Der späte Schuss ins historische Glück
Sonntagnachmittag, kurz nach 17.30 Uhr. Als Philip Beeler den Puck in der letzten Minute der Verlängerung über die Torlinie bugsiert, brechen in der Eishalle «Campus Perspektiven» in Huttwil alle Dämme. Stöcke, Handschuhe, Helme – alles fliegt durch die Luft.
Auf dem Eis bilden die Dübendorfer Spieler eine Jubeltraube, und auf den Rängen liegen sich die Fans in den Armen.
Captain Jann Falett präsentiert die Trophäe den Fans:
Mit zwei Cars waren sie in den Oberaargau gereist – und die Wunderkerzen nahmen sie nicht vergeblich mit. Ihr EHC Dübendorf verwertete seinen ersten Matchpuck. Die Glattaler schlagen Brandis nach einer intensiven, nervenaufreibenden und hochklassigen Partie 4:3 nach Verlängerung und gewinnen den allerersten Meistertitel in der MSL.
«Ich kurvte ums Tor und schob den Puck in die Ecke», beschreibt Meisterschütze Beeler seinen Treffer 50 Sekunden vor Schluss. Es klingt, als wäre es das Einfachste der Welt.
Alle Tore im Video:
(Quelle: Mysports/youtube)
Dabei war die Partie alles andere als einfach, sondern eng und umkämpft – wie es zu einer Finalserie eben passt. Nach einem torlosen Startdrittel legten die Dübendorfer mit einem Doppelschlag vor – erst erzielte Joshua Theodoridis einen Shorthander (25.), anderthalb Minuten später erhöhte Mike Breiter im Powerplay. Brandis antwortete aber dezidiert und glich bei Spielmitte ebenfalls mit einer Doublette innerhalb von weniger als einer Minute aus.
Beeler schoss die Dübendorfer in der 35. Minute wieder in Front, und mit der Führung im Rücken starteten die Glattaler ins Schlussdrittel, wo früh der nächste Rückschlag in Form des unglücklichen Ausgleichs wartete – der Schuss von Brandis Topskorer Patrick Meyer flatterte zu stark, EHCD-Keeper Remo Trüb war zwar dran, aber der Puck am Ende doch drin.
Danach hatte Brandis optisch zwar mehr vom Spiel, doch auch Dübendorf hätte die Partie in der regulären Spielzeit entscheiden können. Das holte Beeler spät nach, nach einer Overtime, in der das Tempo wohl etwas nachliess, die Intensität aber hoch blieb – es war phasenweise ein offener Schlagabtausch.
Mit dem Cup-Schwung
«Wir haben nie aufgegeben», sagt Beeler, «und am Ende ging es für uns auf.» Dann begibt sich der Meisterschütze wieder zu seinen Teamkollegen, um für das nächste Erinnerungsbild zu posieren. Eine halbe Stunde nach dem Spiel ist das Eis in Huttwil von Dübendorfern bevölkert – jeder will sich mit dem Pokal ablichten lassen, den Captain Jann Falett zuvor entgegengenommen und gleich den Fans präsentiert hatte.
«Wir haben Charakter gezeigt, nachdem wir die 2:0-Führung verspielt hatten – was uns eigentlich nicht hätte passieren dürfen», sagt Falett. «Aber wir nahmen auch in dieser Serie alle Rückschläge hin und steigerten uns. Wir reisten mit der Überzeugung hierher, dass es kein fünftes Spiel mehr geben wird.»
Für Falett war der Sieg im Cup gegen Frauenfeld kurz vor den Playoffs diesbezüglich eminent wichtig. Die Dübendorfer gewannen damals nach einem 0:2-Rückstand noch im Penaltyschiessen – «das gab uns viel Schub», sagt der Captain, «es zeigte uns: Wir können alles erreichen wenn wir das tun, was die Coachs sagen.» Diese Saison habe das Team extrem zusammengeschweisst. «Man kann nicht genug hoch einschätzen, was Reto Stirnimann mit uns gemacht hat».
Freinacht in Dübendorf. So wurde das Team im Chreis empfangen:
Stirnimann ist zu diesem Zeitpunkt längst in der Garderobe verschwunden. Der Titel gehöre der Mannschaft, sagt er bescheiden. «Sie sollen ihn auch feiern.» Sein Team habe über die ganze Serie gesehen mehr Energie gehabt, antwortet er auf die Frage danach, was den Unterschied machte.
Für ihn ist es ein ganz spezieller Titel. Nicht der erste überhaupt – Stirnimann wurde 2001 mit den ZSC Lions Meister –, aber der erste als Trainer. «Es ist cool und eine Riesenfreude – ich kann das auch im Stillen geniessen», sagt er. Am 20. Oktober erst hatte er das Team von Andrea Cahenzli übernommen – und dachte im Moment des grossen Erfolgs auch an seinen Vorgänger.
«Er hat wichtige Vorarbeit geleistet.» Und dann habe sich die Mannschaft über die ganze Saison hinweg weiterentwickelt. «Die Spieler haben sich diesen Titel wirklich erarbeitet», sagt Stirnimann.
Der stille Geniesser
Auch etwas abseits vom Party-Epizentrum, aber immerhin auf dem Eis geniesst Sportchef Urs Wüst den Erfolg. Als Erstes sei ihm der Trainerwechsel im Oktober durch den Kopf gegangen, sagt Wüst. «Zu diesem Zeitpunkt war überhaupt nicht voraussehbar, dass wir am Ende Meister werden. Natürlich wollten wir gewinnen, gewinnen, gewinnen – aber dass es so weit gehen würde, konnte niemand wissen.» Reto Stirnimann habe das Team weitergebracht, «vor allem hat er die Fehlerquote fast auf Null gebracht».
Der erste Meister in der MSL ist also Dübendorf – jener Klub, der zu den treibenden Kräften hinter der neuen Liga gehört hatte. «Das erlebt man nur einmal», sagt Falett, «das macht die Sache schon sehr speziell». Und Torhüter Remo Trüb formuliert es ganz lapidar: «So sieht es aus, wenn Geschichte geschrieben wird.»

