Wo Studenten alles für ein U-Boot geben
In den Hangars auf dem Flugplatz in Dübendorf hat ein kleines Team von angehenden Maschinenbauern und Elektrotechnikern ein ferngesteuertes U-Boot gebaut – und dafür einiges zurückgesteckt.
Wenn Linus Kuster von seinem Studentenprojekt «Polaris» erzählt, beginnen seine Augen zu glänzen, und er gestikuliert wild mit seinen Händen. Seine Kollegen Noel Bühler und Merve Kaya benutzen Formulierungen wie «Doppler Velocity Log» oder «Inertial Measurement Unit», was für das Verständnis eines Laien eine Übersetzung nötig macht.
Es ist offensichtlich: Die drei 22- respektive 23-Jährigen sind voll im Thema drin. Schliesslich handelt es sich bei ihrer Arbeit nicht nur um einen Essay oder ein Konzept – sondern um ein U-Boot. In einem Hangar auf dem Flugplatz in Dübendorf hat das kleine Team aus zehn Studenten der ETH Zürich und der Universität Zürich in einem Jahr einen Unterwasserroboter gebaut.
Dieser kann die Eisdicke von gefrorenen Seen mit hoher Genauigkeit von unten vermessen und so Daten für Wissenschaft, Behörden oder Veranstalter liefern. Durch ein Loch wird die Maschine in das Gewässer gesenkt, wo sie per Fernsteuerung schwimmt. So müssen Menschen die Eisfläche nicht betreten und sich in Gefahr bringen. Der Roboter ermittelt dann mithilfe eingebauter Sensoren und eines Sonars die Dicke des Eises über ihm.
Das etwas über einen Meter lange, torpedoförmige Gerät liegt auf einem Tisch in der Hangar-Werkstatt. Und dort ist viel los: Zahlreiche Studenten wuseln mit Chemie-Schutzmasken herum, bedienen sonderliche Geräte oder hantieren mit Kabeln. Zwischen den hohen, unübersichtlich mit Elektronik vollgestopften Regalen hängen Flyer und Fahnen mit den Emblemen und Errungenschaften anderer Teams.
«Polaris» ist nämlich nur eines von vielen Projekten, die unter dem Hut des Vereins Aris (Akademische Raumfahrt Initiative Schweiz) laufen. Dessen Mitglieder entwerfen, bauen und testen dort unter anderem Höhenforschungsraketen, Satelliten und Robotikprojekte. Deshalb lehnen an der Wand einige kleine Raketen, auf einem Schrank liegt eine verstaubte Drohne, und hinter einem Regal sind mehrere kleine Rennwagen parkiert.
In diesem Umfeld bauten die Studenten die «Polaris» vom September 2025 bis zum Sommer 2026 als Fokusprojekt im Rahmen ihres Bachelorstudiums. Kuster und Bühler wie auch der Rest des Teams studieren Maschinenbau oder Elektrotechnik, Kaya studiert Jura. Sie unterstützt die Gruppe als Social-Media-Managerin. Weil die Hälfte der Studenten das Projekt nach Abschluss noch weiterführen wollte, konnten diese es ausnahmsweise um ein halbes Jahr verlängern.
Weitermachen für die Autonomie
«Es geht jetzt noch darum, den Roboter autonom navigierbar zu machen», erklärt Bühler. Aber warum haben die verbleibenden fünf Studenten die Laufzeit des Projekts verlängert, wenn die Noten eigentlich schon vergeben sind und die Aufgabe erfüllt wurde? «Aus Leidenschaft», erklärt Bühler mit einem selbstverständlichen Schulterzucken.
«Wir wollen alle etwas Geiles schaffen», sagt Kuster. «Deshalb sind wir so motiviert – für uns ist das hier das Highlight unseres Studiums.» Dafür hätten sie in den intensiven Phasen des U-Boot-Baus auch mal Tag und Nacht durchgearbeitet, sich gegenseitig mit Schichten abgewechselt. Auch jetzt geben sie neben ihrem Studium und dem Schreiben der Bachelorarbeit mehrere Tage pro Woche her.
Bezahlt werden sie für ihre Arbeit nicht. Die Vorstellung eines Lohns belustigt die drei. «Studenten sind halt gratis», meint Kuster. Das Projekt würde sich auch nicht rentieren, wenn sie sich Lohn auszahlen würden. Finanziert wird ihr Material nur über Beiträge der ETH Zürich und von Sponsoren.
Der fehlende Lohn stört sie auch nicht. «Für uns ist das eine riesige Chance», sagt Bühler. «Durch die Erfahrungen sind wir unserem Ziel, Ingenieure zu werden, einen Schritt näher.» Kuster ergänzt: «Indem wir den ganzen Zyklus eines Ingenieursprojekts vom Pitch bis zur Distribution durchmachen, eignen wir uns viele neue Fähigkeiten an.»
Kaya, die viel mit der «Aussenwelt», wie sie es nennt, zu tun hatte, sagt: «Wir lernen zum Beispiel, wie man ein Team managt oder Sponsoren überzeugt und betreut.» So könnten sie die Theorien, die sie im Studium lernten, in der Praxis anwenden.
Ausserdem sei die Stimmung im Hangar einfach toll. «Hier versammelt sich eine grosse Community von jungen Menschen, die alle für ihren Fachbereich brennen», so Kaya. «Wir helfen und unterstützen uns gegenseitig, auch teamübergreifend.»
Zu Freunden zusammengelötet
Innerhalb der Gruppe habe das Projekt sie zu Freunden gemacht. «Wir haben mit niemandem mehr Zeit verbracht als mit unserem Team», sagt Bühler und lacht. Kuster ergänzt: «Alle Schwierigkeiten und die langen Nächte haben uns zusammengeschweisst.»
So zum Beispiel während Exkursionen zum Testen des U-Boots im Zürichsee, auf dem gefrorenen See vor St. Moritz, einmal vor dem Matterhorn in Zermatt. Letztere Mission haben die Studenten in lebhafter Erinnerung: «Das Eis war zu dick, um mit unserer Ausrüstung ein Loch hineinzubohren», erzählt Bühler. «Also mussten wir uns einen anderen See suchen, Werkzeug von den lokalen Behörden ausleihen und die Motorsäge mit dem längstmöglichen Sägeblatt auftreiben.»
Aufgeben kam nicht infrage, denn die Unterkunft war für fünf Tage gebucht. Als auch noch die Elektronik der Maschine streikte, musste das Team einige Nächte durcharbeiten, um zusätzlich technische Anpassungen zu machen. Schliesslich konnte die Mission dann doch noch erfolgreich durchgeführt werden.



Die Autonomie des Roboters halten die Studenten für essenziell. «Das Gerät war unter dem Eis nicht einfach zu steuern», erklärt Kuster. Zudem gebe es mit menschlicher Anleitung Verzögerungen und Störungen. «Ausserdem ist es eine coole technische Challenge, und wir hatten Lust darauf», verrät er grinsend.
Deshalb ist das U-Boot jetzt mit weiteren Sensoren und einer Kamera ausgestattet. Das Kabel am hinteren Ende bleibt aber dran. «So können wir es im Notfall immer zurückholen.» Testen werden sie diesen Winter erneut in St. Moritz, das Ziel ist es, eine Fläche von 100 mal 100 Metern unter der Eisdecke akkurat zu vermessen. Was anschliessend mit dem U-Boot geschieht, ist noch offen. «Es wäre toll, wenn wir noch einen Nutzer finden könnten», sagt Kaya.

