Darum verlässt der Juniorenchef GC
Sein WhatsApp-Bild zeigt Roman Hangarter im Trikot der Grasshoppers. Über 30 Jahre ist es bereits her, seit er als ganz junger Fussballer das blau-weiss gestreifte Trikot trug. Der Durchbruch blieb ihm im damaligen Starensemble um Trainer Ottmar Hitzfeld verwehrt.
Das Sujet auf dem Handy unterstreicht aber seine weiterhin starke Verbundenheit nach so langer Zeit. Und er hat später noch Spuren im Verein hinterlassen.
Seit April 2016 wirkt der Brüttiseller als Technischer Leiter in der Nachwuchsabteilung und ist damit eine der wenigen Konstanten im nie zur Ruhe kommenden Klub. «Ich bin nicht so exponiert», sagt Hangarter. Er meint damit Profimannschaft und Führungsetage. Und doch trennen sich nun die Wege von GC und ihm im März nach sechs Jahren Amtszeit.
⚠ Roman Hangarter nuovo direttore tecnico dell'Academy bianconera:https://t.co/pNbrqLv4mB
— FC Lugano (@FCLugano1908) December 21, 2021
Hangarters neue Herausforderung heisst FC Lugano. «Ich habe die Möglichkeit bekommen, eine Nachwuchsabteilung aufzubauen – vom Kinderfussball bis zum U21-Team», sagt er.
Erst im letzten August übernahm ein amerikanischer Investor die Führung des Tessiner Super-League-Vereins. Aus seinen Ambitionen machte der US-Milliardär schon bei der Vorstellung keinen Hehl und sprach offen vom Meistertitel. Joe Mansueto ist der neue starke Mann und gleichzeitig Besitzer von Chicago Fire, einem Klub der Major League Soccer.
Zur gesamten Aufbruchstimmung passt auch das geplante neue Stadion. Am Bau gibt es spätestens nach der erfolgreichen Volksabstimmung von Ende November keine Zweifel mehr. Es soll nun bis 2026 das veraltete Cornaredo ersetzen.
Mit alten Weggefährten
Doch während bei den Grasshoppers seit der chinesischen Übernahme im Frühling des letzten Jahrs Präsident, Sportchef & Co. bis heute nur schwer greifbar wirken, sind in Lugano bewährte Kräfte aus dem Schweizer Fussball an den Schalthebeln.
Da ist Gregor Heitz, einer der Baumeister der jüngeren Erfolgsgeschichte des FC Basel. Er sitzt im Verwaltungsrat des FCL, bleibt aber als Sportchef im fernen Chicago. Schon viele Jahre im Geschäft ist auch Martin Blaser, der neue CEO, der als einer der besten Sportvermarkter und -manager im Land gilt. Und dann ist da noch Carlos Da Silva, bis im Sommer als Co-Trainer beim Promotion-League-Klub Rapperswil-Jona tätig. Der frühere Lugano-Profi hat die Funktion eines Sportkoordinators inne.
«Es ist ein vertrauenswürdiges Projekt – und es sind gute Leute.»
Roman Hangarter
Damit sind wir wieder bei Roman Hangarter. Mit jedem aus dem Trio hatte er in seiner beruflichen Laufbahn schon Berührungspunkte. «Es ist ein vertrauenswürdiges Projekt – und es sind gute Leute», sagt der Brüttiseller zu den Beweggründen seines Wechsels. Mit 54 sei es für ihn zudem womöglich die letzte Chance für eine solche Herausforderung.
Und selbst wenn der Transfer in die Südschweiz für Aussenstehende etwas überraschend wirkt – er ist es eigentlich gar nicht.
Der Bezug ins Tessin
Hangarter hat seit langer Zeit eine Verbindung zum Tessin. Sie besteht seit Mitte der 1990er Jahre, als er während seiner Aktivzeit drei Saisons lang für Chiasso und Bellinzona auf Stufe NLB und 1. Liga spielte. Das ist zwar lange her, doch der ausgebildete Sport- und Turnlehrer hat in Brione sopra Minusio auch eine Ferienwohnung.
Und vor allem: Seine Frau ist Tessinerin. Zu Hause in Dietlikon wird sogar italienisch gesprochen. Ganz ihre Zürcher Heimat verlassen werden die Hangarters aber vorerst trotzdem noch nicht. «Wir werden pendeln», sagt er. Auch weil seine Frau Teilzeit in der Region arbeitet. Und in der Wohnung bleibt sowieso die 21-jährige Tochter.
Klar ist aber ebenso: Hangarters Einsätze bei den Brüttiseller Senioren dürften seltener werden. Selbst wenn er betont, seine Spielerlizenz weiterhin beim Zweitliga-Verein behalten zu wollen.
Für Hangarter ist der Wechsel nach Lugano der zweite beachtliche Schritt in seiner Karriere. Wegen der Grasshoppers hatte er nämlich bereits den sicheren Job beim Fussballverband der Region Zürich als Technischer Leiter nach insgesamt 15 Jahren Tätigkeit quittiert.
Von einem «neuen Kick» und «idealen Zeitpunkt» sprach er damals mit dem Wissen, was auf ihn zukommen wird – im unruhigen Umfeld des einstigen Nobelklubs. «Vier Wochen bei GC sind wie vier Monate beim Verband», sagte er schon kurz nach seinem Amtsantritt.
Erfolge und Skandale
Tatsächlich erlebte Hangarter mit den Cup-Siegen der U16 und U18 schöne Erfolge.
Daneben streicht er die seit dieser Saison in Betrieb stehende interne Schule auf dem GC/Campus in Niederhasli heraus. Dadurch werden die jungen Fussballer an zwei Tagen in der Woche vor Ort unterrichtet. Besonders daran: Als Lehrer doziert die GC-Legende Ricardo Cabanas.
Bleibend in Erinnerung ist Hangarter zudem ein Match von vorletzter Saison gegen Aarau mit sieben Spielern aus dem eigenen Nachwuchs in der Startaufstellung – sowie einem sehenswerten Tor von Petar Pusic nach einer Kombination der Eigengewächse.
Hangarter hatte natürlich aber auch schwierige Momente zu bewältigen. So beispielsweise vor zwei Jahren bei einem Bestechungsskandal in der Juniorenabteilung. Fünf Trainer hatten Geld von Eltern angenommen und wurden deshalb entlassen.
Oder aber im letzten Herbst, als über ein Dutzend GC-Junioren einen Kioskdiebstahl in Campus-Nähe begingen. Und sie deshalb den Verein verlassen mussten. «Solche Dinge kannst du nicht steuern – gerade bei GC, wo jede Kleinigkeit aufgenommen wird», sagt Hangarter.
Lugano befindet sich da vergleichsweise deutlich weniger auf dem Medienradar – zumindest aus Deutschschweizer Sicht. Die sportliche Richtung ist aber klar: Der FCL will sich als Leadverein im Tessin etablieren.
Bisher war die sportliche Situation im Kanton von steten Wellenbewegungen geprägt. Ob Lugano, Bellinzona, Chiasso oder Locarno – immer wieder mal tauchte ein anderer Tessiner Name eine Zeit lang im Schweizer Spitzenfussball auf – und wieder ab. «Die Situation hat sich geändert. Dafür gilt es die Strukturen anzupassen», sagt Hangarter.
Er selbst wird bis spätestens zu seinem Tapetenwechsel zumindest mal sein WhatsApp-Bild ändern. Selbst wenn ihm das passende Lugano-Sujet fehlt.
