«Uster wäre die ideale Stadt für ein Jugendparlament»
Politik mal einfach
Junge interessierten sich zu wenig für Politik – das müsse man ändern, finden eine Landschaftsarchitektin und ein junger Politiker.
Die Landschaftsarchitektin Aude Ratia und der Gemeinderat Lukas Adam (Grüne) brennen für eine Sache: Sie wünschen sich ein Jugendparlament für Uster. «Denn immer mehr Ältere gehen an die Urne und stellen damit die Weichen in der Politik», sagt Adam. Er fragt sich, wie fair das für die Jungen ist – und wie man das ändern könnte.
Jüngere stimmen weniger ab, das zeigen Zahlen des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente (DSJ) anhand der Ergebnisse der letzten Parlamentswahlen von 2023: In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen beteiligten sich nur 29 Prozent – der tiefste Wert seit 1999. Bei den 65- bis 74-Jährigen liegt die Beteiligung hingegen bei 61 Prozent. Der aktuelle Wähleranteil spricht damit Bände.
Eine Studie zu den Jugendparlamenten
Den Anstoss, das Thema in Uster auf den Tisch zu bringen, gab Aude Ratias Masterarbeit. Die 44-Jährige hat sich in ihrem Masterstudium an der ZHAW eingehend mit dem Thema Jugendparlamente beschäftigt. Ihre Abschlussarbeit trägt den langen Titel «Partizipation für die Ustermer Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Eine Analyse der Voraussetzungen für die Einführung eines Jugendparlaments».
Darin untersucht Ratia fünf Städte von einer ähnlichen Grösse wie Uster: Baden AG, Horgen, Köniz BE, Thun BE und Wil SG. Diese fünf verfügen bereits über ein Jugendparlament.


Mit seinen 23 Jahren ist Adam der jüngste Parlamentarier in Uster. Er sitzt seit 2024 für die Grünen im Gemeinderat. Die Begeisterung für Politik entdeckte er schon als Teenager, als ihn sein älterer Bruder an eine Session des Jugendparlaments Kanton Zürich mitnahm.
Seit diesem Frühjahr engagiert er sich im Vorstand des Jugendforums Zürcher Oberland. Nun will er das Anliegen in die Stadt und auf eine nächste Ebene bringen – mit stärkerer Unterstützung durch die öffentliche Hand. Denn das Jugendforum allein sei nicht genug: «Es braucht mehr Kapazitäten, sprich mehr Ressourcen.» Das bestehende Jugendforum ist als Verein organisiert und erhielt von der Stadt Uster eine einmalige Starthilfe von 3000 Franken.
Darum braucht Uster ein Jugendparlament
«Nicht nur in Uster, eigentlich braucht es solche Möglichkeiten überall», sagt Ratia. Kinder und Jugendliche sollten eine Plattform bekommen, wo sie ihre Themen diskutieren und ihre Interessen einbringen könnten. Besonders in der Stadtentwicklung sei das wertvoll, zum Beispiel, wenn es um einen Pumptrack gehe oder um die Gestaltung eines neuen Jugendtreffs.
Adam ergänzt: «In der Politik geht es immer um die Zukunft. Da sollten jene mitbestimmen, die die längste Lebenszeit noch vor sich haben.» Uster bringe dafür gute Voraussetzungen mit – unter anderem, gerade weil es schon ein Jugendforum gebe. «Es wäre einiges an Struktur schon da», sagt Ratia.
Zudem sei es schon so, dass sich zu wenige Jugendliche von der Politik angesprochen fühlten. Das soll sich ändern. Dafür brauche es einen Anstoss. «Motivation läuft oft über den Kollegenkreis, aber auch über die Schule», erklärt Ratia. Da punkte Uster, weil es neben der Sekundarschule auch über ein Gymnasium verfüge und damit über eine vielfältige Bildungslandschaft. «Entscheidend ist, ob Lehrpersonen politische Themen aufgreifen – was vielerorts leider zu kurz kommt.» In der Bildung gebe es also noch Luft nach oben.
So funktioniert ein Jugendparlament
Eine einheitliche Schweizer Regelung gibt es nicht. «Oft treffen sich Jugendliche einmal im Monat, diskutieren ihre Themen und werden dabei von einer Fachperson aus der Jugendarbeit begleitet», erklärt Adam. Ein formales Parlament hingegen mit Fraktionen, Kommissionen und Sitzungssaal werde dagegen selten nachgestellt.
Wichtig sei die Diversität der Jugendlichen. «Da müssen nicht alle aus dem Gymi sein und einen Schweizer Pass haben», betont Ratia. Ebendiese Vielfalt sei erwünscht, so könnten die Teenager ihre unterschiedlichen Lebensrealitäten einbringen und ihre Standpunkte verteidigen lernen.
Die Resultate können beispielsweise mittels Jugendvorstössen in die Politik eingebracht werden – ein offizieller Weg, Anliegen von Jugendlichen in Gemeinderat oder Verwaltung einzubringen. Das Instrument des Jugendvorstosses wäre theoretisch auch jetzt schon möglich – ohne Jugendparlament. Interessanterweise wurde in Uster dieses Instrument bisher noch nie genutzt. «Es braucht Anleitung – denn das Wissen darum ist nicht vorhanden», betont Ratia.
Dabei würde es reichen, wenn 20 Teenager diesen Vorstoss einreichten – die Grösse einer Schulklasse also. Adam ergänzt, dass Jugendliche bei Annahme eines solchen in den Gemeinderat eingeladen würden, um ihre Anliegen da zu teilen. «Natürlich könnte das auch ein Hindernis sein, vor so vielen Menschen zu sprechen.»
Die Jugendkonferenz der Stadt Zürich sei da ein gutes Beispiel: Dort würden jedes Jahr zahlreiche Jugendvorstösse eingereicht, erzählt Adam. Damit werde etwas bewegt. Auffallend viele Themen stammen aus der Lebensrealität der Jugendlichen. Diese sind in der Stadt an der Limmat: «weniger Papier an Schulen», «nie mehr frieren in der Pause» oder «bessere Kommunikation zwischen Schülern und Lehrpersonen». «In Uster jedoch passiert bisher gar nichts. Das erstaunt mich schon», sagt Adam.
Das ist der Unterschied zwischen Jugendparlament und -forum
Für Adam ist das in erster Linie eine Frage der Institutionalisierung – und der Professionalität. Ein Jugendparlament sei anders als ein ehrenamtlich geführtes Jugendforum. Es sei in den politischen Betrieb eingebettet und verfüge über klarere Strukturen.
Wie soll ein Jugendparlament betreut werden?
Der Jungpolitiker und die Planerin sind sich einig. Es braucht Personal aus der offenen Jugendarbeit. Das sei besser, als Personal aus der Verwaltung damit zu beauftragen. «Die Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter wissen, wie sie die Teenager abholen können», so Ratia.
Sie schaut in ihrer Masterarbeit die genauen Zahlen nach: «Vom Aufwand her würden rund 10 bis 15 Stellenprozente genügen.» Und was, wenn die zuständige Person das politische Vokabular nicht perfekt beherrscht? «Entscheidend ist die Begleitung – das Fachwissen kann im Rahmen der Zusammenarbeit wachsen.»
Das sind die Stolpersteine
Noch stehen die Initianten vor denselben Hürden wie viele andere Vereine: zu wenige Ressourcen, zu wenige Kapazitäten. «Wenn das Ganze eine gewisse Regelmässigkeit und eine fixe Ansprechperson bekäme, wäre das sehr wünschenswert», sagt Ratia. Eine Institutionalisierung durch die Stadt könnte der entscheidende Schritt sein – hin zu einer echten politischen Partizipation der jungen Generation in Uster.
Es gab schon einmal ein Jugendparlament in Uster
In Uster gab es schon einmal ein Jugendparlament (Jupa) – und es scheiterte an den sinkenden Mitgliederzahlen. 2001 wurde es eingestellt, nachdem die Anzahl der «Jugendparlamentarier» auf sieben gesunken war. Als diese sieben eine Aktion zur Mitgliederwerbung starten wollten, wurden sie von der Verwaltung mit dem Hinweis gebremst, man solle besser erst die Strukturen klären.
Das Jupa Uster kämpfte mit einem grossen Problem, wie es ein Mitglied damals gegenüber dem «Tages-Anzeiger» schilderte: «Wollten wir etwas, mussten wir durch so viele Instanzen, dass es meist zu spät war.» Ob sich das – 24 Jahre später – verändert hat?