Tösstaler Wirte wollen für ihre Gäste da sein
Die Öffnung per 11. Mai kommt fast einen Monat früher, als ursprünglich angekündigt. Der Gastrosuisse-Verband übte politisch Druck auf den Bund aus. Nun gelten allerdings strenge Vorschriften für Personal und Gäste. In den letzten Tagen haben die Gastronomen der Region ihr Sicherheitskonzept ausgearbeitet.
Vorerst dürfen maximal vier Personen an einem Tisch Platz nehmen – eine Ausnahme bilden Eltern mit mehr Kindern. Eine Herausforderung bedeutet die Einhaltung von zwei Metern Abstand zwischen den Tischen, was vor allem in kleineren Lokalen zu Kopfzerbrechen führt. Alle Gäste nutzen Sitzplätze, Stehplätze sind nicht zugelassen.
Das Schutzkonzept sieht vor, dass alle Gastronomen die Gästedaten erfassen müssen. Heisst: Vorname, Nachname, Telefonnummer, Datum, Zeit, Tischnummer. Diese Daten müssen 14 Tage lang aufbewahrt werden, damit ein allfälliger Ausbruch des Coronavirus genau zurückverfolgt werden kann. Danach müssen die Daten «vollständig» gelöscht werden.
Aufhören kam nicht in Frage
Die lange Tradition des Restaurants Freihof in Bauma Lipperschwendi wird ab kommendem Montag fortgeführt. Als vor dem nationalen Notstand noch ein Gutachten für einen Ausbau angestellt wurde, stiess man darauf, dass die Wirtshausgeschichte sogar länger zurückreicht als bisher angenommen – über 200 Jahre.
« Wir können gar nicht anders als weitermachen.»
André Reichmuth, Wirt Restaurant Freihof, Bauma Lipperschwendi
«Der Ausbau dürfte nun aber ins Wasser fallen», sinniert Wirt André Reichmuth. Aufhören sei ihm und seiner Frau aber nie in den Sinn gekommen. « Wir können gar nicht anders als weitermachen.» Die Familie, die den «Freihof» in dritter Generation führt, war allerdings in einer komfortableren Situation als manch andere Beizer, hatte sie doch eine Pandemie-Versicherung abgeschlossen.
Wenn nun bei der Eröffnung die Restriktionen einzuhalten sind, sehen sich die Reichmuths in derselben Lage wie die anderen Gastronomen: Ihnen stellt sich die Frage, w ie die halbierten Einnahmen die Fixkosten decken können. Der «Freihof»-Wirt hofft auf die Treue der Stammgäste. «Vielleicht wäre ein Teil der Sommersaison noch zu retten», meint er, «denn die Gäste sitzen wohl lieber draussen, wo sie mehr Bewegungsfreiheit haben.»
Pizzadienst ohne Erfolg
Der Betreiber der Pizzeria Leone in Rikon hat eine deprimierende Zeit hinter sich. «Ich war immer zuhause, habe telefoniert», sagt Mohammed Khalid. Zwar hatte er schnell einen Lieferdienst ins Leben gerufen und Pizzas ausgeliefert.
«Wir haben uns halt irgendwie über Wasser gehalten.»
Mohammed Khalid, Betreiber Pizzeria Leone in Rikon
Da aber die meisten Einwohner der Region geglaubt hätten, durch die Restaurantschliessungen wären auch Hauslieferungen verunmöglicht, sei der Pizzadienst nicht richtig in die Gänge gekommen, erklärt er weiter. «Wir haben uns halt irgendwie über Wasser gehalten.»
Nun geht es wieder los und Khalid kann zur Wiedereröffnung sogar einen zweiten Pizzaiolo beschäftigen. «Ich freue mich!», sagt er.
Beschäftigung ist moralisch wichtig
Da konnte das Restaurant Landenberg in Turbenthal offenbar mehr Pizzas verbuchen: «Wir starteten den Take-away gleich am ersten Tag», sagt Betreiber Vesel Veseli. So habe sich das Angebot schnell herumgesprochen. «Es ist wichtig für die eigene Moral, sich weiter zu beschäftigen.» Darum habe er mit seinem Team manchmal sogar sechs Werktage gearbeitet.
«Die Rechnung wird schwierig, aber wir legen los.»
Vesel Veseli, Betreiber Restaurant Landenberg in Turbenthal
Zwar überwiegt bei Veseli die Freude, den Betrieb wieder für die Gäste zu öffnen. Doch auch er ist besorgt, ob er kostendeckend arbeiten kann, zumal er glaubt, dass die Mehrheit der Bevölkerung noch immer ein ungutes Gefühl dabei haben könnte, ein Restaurant zu betreten. «Die Rechnung wird schwierig, aber wir legen los.»
Wichtige Soforthilfe der Gemeinde
Die Geschichte des Restaurants Bahnhof in Bauma geht zurück auf das Jahr 1875, als die Tösstalbahnstrecke Winterthur-Bauma eröffnet wurde. Wer das «Bahnhöfli» ab dem 11. Mai betritt, wird eine sanfte Renovation feststellen. Der Boden in Restaurant und Saal wurde bearbeitet, die Fensterläden erstmals seit 25 Jahren aufgefrischt.
Da die Erlaubnis zur Öffnung früher kam als angenommen, hat Markus Kradolfers Truppe in den letzten Tagen Gas gegeben. Der Pächter hatte die geplante Renovation schon sistiert. «Es war die Unsicherheit, die uns am meisten zu schaffen machte», erklärt er. Hätte die Schliessung weiter angedauert, wäre das Eigenkapital irgendwann aufgezehrt gewesen.
«Weniger Einnahmen bei gleichen Fixkosten – diese Rechnung geht bei vielen nicht auf.»
Markus Kradolfer, Pächter Restaurant Bahnhof in Bauma
Dankbar ist Kradolfer der Gemeinde Bauma für die Soforthilfe für das lokale Gewerbe. Den vom Bund garantierten Hilfskredit in Anspruch zu nehmen, war für ihn hingegen keine Option. «So geraten nun viele in eine hohe Verschuldung», ist er sich sicher.
Wenn die Wirte der Region sich gegenseitig ihre Sorgen klagten, «dachte mehr als einer laut darüber nach, gar nicht erst wieder aufzumachen.» Und jetzt, da die erhoffte Öffnung da ist, müssen viele ihre Rechnung genau machen: «Weniger Einnahmen bei gleichen Fixkosten – diese Rechnung geht bei vielen nicht auf.»
Moralische Unterstützung der Gäste
«Ideal für Homeoffice und alle, die gerne eine Abwechslung möchten»: So pragmatisch passte die Wirtschaft Schöntal in Bauma auf ihrer Website das Angebot an und brachte den Kunden Fertigmenüs im Vakuum-Beutel bis zur Haustür. Rund 100 dieser Menüs, die zuhause aufgewärmt werden, lieferte das Wirteehepaar Luzia und Peter Aeschlimann aus, nebst dem Betrieb des Take-aways.
«Wir waren permanent am Arbeiten», erklärt Luzia Aeschlimann, «langweilig wurde es uns nicht.» Auch die Angestellten waren froh, in der Kurzarbeit auf Abruf zum Einsatz zu kommen. Die Unterstützung der Gemeinde schätzen die Aeschlimanns hoch ein. Ebenso wichtig war ihnen die moralische Unterstützung der Gäste. «Der Kontakt brach nie ab, die Bindung wurde sogar noch enger als früher.»
«Unsere Gäste waren für uns da, jetzt wollen wir für unsere Gäste da sein!»
Luzia Aeschlimann, Betreiberin Wirtschaft Schöntal in Bauma
Am selben Tag, als der Bund das Datum für die Öffnung bekannt gab, gingen erste Tischreservationen ein. Im kleinen Lokal die vorgeschriebenen Distanzen einzuhalten, wird nun die grösste Herausforderung sein. Dabei schauen die Schöntal-Wirte nicht nur auf die Einnahmenseite. Luzia Aeschlimann betont: «Unsere Gäste waren für uns da, jetzt wollen wir für unsere Gäste da sein!» ( Roland Schäfli)