Steffen Liess: «Oft wird in der Schweiz zu wenig hart trainiert»
Seit 2008 ist Steffen Liess Chef Leistungssport bei Swiss Swimming, seit Anfang Oktober 2013 noch im reduzierten Umfang von 50 Prozent. Für die restlichen 50 Prozent wurde der gebürtige Ostdeutsche vom Bundesamt für Sport mit dem Aufbau eines Dienstleistungs- und Betreuungspakets für den Leistungssport im Centro Sportivo Tenero betraut. Im Interview äussert sich Liess über die kommende Langbahn-Saison, wo sich bei den Schweizer Schwimmern der Spreu vom Weizen trennt, über ein neues Wasserausbildungssystems und auch darüber, dass in der Schweiz nicht genügend hart trainiert wird. Steffen Liess, zwar stehen heuer weder Olympische Spiele noch Weltmeisterschaften auf dem Programm, doch langweilig wird es der Schweizer Schwimm-Elite kaum werden, nicht wahr?
Keineswegs. Ich spreche immer von zwei Niveaus, die wir in unserem Sport haben. Einerseits gibt es das europäische Niveau, das uns näher liegt und auf welchem wir kompetitiv sein wollen und sind. Für jeden besseren Schwimmer in der Schweiz muss eine EM ein realistisches Ziel sein. Dann existiert aber auch das Welt- und Olympia-Niveau, wo es doch einiges mehr braucht.
EM in Berlin, Junioren-EM in Dordrecht, Youth Olympic Games in China – welches ist der wichtigste Wettkampf?
Klar die Europameisterschaften. Das ist der Wettkampf, an welchem sich in diesem Jahr der Spreu vom Weizen hinsichtlich Olympia 2016 trennen wird. Wer für Rio Ambitionen hat, der muss nun seine Nase auf europäischem Niveau zeigen. Aber klar sind auch die Junioren-Europameisterschaften wichtig für uns. Es wird heuer auch Schwimmer geben, die an beiden Wettkämpfen teilnehmen werden. Für Junioren gelten etwas erleichterte EM-Limiten. Wenn drei, vier Junge auch in Berlin sein werden, ist das eine gute Sache.
Mit wie vielen Schwimmern rechnen Sie für die EM Mitte August in Berlin?
Es gibt Leute wie den zurückgetretenen Flori Lang oder auch Dominik Meichtry, der momentan eine ausgedehnte Trainingspause macht, die wir nicht einfach so ersetzen können. Ich will mich auch gar nicht auf eine Zahl festlegen lassen. Ich hoffe, es werden so viele wie möglich sein. Quantität steht etwas vor Qualität. Die Limitenzeiten, die auf die Halbfinal-Qualifikation ausgerichtet sind, schätze ich als durchaus machbar ein. 2012 in Debrecen, als es uns gut lief, waren wir 15 Leute. Etwa diese Grössenordnung erwarte ich auch für Berlin.
Im Moment finden im Hallenbad Oerlikon die Schweizer Meisterschaften statt. Was ist der Stellenwert dieses Wettkampfs?
Man definiert sich ja immer über Olympia oder Weltmeisterschaften. Doch die SM ist eine Leistungsschau der Schweizer Vereine, die zeigen können, wie gut sie zuletzt gearbeitet haben. Übrigens geht es nur für einen kleinen Teil der Schwimmer um EM-Limiten. Von den rund 420 Startern werden sich vielleicht je 15 für die EM oder die Junioren-EM qualifizieren. Diese Limiten sind also quasi nur ein Abfallprodukt der SM.
Sind Sie als langjähriger Chef Leistungssport zufrieden damit, wie in den Vereinen gearbeitet wird?
Mit Adrian (Andermatt, dem Chef Nachwuchs – Red.) habe ich im letzten Jahr alle 25 Nachwuchsstützpunkte besucht. Mit allen haben wir über deren Visionen gesprochen. Dabei haben wir festgestellt, dass sich 22 Vereine nur zum Nachwuchs bekennen, aber kein Anschlussprogramm Hochleistungssport haben. Dies haben in der Schweiz nur gerade drei Vereine.
Welche?
Die Limmat Sharks Zürich, Uster-Wallisellen und Lancy. Doch dieses Angebot sollte es auch in weiteren Regionen geben. Es gibt viele Gründe dafür, dass dies nicht so ist. Viele Leute, die oft auch ehrenamtlich arbeiten, haben keinen Anspruch auf Spitzensport. In diesem Fall sollten sie dann aber auch so ehrlich zu ihren Talenten sein und diesen den Wechsel zu einem grösseren Verein empfehlen. Denn Fakt ist, dass in den Schweizer Vereinen zu wenig und zu wenig hart trainiert wird. Und wenn doch, dann trainieren wir zu wenig lange, das heisst, nur während sechs Monaten statt sechs Jahren.
Kann da Swiss Swimming nicht eingreifen?
Ich habe praktisch keinen Einfluss auf die Trainingsqualität oder das Trainingsprogramm in den Vereinen. Nur in Tenero, an unserem nationalen Stützpunkt, da kann der Verband das Ganze beeinflussen. Um die Ursprungsfrage zu beantworten: Nein, ich bin nicht zufrieden, weil es eben diese Elite-Programme zu wenig gibt, um international bessere Perspektiven zu haben.
Stimmt denn die Leistungspyramide im Schweizer Schwimmsport?
Man kann nicht von einer sich zuspitzenden Pyramide sprechen. Das Ganze ähnelt wohl eher einem Apfel. In der Mitte, also im Vereinssport bei den 11- bis 17-Jährigen, sind wir recht breit aufgestellt. Oben gibt es ab und zu vielleicht einmal einen Dominik Meichtry oder gar eine Flavia Rigamonti. Doch die 9- oder 10-Jährigen kommen bei uns meistens nur zufällig zum Schwimmen, da hat der Schweizerische Schwimmverband geschlafen. Im Ausland oder auch in anderen Sportarten in der Schweiz wird dies besser gehandhabt.
Nun hat aber auch Swiss Swimming endlich reagiert und ein neues Wasserausbildungssystem lanciert.
Der Verband hat sich sehr lange nur über den Leistungssport definiert. Doch irgendwann hat man bei uns auch realisiert, dass es doch nicht sein kann, dass das Schwimmen 5000 Lizenzierte hat, der Turnverband aber Hunderttausende von Mitgliedern. Dabei ist gemäss Untersuchungen Schwimmen die Sportart, die in der Schweiz am zweitmeisten ausgeübt wird. Deshalb hat Swiss Swimming ein ganz neues System entwickelt, durch welches es möglich wird, eine kontinuierliche und weiterführende Karriere im Leistungssport zu verfolgen. Im Moment soll das System ab Kindern im Alter von vier Jahren greifen, später dann bei noch jüngeren.
Auf was wird besonders Wert gelegt?
Einerseits auf die Ausbildung der Schwimmsportlehrer. So lanciert Swiss Swimming die national anerkannte Berufsausbildung für Leitende im Schwimmsport. Andererseits wollen wir, dass die Kinder die Schwimmstile konzentriert wie spielerisch erlernen. Je früher die Kinder lernen, beispielsweise die Füsse gestreckt und den Kopf gerade zu halten, desto besser. Mit diesem Kinderausbildungsprogramm wollen wir künftig in alle Schulen gehen. Idealerweise wird jedes Kind in der Schweiz zumindest einmal damit in Kontakt kommen – ob es will oder nicht. Fussball und Orientierungslauf machen das auch so. Unser System beinhaltet aber auch für diejenigen etwas, die nicht Leistungssport betreiben wollen. Über swim.ch wird es künftig für Mitglieder auch ganz viele Angebote im Breitensport geben.

