Stadt testet E-Trottis, weil sie günstiger sind als der Mittagsbus
Pilotprojekt in Illnau-Effretikon
Zielpublikum ist nicht die breite Masse und trotzdem werden sie schon rege genutzt: die E-Trottis. Doch das strenge Parkier-Regime sorgt für Verwirrung.
Ein E-Trotti steht an einem Bahnhof – daran ist nichts speziell. Die Trottis am Bahnhof Effretikon sind aber nicht für die breite Bevölkerung gedacht. Das Pilotprojekt zielt auf ein anderes Publikum.
Die Scooter dienen primär dazu, die Industriegebiete Langhag und Vogelsang besser zu erschliessen, erklärt Stadtpräsident Marco Nuzzi (FDP). Damit sich dies für die Anbieter auch wirtschaftlich rechnet, wurde das Nutzerfeld beschränkt geöffnet.
«Wir vom Stadtrat haben von Anfang an gesagt, die Trottis dürfen nicht in der Stadt verteilt herumliegen», so Nuzzi. Zusammen mit dem schwedischen Mikromobilitätsanbieter Voi Technology hat die Stadt ein Konzept entwickelt, das dafür sorgt, dass die Trottis nicht wild parkiert und später wieder eingesammelt werden müssen.
«Anders als in anderen Schweizer Städten üblich, können die Fahrzeuge ausschliesslich bei den entsprechenden Stationen parkiert werden», sagt Tim Schäfer von Voi Technology.
Parkieren abseits der Zone ist teuer
Jeder kann die Trottis benutzen. Wer aber ausserhalb der vorgeschriebenen Zonen parkiert, muss tiefer in die Tasche greifen. Da laufen die Kosten nämlich weiter.
In der laufenden Testphase gibt es 15 Parkierstationen an zehn Standorten. Dazu gehören der Bahnhof, die Industrie, die Berufsbildungszentren und das Sportzentrum.
«Damit das Testprojekt bestmöglich ausgestaltet ist, ist der Anbieter auf Feedbacks der Nutzerinnen und Nutzer angewiesen», erklärt Tim Schäfer. «Wir freuen uns immer über Hinweise aus der Bevölkerung, wo weitere Stationen sinnvoll sind.»
Das Pilotprojekt läuft zwar erst seit dem 10. Juni, doch man sehe bereits, dass die Fahrzeuge vorbildlich abgestellt werden, sagt Schäfer.
So bringen Anbieter Ordnung ins Trotti-Chaos
Der schwedische Mikromobilitätsanbieter Voi Technology setzt dem Trotti-Wildwuchs mit dem sogenannten "Geofencing" Grenzen. Das Kunstwort "Geofencing" bedeutet geografischer Zaun.
Neben den fixen Parkzonen, wie sie in Illnau-Effretikon getestet werden, gibt es in anderen Städten weitere Konzepte, um die Sicherheit zu erhöhen und Ärger zu vermeiden. Hier eine Auflistung:
- Parkverbotszonen (No-Parking-Zones, NPZ, in der App rot markiert): Hier werden Gebiete ausgewiesen, in denen Trottinette nicht geparkt werden dürfen.
- Parkzonen mit finanziellen Anreizen (Incentivized Parking Zones, IPZ, grün): Nutzer:innen erhalten beim Abstellen finanzielle Anreize, z.B. in Form von Credits.
- Verpflichtende Parkzonen (Mandatory Parking Zones, MPZ, blau): Mit MPZ kann ein stationsbasiertes System wie in Effretikon umgesetzt werden, das das Parken und Beenden einer Fahrt nur in zugelassenen Bereichen ermöglicht.
- Slow-Speed-Zones (gelb): Hier wird die Geschwindigkeit der Trottinette automatisch gedrosselt.
- No-Riding-Zone (grau): Hier wird das Fahren und Parken von Trottis unmöglich gemacht.
Die theoretische Stärke des Projekts erweist sich als Schwäche in der Praxis. So sorgen die Parkstationen zwar für Ordnung in der Stadt, aber gleichzeitig auch für Verwirrung bei nicht ortskundigen Nutzerinnen und Nutzern.
Kritik am Konzept
Das kritisiert Matthias Müller. Der Stadtparlamentarier (Die Mitte) bedauerte an der letzten Parlamentssitzung vom 15. Juni die lückenhafte Kommunikation bei der Einführung des E-Scooter-Pilotbetriebs.
«Wer aus einer anderen Region kommt, kennt das Konzept nicht und steht plötzlich vor dem Problem, nicht parkieren zu können», meint Müller.
In der App werden die Parkzonen zwar als kleine blaue Punkte sichtbar, sobald man die Fahrt startet, doch vor der Fahrt ist es schwierig zu erkennen, wo man das E-Trotti abstellen kann und wo nicht. «Das erschwert die Planung, und es ist ärgerlich, wenn man erst nach dem Freischalten des Trottis sieht, ob man beim gewünschten Ziel parkieren kann». Abhilfe schaffen könnten Info-Tafeln bei den Parkzonen, ist Müller überzeugt.
Voi Technology entgegnet, man habe Flyer gemacht, um die Bevölkerung zu informieren. Diese habe man in den Firmen und den Berufsbildungszentren in Illnau-Effretikon verteilt.
Ausserdem gäbe es eine Einführung in der Applikation, und in Illnau-Effretikon würden Kundinnen und Kunden via App informiert werden, dass der Scooter in der markierten Zone parkiert werden muss. «Wir arbeiten stetig daran, die Bedienung unserer App so einfach und selbsterklärend wie möglich zu gestalten.»
Daneben werde die Ausgestaltung der Zonen in Zusammenarbeit mit der Stadt laufend optimiert.
Trottis als Busersatz
Für die Stadt liegt der Fokus jetzt erst mal auf den Industriezonen. Ohne die gäbe es nämlich gar keine Trottis in Illnau-Effretikon.
«Wir hatten in der Vergangenheit einen Mittagsbus getestet, der wurde aber sehr schlecht genutzt und wäre kostspielig», darum habe man schliesslich auf den Bus verzichtet, erklärt der Stadtpräsident.
Trotzdem wollte die Stadt Arbeitnehmenden der Industriezone eine Alternative bieten. Diese hätten nämlich den Wunsch geäussert, ihr Mittagessen im Zentrum zu konsumieren.
Es entstand die Idee mit den E-Trottis. Die Stadt machte zur Bedürfnisklärung eine Umfrage beim Gewerbe. Bei dieser kam heraus, dass die Mitarbeitenden von 60 Prozent der befragten Unternehmen solche Scooter nutzen würden. «Die Lösung, die jetzt als Pilotprojekt getestet wird, ist viel günstiger als ein Bus und bietet mehr Flexibilität», meint Nuzzi.
So funktionierts:
Kundinnen und Kunden leihen die Fahrzeuge mittels der Voi-App.
Der Preis für die Fahrt ergibt sich aus einer Freischaltgebühr von einem Franken und weitere 39 Rappen pro Minute Fahrzeit.
Für Vielnutzer gibt es die Möglichkeit von Monatsabos – damit werden die Einzelfahrten günstiger.
Zudem können Neukunden mit dem Code «TROTTINOW» fünf kostenlose Fahrten à fünf Minuten freischalten.
Illnau-Effretikon bewegt sich damit gegen den Strom. Verschiedene Städte kämpfen mit E-Trottis, weil sie wild parkiert werden. Behindertenorganisationen stören sich daran, dass es für Sehbeeinträchtigte teilweise kein Durchkommen mehr gibt, weil Trottis im Weg stehen. In der Stadt Zürich werden die Flitzer regelmässig aus dem Zürichsee und der Limmat gefischt.
Auch in Uster führen die Trottis zu hitzigen Diskussionen. Vor allem in den sozialen Medien machen Ustermerinnen und Ustermer ihrem Ärger über falsch parkierte E-Trottinette immer wieder mal Luft.
In Wetzikon wurde vor exakt einem Jahr ein Versuch mit je 125 E-Scootern der Firmen Lime und Voi gestartet. Nach acht Monaten brach der Stadtrat die Übung ab.
Die Gründe waren überwiegend negative Reaktionen aus der Bevölkerung sowie eine Online-Umfrage, die kein Bedürfnis für das Angebot belegen konnte.
Illnau-Effretikon weckt Interesse anderer Städte
Marco Nuzzi glaubt an den Erfolg des Pilotprojekts in seiner Stadt. «Der Pilotbetrieb ist gut angelaufen, und wir hatten bereits Anfragen von anderen Städten, die wissen wollten, wie unser Konzept funktioniert.»
Die Stadt hofft, dass das strenge Parkregime dabei hilft, die Akzeptanz der Trottis in der Bevölkerung zu erhöhen. Damit die Kritik nicht wie jüngst in Wetzikon dazu führt, dass die Scooter wieder wegkommen.