Auf Abenteuer-Reise in Brasilien
Viele Bälle gibt es für sie bei ihrem Debüt für Corinthians am Sonntag nicht zu parieren. Selbst bei einem Handspenalty muss Natascha Honegger nicht eingreifen. Die Spielerin von Bahia zielt bei ihrem Versuch am Gehäuse vorbei. Und Natascha Honegger kann nach dem 2:0-Heimsieg zufrieden eine erste Bilanz ziehen. «Ich habe mich sogleich gut gefühlt.»
Es sind erst ein paar wenige Tage vergangen, seit die Greifenseerin beim Verein aus São Paulo einen Zweijahresvertrag als Profi unterschrieben hat. Der Wechsel in die mit über 12 Millionen Einwohnern grösste Stadt Brasiliens klingt exotisch – und nach einem grossen Abenteuer. Zwar spielen viele Schweizer Spielerinnen mittlerweile im Ausland – ausserhalb einer europäischen Topliga verschlägt es sie jedoch höchstens mal in die USA. Im Land der je vierfachen Weltmeisterinnen und Olympia-Siegerinnen hat der Frauenfussball einen besonders hohen Stellenwert.
Im Fall von Honegger ist es aber eigentlich nur ein nächster konsequenter Schritt in der Karriere. Anfang 2019 entschied sie sich – obwohl schon damals im engeren Kreis des Schweizer Nationalteams – für das Heimatland ihrer Mutter aufzulaufen. Nachdem die 1,81 Meter grosse Torfrau extra für ein Trainingslager nach Brasilien eingeflogen worden war – und dort offenbar überzeugte.
Die nächsten Ziele
Für Honegger ist das Bekenntnis zur weiblichen Seleção aber nicht nur eine Herzensangelegenheit – sie rechnet sich im Vergleich zur Schweiz auch die grössere Chancen aus, um sich als feste Grösse zu etablieren.
Tatsächlich wird der Traum in einem Länderspiel auflaufen zu können, im März letzten Jahres gegen Holland (0:0), bereits zur Wirklichkeit. Unter der neuen Trainerin Pia Sundhage kommt sie zu ihrer 45-minütigen Feuertaufe. Weitere Einsätze sind seither noch nicht dazu gekommen.
Trotzdem spürt sie das Vertrauen der renommierten Trainerin, die auch schon die Nationalteams der USA und von Schweden coachte. «Sie gibt einem ein gutes Gefühl», sagt Honegger. Der Umzug nach Brasilien könnte hierbei ihre Stellung im Kreis des Nationalteams nochmals verbessern. Gerade mit Blick auf die Olympischen Spiele von Tokio im Juli und der Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland 2023. Corinthians zählt nicht von ungefähr zu den besten Frauenteams des Landes und hat eine Handvoll Nationalspielerinnen in den eigenen Reihen.
Beschleunigt wurde der Transfer Honeggers durch eine Knieverletzung der bisherigen Stammkeeperin Taina Borges. Kurz vor Vertragsende kann Honegger deshalb ihren Klub Paris FC – bei dem sie seit 2019 spielte – vorzeitig verlassen.
Und Natascha, wie sie in Brasilien schlicht genannt wird, erobert die Herzen schon bei der Vorstellung im Sturm. Die ehemalige Juniorin des FC Schwerzenbach zitiert mit ihrer natürlichen Art im Videointerview ohne Hemmungen die Zeilen eines bekannten Stadion-Fansongs von Corinthians. «Es ist aber besser, nicht zu singen, sonst wird es peinlich», sagt sie und lacht.
Gefeiert auf Instagram
Es ist nur ein kleines Beispiel, wie sich Honegger in der südamerikanischen Umgebung bereits wohl fühlt. Unzählige Rückmeldungen hat sie seit ihrer Ankunft erhalten. Gerade auf der Online-Plattform Instagram, auf der die Torhüterin schon fast 9000 Abonnenten zählt. «Sie feiern und glauben an dich», hat Honegger festgestellt.
Doch losgelöst der sozialen Medien: Die 23-Jährige will nicht nur sportlich reüssieren, sondern auch mehr von der Kultur der Heimat ihrer Mutter erfahren – und natürlich ihr portugiesisch verbessern. Rund 80 Prozent der Sprache versteht sie mittlerweile. Eine grosse Hilfe bei der Integration sind ihr dabei die Mitspielerinnen. Regelmässig wird sie zum Training abgeholt. Den ersten Gedanken, jeweils mit dem Velo zum Gelände von Corinthians zu fahren, muss die Greifenseerin allerdings schnell verwerfen. «Es ist aufgrund des Verkehrs viel zu gefährlich», sagt sie.
Während im Grossteil von Europa die Ligen ihr Programm bereits abgeschlossen haben, ist die nationale Meisterschaft in Brasilien noch im vollen Gange. Für Corinthians steht so bereits am Donnerstag mit dem Derby gegen São Paulo die nächste Aufgabe an.
Überhaupt sind englische Wochen an der Tagesordnung, da mit der Campeonato Paulista – der Staatsmeisterschaft von São Paulo – noch ein weiterer Wettbewerb im Kalender steht. Wie in vielen Ländern hat der Frauenfussball auch in Brasilien zunehmend an Bedeutung gewonnen. «Viele Teams haben personell aufgerüstet», sagt Honegger. Sie dürfte also schon bald weitaus mehr gefordert werden, als bei ihrer Premiere gegen Schlusslicht Bahia.
