Unterwegs mit 3000 Motorrädern
Love Ride 2026
Am Sonntag fand in Dübendorf der Love Ride statt. Zum ersten Mal fuhr die Redaktion beim Ride-Out mit. Dabei wurde klar: Die Ausfahrt ist nicht nur für Töfffahrer ein Event.
Für eine Ausfahrt wird am Love Ride ziemlich viel gestanden. Nämlich auf einer Start- und Landebahn auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Dübendorf, zwischen Aberhunderten von Motorrädern. Die Cruiser, Nakedbikes, Reiseenduros und sogar einige Roller nehmen am vergangenen Sonntag mehrere hundert Meter Bahn in Beschlag.
Während die Töfffahrer, die beim Love Ride eine beeinträchtigte Person auf die Ausfahrt mitnehmen, bereits um 11 Uhr starten, geht es für die Motorräder, die am Ende der Bahn stehen, erst etwa eineinhalb Stunden später los. Bis dahin tummeln sich die Ledergilets, Halstücher und Bärte tragenden Fahrer zwischen den Gefährten, tauschen derbe Witze aus und lachen kehlig darüber.
Geldsorgen und viele Spenden
Jedes Jahr im Mai findet in Dübendorf der Benefizanlass Love Ride statt. An diesem wird Geld für muskelkranke und beeinträchtigte Menschen gesammelt. Das Highlight ist das sogenannte Ride-Out. Hier haben neben Tausenden Teilnehmern rund 267 Beeinträchtigte die Möglichkeit, als Beifahrer mitzufahren. Daneben fanden heuer eine Stuntshow, Auftritte mehrerer Livebands und eine Ausstellung für Motorradliebhaber statt.
An der 34. Ausgabe des Events haben rund 7500 Zuschauer teilgenommen, davon sind etwa 3000 am Ride-Out mitgefahren. Zusammen haben die Besucher etwa 250'000 Franken gesammelt, wobei laut den Organisatoren elektronische Zahlungen noch nicht abschliessend erfasst worden sind.
Der Fortbestand des Anlasses ist allerdings nicht gesichert. Bruno Leutwyler, der Leiter des Organisationskomitees, sagt: «Es könnte sein, dass der nächste Love Ride der letzte ist.» Das liege an der Schwierigkeit, genügend Sponsoren zu finden. «Wir werden aber alles daransetzen, um das zu verhindern.»
Die Teilnehmer des Ride-Outs, wie die Ausfahrt genannt wird, werden in Blöcke eingeteilt. Pro Block fahren rund 500 Motorräder gleichzeitig los. Dazwischen verstreicht jeweils Zeit, um den Verkehr im Zürcher Oberland nicht komplett mit Töffs zu überlasten.
Den richtigen Töff finden
Als es endlich losgeht, kommt Nervosität auf: Die Fahrer hasten zu ihren Gefährten – wenn sie sie finden, denn zwischen Hunderten Motorrädern ist das keine einfache Aufgabe –, ziehen Jacken, Handschuhe und Helme über und betätigen ihre Motoren. Ein tiefes, im Körper spürbares Brummen erhebt sich im Block.
Dann fahren Hunderte Motorräder gleichzeitig los, rund ein Dutzend in einer Reihe. Wie in einem Slalomkurs müssen die Fahrer den einsamen Töffs ausweichen, die auf der Bahn von vorherigen Blöcken zurückgelassen wurden.
Gleich darauf kommt der Tross vor dem gelben Starttor am Ende der Bahn wieder zum Halt, um auf das Okay der Ausfahrtsleitung zu warten. Auch das dauert wieder eine Weile, die Hitze des Asphalts und der laufenden Motoren lässt die Luft über der Gruppe flimmern. Aus dem Lautsprecher eines Cruisers tönt Rockmusik, und es wird gehupt – wie jeder weiss, lösen sich Staus so schneller.
Sich fühlen wie ein Star
Dann, fast zwei Stunden nach dem Start des Blocks mit den beeinträchtigten Beifahrern, geht es los. Menschen stehen am Strassenrand, kurz vor dem Einbiegen auf die Wangenstrasse wartet eine Gruppe Kinder. Eines nach dem anderen macht eine eindeutige Geste mit der Faust und Handgelenkschwung: Gas geben! Die Biker lassen sich natürlich nicht zweimal bitten. «Vroom, Vroooom!»
Als Erstes geht es in Richtung Wangen, vorbei an zahlreichen Gruppen, die winkend und lächelnd am Strassenrand stehen. Die Töfffahrer fühlen sich wohl wie Prominente – soweit das im verschwitzten Lederkombi und vom Motor durchvibrierten Körper möglich ist.
Weniger freundlich schauen die Polizisten, die die Strassen und Kreuzungen für den Tross sperren. Mit gewohnt seriösem Gesicht und in der Weste eingehakten Daumen stoppen sie Kolonnen von Autos, welche auf das Vorbeiziehen des Motorradzugs warten müssen.
Der grosse Block zieht sich immer mehr in die Länge, als es in Richtung Brüttisellen und anschliessend nach Effretikon geht. Zwei bis vier Motorräder fahren nebeneinander in einer Spur, entgegenkommende Velofahrer halten eingeschüchtert am Strassenrand. Geht die Tour unter einer Brücke durch, wird getan, was Töfffahrer dann halt tun: Motor aufheulen lassen!
Zuschauer an jeder Ecke
Nach Nürensdorf fahren sie im gemächlichen Tempo übers Land, vorbei an duftenden Rapsfeldern, grünen Wiesen und unbeeindruckten Kühen. Der laue Wind sorgt für angenehme Temperatur beim Fahren und vertreibt hin und wieder die Abgaswolke, die die Töfffahrer wie eine treue Begleiterin verfolgt.
Auch ausserhalb von Dübendorf nimmt die Zahl der Zuschauer keineswegs ab. Auf dem Land sieht man alle 100 Meter einen Sonnenschirm oder Campingstühle stehen, die Erwachsenen winken unentwegt, und die Kinder stehen am Strassenrand, um mit möglichst vielen Bikern abzuklatschen.
In den Dörfern wie Oberembrach, Äschau oder Pfungen versammeln sich ganze Gruppen, halten Schilder oder Windrädchen in die Höhe. Auf den Balkonen stehen die Omas und Opas und winken wie Adelige. Viele haben den Love Ride zum Anlass genommen, ein Familien- oder Firmentreffen abzuhalten. Auf den Festtischen erkennen die Töfffahrer im Vorbeifahren Nudelsalat, frischen Zopf oder Weisswein.
Trinken und winken
Die Fahrer, welche von der rund 60 Kilometer langen Ausfahrt eine Pause brauchen, können sich bei einer der Festwirtschaften ausklinken. In Eich bei Brütten hat der Verein Stallrock auf einem Hof sogar für das sogenannte Ride-Rock eine Band organisiert, bei der alten Brauerei in der Nähe von Weisslingen legt der DJ Üse auf.
«Wir müssen keine Werbung für diesen Anlass machen», sagt ein Wurstverkäufer vor der Brauerei. «Die Leute kommen sowieso.» Damit meint er nicht nur die Biker, sondern auch Schaulustige, die Most trinkend dem Töfftross zuwinken. Etwa die Hälfte der Einnahmen werde dann an den Love Ride gespendet.
«Ich fuhr seit der sechsten Durchführung praktisch jedes Jahr mit», sagt ein Mann, auf dessen Gilet «Harley» geschrieben steht. Einmal folgten er und seine Frau einem Aufruf im Radio, der Biker trotz dem Regen zur Teilnahme aufforderte. «Trotz anfänglicher Unlust haben wir die Regenkleider angezogen und sind mitgefahren.» Heute schauen die beiden trotz gutem Wetter aber nur noch vom Strassenrand zu.
«Ich fahre schon seit der ersten Durchführung mit», sagt ein Biker mit grauem Bart, ganz in schwarzes Leder gekleidet. Die zahlreichen Eintrittsbändeli am glänzenden Lenker seiner schweren Maschine zeugen davon.
«Es ist einfach toll», meint ein anderer, der mit einer Sportmaschine unterwegs ist, «wie einem die Menschen am Strassenrand zuwinken.» Eine Frau stimmt ihm zu: «Mir gefällt es, mit so vielen gleich eingestellten Menschen unterwegs zu sein.» Nach der Pause bei der alten Brauerei machen sich der bärtige Harley- und der Sporttöfffahrer auf, um wieder zum letzten Tross aufzuschliessen.