Wie Saland zum Mekka von Saab-Enthusiasten wurde
Eine Liebesgeschichte
Marcel Menzi war 21-jährig, als Saab 2011 in Konkurs ging. Heute ist der Automechaniker aus Saland weit über die Region hinaus als Spezialist der Kultmarke bekannt.
Diese Geschichte dreht sich um Automobile. Aber sie ist auch eine Liebesgeschichte – zugegeben, eine ziemlich klischeehafte, sehr männliche Lovestory. Es ist die Geschichte eines Elektronikers, der sein Herz verlor. An ein Auto.
Die Vorgeschichte
Die Erzählung beginnt im Jahr 2000, als Marcel Menzi noch nicht Elektroniker und auch nicht Automechaniker war, sondern Primarschüler in Otelfingen. In jenem Jahr gründete Matthias Krauer in Bauma seinen eigenen Betrieb, die Garage Krauer GmbH.
Seit 2014 ist die Werkstatt, die sich seit je ausschliesslich um die schwedische Fahrzeugmarke Saab kümmert, in der Industriezone von Saland ansässig. Neuwagen verkaufte Krauer nie. Er war eine One-Man-Show und nie Teil des Händlernetzes.
Aber Krauer konnte schrauben. Über die Jahre eignete er sich ein Know-how insbesondere über die älteren Saab-Modelle an, das seinesgleichen suchte. Bereits mit 16 Jahren hatte er sich einen Saab 99 erstanden. Im Lauf der Jahre sollten noch rund 30 weitere Fahrzeuge aus der westschwedischen Stadt Trollhättan in seinen Besitz gelangen. 2022 verstarb der Saab-Aficionado aus dem Tösstal erst 50-jährig an einem Krebsleiden.
In den Jahren vor Krauers Tod ging Marcel Menzi in der Garage in Saland ein und aus, half dem Firmengründer vor allem in anspruchsvollen Fällen und bei elektronischen Problemen der neueren Saab-Modelle, mit denen Krauer wenig anzufangen wusste. «Eines Tages – Matthias war schon erkrankt – drückte er mir einfach den Schlüssel zur Garage in die Hand», erinnert sich Menzi.
Dabei war der heute 34-Jährige damals noch bei der Hirsch Ruckstuhl AG in Kloten angestellt, wo er auch seine Ausbildung zum Automobil-Mechatroniker absolviert hatte: «Matthias Krauer zur Hand zu gehen, war für mich damals vor allem ein Freundschaftsdienst.»
Ursprünglich hatte Menzi eine Elektronikerlehre gemacht und gleichzeitig die Berufsmittelschule abgeschlossen. Schon damals half er in der Freizeit oft bei einem befreundeten Garagisten aus und eignete sich dabei neben der Fahrzeugelektronik auch einiges Wissen und Können in der Mechanik an.
In dieser Zeit reifte der Entschluss, eine weitere Berufslehre als Automobil-Mechatroniker anzutreten. Die Lehre dauert eigentlich vier Jahre, Menzi schloss sie 2013 bereits nach zwei Jahren ab – als Jahrgangsbester der Technischen Berufsschule Zürich (TBZ).



Schmetterlinge im Bauch
In diesen zwei Jahren sei es passiert, erzählt er lachend. «Ich habe mich schockverliebt.» Objekt der Begierde war ein Saab 9-3 Aero mit deutlich sechsstelligem Kilometerstand und einigen Kratzern und Dellen. Für 350 Franken erstand er den Wagen auf einer Online-Plattform.
Bei Hirsch Ruckstuhl arbeitete er sich in der Folge bis zum Werkstattleiter hoch. Doch der Betrieb hatte sich verändert. Saab hatte am 19. Dezember 2011 Konkurs angemeldet, Menzi war nun für Lamborghini verantwortlich. «Ich konnte mich damit nicht identifizieren», sagt er rückblickend.
Die Faszination
Das verlangt nach einer Erklärung: hier der Supersportwagen, italienische Grandezza, die niemanden kaltlässt, und das sonore Grollen von 12 Zylindern, mit dem sich Menzi nicht identifizieren konnte. Da die schwedische Nischenmarke, leicht schrullig im Design, vor allem aber insolvent, an die er sein Herz verschenkte.
«Saab ist extrem individuell. Diese Faszination ist schwierig zu fassen, aber sie ist da, und der berüchtigte Saab-Spirit lebt weiter», ringt Menzi nach einer Erklärung und findet dann eine, die für seine Arbeitszufriedenheit sehr entscheidend ist. «Ein riesiger Unterschied sind die Kunden. Der Lamborghini-Besitzer hat für sein Auto so viel Geld bezahlt wie andere für ein Haus. Mit dem Mechaniker will er oft nichts zu tun haben. Der Saab-Fahrer ist ganz anders, offen, interessiert und kultiviert. Saab-Fahrerinnen und -Fahrer lieben Individualität, Ästhetik und Understatement.»
Das Klischee des Saab-fahrenden Architekten ist nicht zufällig entstanden. «Architekten, Ärzte, Lehrer, Piloten fahren Saab», ergänzt Menzi. Und noch etwas unterscheide Saab-Fahrer von anderen Autobesitzern: «Sie sind immer auch Fans, die ihre Autos möglichst lange auf der Strasse halten wollen. Ich habe noch nie in meiner beruflichen Laufbahn von einem Saab-Fahrer gehört, er wolle auf eine Reparatur verzichten und fahre sein Auto jetzt tot.»
Im Gegenteil. Wenn er einem Kunden eine Reparatur vorschlage, laute die Antwort in 99 Prozent der Fälle: «Du bist der Fachmann. Tu, was du für richtig hältst, und schick mir die Rechnung.»
Die grosse Liebe
Matthias Krauer hatte sich eine Reputation als ausgewiesener Saab-Experte erarbeitet. 2021 stieg Marcel Menzi bei Krauer ein und baute diesen guten Ruf weiter aus, auch geografisch. Als diese Zeitung den Garagisten in Saland besucht, steht gerade ein Saab 9-3 mit Luxemburger Kennzeichen auf der Hebebühne: «Eine Ausnahme. Die Söhne des Besitzers wohnen in der Schweiz, und deshalb bringt er den Wagen hier in den Service. Aber ich habe mittlerweile auch Kunden aus Graubünden, dem Wallis und dem Tessin.»
Denn Menzi ist nicht nur ein Fachmann, wenn es um das Handwerk geht. Er ist auch bestens vernetzt. «Es gibt Leute, die machen einen Bogen um Saab aus Angst, dass es keine Ersatzteile mehr gibt», sagt Menzi. «Aber das stimmt nicht.»
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, an Ersatzteile für eine vor bald 13 Jahren verschwundene Automarke zu kommen. Die Naheliegendste steht auf dem Hof der Garage: Zehn nicht mehr fahrtüchtige Saab sind dort aufgereiht und warten darauf, Ersatzteile zu spenden.
Der zweite Weg führt zu einer schwedischen Firma namens Orio AB, die unmittelbar nach dem Konkurs im Dezember 2011 gegründet wurde. Mittlerweile von der Hedin-Gruppe übernommen (die in der Schweiz verschiedene BMW-Garagen führt), produziert die Firma nach wie vor Originalersatzteile.
Und die dritte Variante ist das Netzwerk von Menzi, das über die Niederlande bis in die USA reicht und das er bei Bedarf anzapfen kann. Und auch Software-Updates für die neueren Modelle sind nach wie vor möglich. Als Saab-Garagist ist Menzi an General Motors (GM) angebunden. Der US-Hersteller war von 2000 bis 2009 Besitzer der Saab Automobile AB.
Bis dass der Rost sie scheidet?
«Ich lebe meinen Traum», sagt Marcel Menzi und wirft einen Blick in die kleine, aber aufgeräumte Werkstatt.
Doch kann ein Garagist in Saland ausschliesslich von einer Marke leben, die Pleite machte und von der jedes Jahr weniger Fahrzeuge auf den Strassen verkehren? Reich werde er mit seiner Arbeit nicht, gibt der junge Garagist zu. Aber seit er die Verantwortung in der Garage Krauer im Herbst 2022 übernommen habe, habe er noch keine Sekunde Angst gehabt, dass ihm die Arbeit ausgehen werde. Im Gegenteil. «Ich habe in den letzten zwei Jahren rund 300 Neukunden bekommen», rechnet er vor.
Um diese Zahl in Relation zu setzen: Schweizweit sind laut Statistik des Astra (Bundesamt für Strassen) noch exakt 9254 Saab immatrikuliert. Ziemlich genau zwei Drittel davon sind 9-3, die es als Limousine, als Cabriolet und als Kombi gibt. Dazu kommen Exoten wie 16 Saab Sonett (das kleine Coupé aus den 1960er und 1970er Jahren sieht aus wie ein Sportwagen, leistet aber lediglich 48 PS) oder 18 Saab 9-7 X (der SUV ist mehr oder weniger baugleich mit dem Chevrolet Trailblazer des damaligen Mutterhauses GM).
Die Rechnung für Menzi ist simpel: Je besser er ist, desto länger bleiben die Zürcher Oberländer Saab auf der Strasse und desto mehr Arbeit bringt ihm dies in die Garage. «Saab ist für viele Menschen mehr als nur ein Auto, Saab ist auch ein Lebensgefühl. Darum wollen viele ihre Fahrzeuge möglichst lange fahren und geben dafür auch gerne Geld aus.» Sein Job sei es, Lösungen für diese Menschen zu finden, sagt Menzi und erzählt von einem Saab 9000, den ein Kunde regelmässig in den Service bringt – mit 485’000 Kilometern.
Und wenn einmal nichts mehr zu machen und ein Saab am Ende seiner Lebenszeit angekommen sei, dann würden sich viele Saab-Fahrerinnen und -Fahrer auf dem Occasionsmarkt erneut nach einem Produkt aus Trollhättan umsehen.

Oft gehe die Liebe zu den schrulligen Schweden von den Eltern auf die Kinder über oder werde im Freundeskreis weitergegeben, sagt Menzi und erzählt von einer 9-3 Limousine, die ein junger Mann kürzlich Probe fahren wollte. «Auf seinem Ausweis habe ich gesehen, dass er erst 22-jährig war. Offen gestanden, habe ich mich schon etwas gewundert. Aber als er von der Fahrt zurückkam, strahlte er über das ganze Gesicht und hat den Wagen ein paar Tage später gekauft …»


Menzi selbst ist aktuell mit einem 9-3 Kombi unterwegs. Ein anderer Wagen in seinem Privatbesitz steht auf der zweiten Hebebühne im hinteren Teil der Werkstatt: ein Saab 9000 mit Jahrgang 1995. Eigentlich wollte Menzi lediglich eine Schraube lösen, die an der Aufhängung des Stossdämpfers hinten links festgesessen war. «Als ich sie gelöst hatte, sah ich, dass sie etwas rostig war. Und dann ist es eskaliert», erzählt der Garagist lachend.
In der Zwischenzeit hat er den Motor und beide Achsen ausgebaut und revidiert, auch der Unterboden sieht aus wie neu. «Am Ende werde ich jede einzelne Schraube des Autos in meinen Händen gehabt haben.» Alte Liebe rostet eben doch. Aber das lässt sich beheben.
«Das Lächeln des Saab-Eigners»
Saab Automobile wurde 1947 als Produktionssparte des schwedischen Flugzeugherstellers Saab (Svenska Aeroplan Aktiebolaget) gegründet. Dieser hatte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs festgestellt, dass die Nachfrage nach Kampfflugzeugen drastisch eingebrochen war, und suchte daher nach einem neuen Geschäftsfeld.
Das erste Fahrzeug, der Saab 92, ging 1949 in Serie. Der erste grosse internationale Erfolg war der Saab 99 Turbo, der 1978 lanciert wurde. Der aufgeladene 2,0-Liter-Motor leistete für damalige Zeiten beachtliche 145 PS.
Im selben Jahr stellte Saab den 900 vor, der ebenfalls auf Anklang stiess und 20 Jahre lang in verschiedenen Varianten produziert wurde. 1985 folgte der grössere Saab 9000, der gemeinsam mit Lancia entwickelt wurde und in Teilen dem Lancia Thema, dem Fiat Croma und dem Alfa Romeo 164 gleicht.
1989 ging Saab ein Joint Venture mit dem US-Hersteller General Motors (GM) ein, die Fahrzeuge entstanden nun auf Plattformen von GM. So basierten der neue 900 und der 9-3 auf derselben Plattform wie beispielsweise der Opel Vectra.
2000 wurde Saab von GM komplett übernommen. In all den Jahren unter GM schrieben die Schweden praktisch nur Verluste. Das lag auch daran, dass die Saab-Ingenieure Entwicklungsarbeiten für den ganzen Konzern leisteten, die Kosten aber vor allem von Saab getragen wurden.
Ausserdem zeigten sich die Techniker am Hauptsitz in Trollhättan reichlich bockig, wenn es darum ging, auf GM-Basis einen neuen Saab auf den Markt zu bringen. Sie veränderten die Autos teilweise komplett.
Bestes Beispiel war die neue Generation des 9-5, von dem in den Jahren 2010 und 2011 noch rund 11’000 Fahrzeuge produziert wurden. Das Auto teilt die Basis des Opel Insignia, aber die Saab-Ingenieure veränderten so viel, dass der 9-5 am Ende sogar einen deutlich längeren Radstand hatte. Letztlich entstand eine stattliche Limousine von über fünf Metern Länge, die ein kommerzieller Flop wurde.
2009 kündigte General Motors an, dass ein Käufer für Saab gesucht werde. Nachdem Verhandlungen mit chinesischen Investoren – vor allem wegen gemeinsamer Patente – gescheitert waren, meldete Saab am 19. Dezember 2011 Insolvenz an.
In den gut 60 Jahren ihres Bestehens hat die Marke Saab zahlreiche Innovationen auf die Strassen gebracht. Schon 1947 mit der ersten Konzeptstudie für den «Ursaab» erfand Saab den Seitenaufprallschutz. 1970 kam die erste Scheinwerfer-Waschanlage.
Im selben Jahr platzierte Saab das Zündschloss hinter dem Schalthebel in der Mittelkonsole. Grund waren Untersuchungen, die gezeigt hatten, dass sich bei Unfällen viele Fahrer beim Aufprall auf das extrem harte Zündschloss die Knie zertrümmerten. 1978 kam der erste Pollenfilter, 1996 kamen aktive Kopfstützen und 1997 ventilierte Vordersitze.
All dies verschaffte Saab eine sehr loyale Käuferschaft, die ihre Fahrzeuge bis heute mit einem leichten Hang zum Fanatismus hegt und pflegt. So fand der Wirtschaftspsychologe Rüdiger Hossiep von der Ruhr-Universität Bochum heraus, dass Saab-Fahrerinnen und -Fahrer das höchste psychologische Involvement mit ihrem Auto haben und mehr als zehnmal so leidenschaftlich sind wie beispielsweise der durchschnittliche Volkswagen-Fahrer.
Weniger wissenschaftlich beschrieb es einst Jeremy Clarkson, früherer Moderator der legendären BBC-Autosendung «Top Gear». Er stellte bei Saab-Besitzern ein bestimmtes, eigenartiges Lächeln fest: «The Saab owners smile. Saab-Fahrer geben dir das Gefühl, etwas zu wissen, was du nicht weisst.»
Insgesamt baute Saab bis zu seinem Verschwinden rund 4,5 Millionen Autos.

Anmerkung der Redaktion: Der Autor fährt selbst Saab und ist daher nicht gänzlich unbefangen.