrenzten Einfluss – aber den sollten wir umso entschlossener wahrnehmen! Zum Beispiel, indem wir uns an den Wahlen aktiv beteiligen und Politikerinnen und Politiker wählen, welche sich der Investitions- und Schuldenthematik verantwortungsvoll annehmen.


Cla Famos (FDP) ist Vizepräsident und Finanzvorsteher im Stadtrat von Uster. Er hat evangelische Theologie studiert und in Rechtswissenschaften doktoriert. Er lehrt an der Universität Zürich als Titularprofessor im Bereich der Praktischen Theologie.

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